PASCHULKE



Der gestrige Tag war äußerst anstrengend für Paschulke gewesen. Vierzehn lange, langweilige Stunden mußte er im Wald hocken und die Blätter zählen, die von den Bäumen fielen. Es war Herbst und Paschulke Auszubildender im Forstbetrieb seines Vaters.
Wenn er ehrlich war, interessierte ihn diese mühselige Aufgabe recht wenig. Wen interessierte es auch schon, wann, und vor allem wieviele Blätter von den Bäumen fielen. Was für ein unsinniger Job. Viel lieber wäre er Bäcker geworden oder Automechaniker, aber als Automechaniker machte man sich immer so schmutzig, ein Dreck, den man kaum von den Händen gerieben bekam. Auch haßte er das frühe Aufstehen wie es die Bäckersleute handhabten. Nein, diese Berufe kamen auf gar keinen Fall für ihn in Frage. Schaffner bei der Eisenbahn, hm... das wäre noch was gewesen oder Arbeitsvermittler beim Amt, - weiße Weste, saubere Finger, 12Uhr Feierabend. Aber auch zu diesen Berufen fühlte Paschulke sich keinesfalls berufen. Als Schaffner mußte man auch mal gegen die Fahrtrichtung laufen, wobei ihm grundsätzlich übel wurde, und von einem Arbeitsvermittler wurden neuerdings fundierte PC-Kenntnisse verlangt. Sie waren gewissermaßen die Voraussetzung zur Erlangung dieses schönen Berufes. Das war nun gar nichts für Paschulke. Er fühlte sich immer schon sehr der Natur zugetan. Computer haßte er von Kindesbeinen an. Diese elektronischen Höllenmaschinen knechteten den Menschen, in Paschulkes treuen Försteraugen waren sie ein Werk des Teufels, ja Teufelswerk waren sie, sonst nichts.
Nun sollte er also Förster werden, warum auch nicht. In drei Jahren hätte er ausgelernt, dann würde er selbst es sein, der den Lehrlingen die langweilige Aufgabe des Blätterzählens erteilen würde, darauf freute er sich schon. Natürlich würde er bald die Meisterschule besuchen und hätte es schnell zum Oberförster gebracht. In dieser hohen Stellung könnte er selbst den Förstern die Leviten lesen, - ja, Paschulke mußte Oberförster werden, das stand so fest wie der Fels in der Brandung. Sein Ehrgeiz ging schließlich soweit, daß er der Oberförster aller Oberförster werden wollte. In dieser Stellung könnte er sogar sämtlichen Oberförstern der Republik Befehle erteilen, sie maßregeln, Erlasse erlassen, sogar sie zu entlassen wäre er dann befugt...
Diese Gedanken kreisten vernebelt in Paschulke, während er mißmutig Blätter zählend im Wald saß.

Es war schon fast dunkel draußen. Paschulke saß immer noch wirr vor sich hinzählend an seinem angestammten Platz. Herunterfallende Blätter konnte man zwar nicht mehr sehen, doch Paschulke zählte trotzdem fleißig weiter... Was einen hier weiterbrachte war schließlich Stückzahl, nicht das, was wirklich war. Dafür mogelte Paschulke schon mal gern. Es ging sich ja schließlich um »seine« Zukunft...

Und wie er so dort saß, im matten Dämmerlicht der sich nähernden Nacht, die herabfallenden Blätter kaum noch spürend, erhaschte er, warum auch immer, dennoch eines und nahm es vor den Mund, - warum, daß wußte er selber nicht. Selbst wenn man ihn totgeschlagen hätte, würde er es nicht gesagt haben können.

Wie selbstgefällig schlief er ein.
Als er am anderen Morgen von den Strahlen einer knallroten Sonne sanft geweckt wurde, steckte er bis zum Hals in verschiedenartigsten Blättern, die er während der Nacht zu zählen versäumt hatte, - oje... Geschätzt waren es mindestens fünfhunderttausend. Auf den ersten Blick machte er etwa sieben Baumarten aus. Ein Blatt stammte sogar von einer Agave. Komisch, diese Bäume wuchsen hier nicht. Womöglich hatte ihn seine Großmutter in der Nacht mit einem Komposthaufen verwechselt. Bei ihr stand nämlich eine solche Pflanze auf der Terasse, die sie Tag und Nacht pflegte. Agaven blühen nur einmal, so gegen Ende ihres siebzigjährigen Lebens. Großmutter war auch siebzig. Sie hatte die Pflanze zu ihrer Geburt von einem Bekannten aus Casablanca geschenkt bekommen, den sie damals freilich noch nicht kannte. Sie war ja gerade erst in diese Welt gehüpft. Nun hatte sie es zur Alzheimer gebracht und Paschulke sogar mit einem Komposthaufen verwechselt. Wo das noch hinführen sollte mit ihr, wußte keiner. Die ganze Familie machte sich große Sorgen um ihre Großmutter. Die Einzige die hier sorgenfrei zu leben schien, das war Großmutter selbst.
Paschulke war gedanklich schon dabei sich in die Karriere eines ihm verhaßten Berufes zu stürzen, seine Mutter litt wegen der schleichenden Charakterveränderung ihrer Mutter entsätzlichste Qualen, die den Vater immer öfter ins Jägermeisterkoma trieb. »Förstermeister« gibt es ja schließlich nicht. Niemals hätte der Vater es gewagt, eine Flasche Bier zu trinken. Dieses Getränk stand in keinster Weise in Beziehung zu seinem Beruf. Allein Maurer tranken Bier. »Er« war ja schließlich Förster. Der Vater war sehr geradeaus was sein Weltbild betraf. Selbst den Jägermeister schüttete er mit großer Verachtung in sich hinein, nur weil er nicht Förstermeister hieß, obwohl er selbst ein Förstermeister war. Der Vater war auf ganzer Linie geradeaus. Kompromisse kannte er schon in seiner Jugend nicht. Sofort nach seiner Hochzeit legte er sein penetrantes Charmeurgehabe ab und erzog seine Frau nach den strengen Regeln seines individuellen Geradeaustums. Sie war ein schüchternes Mädchen. Sie war eine Wäscherin. Nach drei Ehemonaten trank sie heimlich ein Glas Weichspüler, wovon ihr schlecht wurde. Nach dem vierten Glas ging es ihr endlich besser, sie hatte sich daran gewöhnt. Das sah ihr Mann natürlich gerne, endlich war auch seine Frau »geradeaus«. Er war stolz auf sich.

Als nach drei Ehejahren der kleine Paschulke das Licht der Welt erblickte, tat er nicht den ersten Schrei, sondern spuckte riesengroße Seifenblasen aus, die eine schöner als die andere. Ach, hätte er doch nur laut losgebrüllt.



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