FEIER ON THE MOUNTAIN
Ein Augen und Ohrenzeuge berichtet vom vierten Deadheadmeeting auf der
Rautsch. Nach der Feier fehlten dem Autor allerdings mehrere Tassen im Schrank...(siehe Foto) =>
Die Feier auf der Rautsch ist zuende. Unsere Tauchanzüge hängen zum trocknen an der Leine bei strahlendem Sonnenschein und hochsommerlichen Temperaturen. Das Wetter hat dieser Open-Air Veranstaltung wohl einen Streich spielen wollen und hat das sogar geschafft. Goldfische oder Forellen hätten sich hier oben pudelwohl gefühlt an diesen zwei Tagen. Wir armen Kreaturen von der Sorte Homo Sapiens hatten allerdings kaum eine Überlebenschance in diesem seltsamen Regen, der irgendwie waagerecht vom Himmel zu fallen schien. Die Wetterlage drückte ein wenig aufs Gemüt vieler Deadheads. Gleich nach dem Morgenkaffee begann man, sich in Trance zu rauchen, um den Herrn des Wetters doch noch gnädig zu stimmen. Als das nicht half, griff man zu Alpirsbacher Urpils. Bald begann man allgemein, wirres Sprachgut zu pflegen, oder lachte laut auf, obwohl es eigentlich gar nichts zu lachen gab, was die von allen so sehnlich erwartete Feier anging. Dieser Zustand war den Menschen aber ein großer Trost, denn sie hatten das Wetter vergessen, und Blumen würden blühen, und die Sonne ihre kräftigen Strahlen auf die Rautsch pressen, und alles würde sich doch noch irgendwie zum Guten hinwenden, oder hatte das vielleicht schon getan. Als das auch nicht so recht helfen wollte, besann man sich auf eine andere List, den Unbilden des Wetters endlich Herr zu werden. - SPACE! Ja, SPACE war das Zauberwort! Nach dem Frühstück wurde bei einem großen Joint, den Headkumpan "Hänsken", der exklusiv aus Dinslaken angereist war, meisterlich gefertigt hatte, über einen geeigneten SPACE- Teil aus dem gewaltigen Dead-Repertoire beraten. Einige kramten in ihren Taschen, aus denen sie verstaubte Playlisten vom Dead-Konzert in Ägypten hervorzauberten, die selbst nach all den Jahren noch nach Wüstensand rochen. "ARNE" aus Hamburg, ein pfiffiger Head im Mittelalter griff schnell in das Loch in seinem Strohhut, aus dem er nach längerer Suche schließlich ein Lapptop zog, mit dem er sich blitzschnell ins Internet einklinkte. Man entschloß sich am Ende für einen Download des längsten je gespielten Dead-SPACE-Teiles, brannte davon im Bollerofen der Rautschhütte aus dem Nichts eine CD, schob sie in den Player und wagte es sogar, die REPEAT- Funktion zu aktivieren... Meine Mutter hat mir oft vom Krieg erzählt, von Bomben, die krachend in Häuser fielen, von Flugzeugen, die brennend vom Himmel stürzten, von Soldaten, die vor ihren Augen erschossen wurden. Meine Mutter hat es leider versäumt, mich auch akustisch in diese Bereiche einzuweisen. Wer war ich? Woher kam ich? Wohin sollte ich gehen, die viel gepriesene Ruhe auf der Rautsch endlich erleben zu können? Auf der Rautsch stand eine Hütte. Dort ging ich hin. In der Hütte saßen fünf bärtige Männer in bunten Freizeitanzügen schwer transpirierend an einem uralten Eichentisch. Einer der Männer spielte mit Karten, die er teils sorgenvoll, teils hoffnungsfroh vor sich ausbreitete. Die anderen Männer starrten wie gebannt auf die Hände des Spielers und auf die Karten, nachdem er sie ihnen offenbart hatte. Natürlich machte auch bei diesen Herrschaften eine große Pfeife die Runde. Manchmal verschwanden die Köpfe der Männer im Rauch, manchmal kamen andere Männer mit frischgestopften Pfeifen, manchmal verschwand, nicht ohne Grund, die ganze Runde im Rauch. Statt Karten warf man urplötzlich Münzen auf den Tisch. Auch mit den Münzen fand man die Wahrheit nicht. Schließlich sammelte einer die Münzen ein und ging Bier holen. Der Qualm hatte die Männer durstig gemacht. Die Auswirkungen des Qualmes zeigten sich bald auch bei mir, - ich wurde immer duseliger im Kopf, schließlich fing ich an, zu phantasieren... Und was mir nicht alles durch den Kopf flog in dieser völligen Abgeschiedenheit von der Natur! Meine Gedanken waren fortan nicht bloß Gedachtes, sondern vermischten sich mit der Realität des Momentes zu einer ganz neuen, anderen Realität, die mich mitunter himmelhoch jauchzen ließ, oder zu Tode betrübte. Die Männer taten mir plötzlich leid in ihrer Weltferne, die nun auch mich übel ergriffen zu haben schien. Ich hatte das Bedürfnis zu weinen und ertappte mich, herzhaft lachend, mit einem der Herren im Arm, während draußen sägende Gitarren ihren Brunftschrei in die Schwarzwälder Nacht entließen, obwohl kein Baum wirklich fiel. Am Nachmittag hörte der Regen auf und wurde durch einen entsätzlich blasenden Wind ersetzt, der den Gedanken an einen Spaziergang in mir wachrüttelte. Ich verabschiedete mich höflich von den Kartenlegern, die mich bereitwillig meinem Schicksal überließen und trat eine Gratwanderung an, von der ich mir einiges an Klärung erhoffte. Es ging einen Berg hinauf und immer einen Berg hinauf, - man konnte den Regenwolken die Hand geben, ohne ihnen böse zu sein. In einer Talsenke traf ich auf Ritchie, ein Straßenmaler, der schon seit 25 Jahren mit seinem VW-Bus kreuz und quer durch die Bundesländer fuhr, ohne je ein festes Dach über dem Kopf gehabt zu haben, ein äußerst angenehmer Umstand, da Ritchie meine Kunst in höchsten Tönen zu loben wußte, - ich malte nämlich auch. Ritchie, der in Ermangelung einer Straße hier im tiefen Schwarzwald nicht malen konnte, versuchte mich daher theoretisch in den Sinn und Zweck seiner künstlerischen Arbeit einzuführen, was ein entfesseltes Gespräch zur Folge hatte, für das ein Außenstehender allerdings nur ein müdes Lächeln übrig gehabt hätte. Was genau Kunst ist, weiß eh keiner. Aber das Gespräch kam der Kunst schon sehr nah. Auch Ritchie hatte die Auffassung, daß ein Bild nicht geplant werden könne, sondern immer aus dem Moment heraus entstünde, worauf ich ihm regelrecht Beifall zollte. Mit Kunst läßt sich schon seit jeher keine Mark machen, solange der Künstler lebt. Vincent van Gogh, oder beispielsweise Franz Kafka sind der tödliche Beweis meiner Theorie. Gerade weil sie nicht mehr leben, ist ihr Werk heute weltbekannter denn je. Nach Stunden der einsamen Wanderung im tiefschwarzen Walde, gelangte ich gleich einer Fügung hochrangiger Götter zurück an den Ort des Geschehens. Alles drehte sich in mir, - ich hörte laute Musik und sah Menschen. welche euphorisch im Takte dieser Klänge wippten, die LIVE dargeboten wurden. Obwohl ich nur 500 Kilometer von zu Hause entfernt war, fühlte ich mich einem Pekinger Ritual sehr nah. Einer der Männer, die auf der Bühne als Musiker agierten, drehte oft an einer Gebetstrommel, die rasselnde Geräusche von sich gab. Ein anderer Mann dreschte wild aber konzentriert auf ein teueres Schlagzeug ein, das er vor Stunden in mühevoller Kleinarbeit eigenhändig aufgebaut hatte. Ein kleiner Bengel tanzte mir außerdem fortwährend auf den Füßen herum, was mich sehr schmerzte. Da aber, wie allgemein bekannt, die Zukunft in der Jugend liegt, wollte ich dem kleinen Bengel nicht auch noch unnötige Schmerzen zufügen, sondern ließ ihn, seiner Natur gemäß, still und frei operieren, zumal ich ein Anhänger der anti-autoritären Erziehung war. Um drei Uhr Morgens steckte die Mutter den wirren Bub schließlich schweren Herzens ins Bett, ein weiser Entschluß, der sehr half, meine Schmerzen zu lindern. Besonders faszinierte mich aber der Qualm in der Hütte, den ich in rechteckige Päckchen abfüllte und erfolgreich als Rasierwasser verkaufte. Das "Parfum a la Rautsch" gehörte bald zum Standard meiner sinnlichen Wahrnehmung, die ich der Welt natürlich nicht vorenthalten wollte. Zwingend vermisste ich an diesen beiden Abenden allerdings eine Verbindung zum E-PLUS NETZ, das für eine Vorabbeichte bei der Familie leider nicht zur Verfügung stand. Zu einem Sender gehört immerhin auch ein Empfänger, - was konnte ich dafür, daß man mich in der Heimat nicht erhörte? Eine Überprüfung meines Senders ergab schließlich, daß auch mein Empfänger einwandfrei funktionierte. An mir lag es also nicht, daß ich nicht durchkam. Michael Becker, ein Psychiatriepfleger, der bei uns die Congas bedient, hatte seiner Frau schon am Vorabend bescheidtrommeln können. Ich, als Trompeter, konnte mich mit meinem Instrument leider nicht nach Nordrhein Westfalen durcharbeiten, da ich eher nach innen gekehrt spielte und daher keinen rechten Kontakt mit den Westfalen aufzunehmen im Stande war. So schrieb ich denn einen kurzen Brief an meine Familie, band diesen an eine Schnur, die an einem heliumgefüllten Luftballon befestigt war, (ich habe für Notfälle immer ein paar Gramm Helium in der Westentasche), und schickte den Brief, als der Wind günstig stand, auf die Reise. Ich brauche wohl nicht mehr zu erzählen, daß der Brief tatsächlich zu Hause angekommen ist. Wer wissen möchte, wie es sich tatsächlich zugetragen hat, der möge bitte hier klicken. zurück | Kurzgeschichten | Schnipsel | Gedichte |