Family

Es war eine schöne, gewaltige, aber leider viel zu kurze Zeit!
Die Rautsch ist jetzt über eine Woche vorbei, und Oskar hat mir erzählt, daß es nächstes Jahr vielleicht gar keine Rautsch mehr gibt. (wollen die Heads den Berg in die Luft sprengen?) Aber nein, aber nein!, denn, erstens, haben sie das schon fünf mal in jährlichem Turnus getan, und, zweitens, hab ich mich dann wohl einfach nur falsch ausgedrückt. Die Rautsch stand schon kurz vor meiner Geburt und wird wohl auch noch lange nach unser aller Ableben stehen. Vermutlich wird dieses schöne Fleckchen im malerischen Schwarzwald wohl erst untergehen, wenn das Licht der Sonne, verursacht durch eine schwere Supernova, während der Feier on the Mountain 546789, den Berg förmlich in sich aufsaugen wird, als letzt totale Sonnenfinsternis in der Epoche dieses Universums. (Die Brillen also bitte verwahren!)
Die urigen Enkel der Cosmic Charlies werden dann tatsächlich kosmisch sein und Billy Goodman sollte, nicht zuletzt aus diesem Grunde, endlich mal ernsthaft an Nachwuchs denken, da sonst der urige Charakter der Veranstaltung über die Jahre ernsthaft in Frage gestellt wäre.
Was soll dann das Gerede über ein Ende des Treffens nach Nummer V? Ich kenne dieses Gerede. Ich bin selbst Musiker in einer Band. Wir bestreiten eine jährliche Veranstaltung in ähnlichem Geiste, aber jedes Jahr ist es die letzte, und jedes Jahr freut man sich schon wieder auf das nächste Happening, das anscheinend nie muffig wird.
Ich war erst zwei mal auf der Rautsch, und jedesmal hat es mir besser gefallen, besonders wegen des Wetters dieses Jahr.
Wer sich noch an die Feier Nr.IV erinnert, der weiß, wie gerne wir die Ruder gegen Außenbordmotoren getauscht hätten, während wir die abgesoffene Anlage von der Bühne in die Hütte schafften.
Dieses Jahr war alles ganz anders. Das Gestirn lachte vom Himmel und als es dunkel war, erschrak sich so mancher Wanderer über tausende von kleinen Lemmingen, die angestrahlte Discokugeln durch den Wald hüpfen ließen, was sehr schön aussah, vorausgesetzt, man gab sich dieser Illusion hin. Mag sein, daß sich aus diesem Grunde auch dieses Jahr die Polizei wieder kurz auf die Rautsch verirrte, um diese Erscheinung als Hirngespinst so manchen verunsicherten Wanderers zu entlarven.
Hajo, der, oft organisierend, etwas vornübergebeugt durch den Pulk lief, ist es, dank seiner nüchternen Auffassungsgabe mit zu verdanken, die Beamten sicher und gewandt über die Möglichkeiten der modernen Beleuchtungstechnik aufklären zu können. So nüchtern betrachtet, war den Beamten das natürlich sofort klar. Wie gerne hätte er den Polizisten, wegen der Lemmige, einen Joint angeboten, aber er wußte, daß so mancher Dienst zur Vollstreckung des Gesetzes verpflichtete. Man hatte, in Gerd vom Deadhead-Museum schließlich schon einen Vertreter des Gesetzes hier oben, der das alles ein wenig anders sah. Was sollte dann also eine Hundertschaft hier oben, wenn doch zwei offene Ohren genügten, das Gesetz in all seinen Schattierungen zu vertreten? Außerdem waren Erich von Hugo Boss und Arne vom Mayday in Hamburg anwesend. Um frische Unterwäsche oder philosophisches Blaulicht am frühen Morgen, brauchte man sich auf der Rautsch von vorneherein keine Sorgen zu machen. Diese Gesellschaft hier oben regelte sich ganz von selbst.
Ich, als niederländischer Staatsbürger hatte sogar Grünlicht mit auf den Berg gebracht. Außerdem brauchte man Gerd oder Beate nur kurz am Fuß zu ziehen, wenn das Bier alle gegangen war. Prompt wurde einem ein neues unter den Tisch gereicht, während man oben an der Theke ganz offen und frei sein Pfeifchen rauchte, -verkehrte Welt. Einmal trat mir Hajo auf den Fuß. Ich habe ihm meine Flasche Bier aber nicht gegeben.
Ich saß eine ganze Weile auf der Treppe. Ich fühlte mich wie auf einem reservierten Balkonplatz in der Royal Albert Hall. Von hier aus hatte man einen wunderschönen Blick auf die Bühne. Leider hatte ich mein Opernglas zu Hause vergessen, ein Umstand, der mich im Nachhinein doch sehr ärgerte.
Es gab hier so viel Ungewöhnliches zu sehen. Menschen, die teilweise sogar auf einem Bein zur Musik tanzten, Menschen, die bei hellichtem Tage in bunten Schlafanzügen oft gähnend herumliefen und Menschen, die wie selbstverständlich in den Tag hinein träumten, die Augen geschlossen, den Blick nach innen gewandt In Spanien nennt man das Siesta.. Es gab sogar einen kleinen Flohmarkt hier oben, auf dem man, unter Anderem, schwarz-gepresste Schallplatten verkaufte, die man sich zwar anhören konnte, zum Rauchen jedoch völlig ungeeignet schienen.
Rechts von mir, ein wenig erhöht, hatte man die Theke aufgebaut. Als ich einmal nach rechts am Tresen hochsah, erblickte ich ein recht buntes, rundliches Etwas zwischen den Tischbeinen, das im Takte der Musik überaus genüßlich auf und abwippte. Ich war mir zunächst nicht sicher, ob es sich dabei um einen therapeutischen, gerade in Gebrauch befindlichen Hüpfball, oder um den schwer transpirierenden Bauch eines Buddahs handelte.
Zu dem Ball gehörten anscheinend auch Beine, und als ich meinen Blick über die Tischkante erhob, erkannte ich zuguterletzt einen Hals, dem ein mächtiger Kopf angewachsen war, dessen gutmütige, schon etwas glasige, Augen mich anzulächeln schienen.
Nein, das war kein Hüpfball, sondern Ralph in vollem Einsatz beim samstäglichen Thekendienst, der die Atmosphäre sichtlich genoß.
Viel später verirrte ich mich auf die Bank vor dem Eingang zur Hütte. Eigentlich war es schon sehr früh und recht frisch. In völlig entspannter Atmosphäre entwickelte sich eine hochphilosophische Konversation, die bald nur noch aus den unendlichen Tiefen des Unterbewustseins gespeist zu werden schien. Einige, die sich nicht mit dem Unbewußten auseinandersetzten, sahen sich außer Stande, in dem oft zusammenhanglosen Gerede, daß immer wieder von Lachsalven unterbrochen wurde, einen Sinn zu sehen, so sehr sie sich auch bemühten. Den Wahnsinn muß man leben, man kann ihn nicht verstehen, warum sollte man das auch. Sonst wäre es nur halb so schön gewesen. Es gibt schließlich eine höhere Mathematik als die bloße Addition. Die hatte ich sowieso noch nie verstanden.
Damen werden zum Beispiel immer erst nach Mitternacht besonders anhänglich. Das liegt zum Einen an mir selbst, an meinem gestählten, anziehenden Körper, zum Anderen an der Dunkelheit, die gewisse, unangenehme Konturen mühelos verwischt und bei den Damen letzte Zweifel auszuräumen scheint. Da ich auf der Rautsch auch Connections zu Hugo Boss vorweisen konnte, war es nicht im Geringsten verwunderlich, daß ich bald Anneliese und Sigrid gleichzeitig in meinen Armen liegen hatte. Ich war stolz wie Oskar, aber der hatte nur ein Foto davon gemacht. "Die Rautsch ist das Paradies", dachte ich, während ich genüßlich in einen frisch gepflückten Apfel aus der Butterbrotdose biss.

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