DIE GERECHTIGKEIT DER WELT



Anmerkung des Verfassers:

Diese sehr alte Geschichte habe ich vor einigen Tagen beim Durchwühlen meiner Loseblattsammlung aus den Achtzigern gefunden. Ich fand sie deswegen so interessant, weil sie erstens wahr ist, und zweitens ein bischen so etwas wie ein Schlüssel zum Verständnis meines kleinen literarischen "Werkes" sein könnte. Das Kind in der Geschichte bin ich, obwohl ich sie damals, vermutlich aus Angst, in der "man-Form" (damals noch auf einer zentnerschweren elektrischen Schreibmaschine, die einen Höllenlärm verursachte, daß sich sogar einmal Nachbarn wegen Störung der Nachtruhe bei mir beschwert haben) aufgeschrieben habe. Sie ist datiert vom 12. 9. 1985, und ich gebe sie, bis auf offensichtlich von mir erkannte grammatikalische Ungereimtheiten, wortgetreu wieder.



Gar nicht so weit von Ihnen entfernt, in einem Haus, etwas Abseits von der Straße gelegen, sitzt ein kleines Kind von drei, vier Jahren, verbockt, ja fast verzweifelt an einem Küchentisch.

Das Kind ist im Begriff, folgende schwerwiegende Straftat zu begehen:

Es will seinen Teller nicht leeressen.

Wie würden Sie reagieren?

Selbstverständlich würden Sie dem Kind, das aus frevelhafter Absicht heraus, vielleicht aber auch nur, weil es sich durch Ihren scharfen Blick verachtet fühlt, vielleicht ja auch, weil es einfach keinen Hunger mehr hat, denn das muß alles persönliche Auslegungssache bleiben, solange Sie die Tatsache ignorieren, daß selbst Kinder ein Gefühlsleben haben, zu seinem Verhalten bei Tisch etwas sagen wollen.

Dann würden Sie dem Kinde zunächst ein Schüsselchen, prallgefüllt mit leckeren tiefroten Erdbeeren, (sein Lieblingsnachtisch), direkt vor die Nase setzen.

Dann würden Sie stolz und im tiefen Wissen um die Notwendigkeit ihrer weiteren Maßnahmen, ihren Kopf, der sich gerade auf der Suche nach Solidarität befindet, um dem Kind die Möglichkeit einer natürlichen Reaktion zu rauben, nur etwas zur Seite neigen.

Ihr unheilvoller Blick richtete sich somit auf ihre völlig verunsicherte Ehefrau. Dabei wären Sie stets darauf bedacht, das Kind mit dem linken Augapfel scharf zu durchleuchten, wobei Ihre rechte Hand, (der Zeigefinger wippt gleichmäßig auf und ab), mehr oder minder bewußt, drohend auf der Tischplatte ruhte, gerade so, als ob darunter ein scheußliches Geheimnis verborgen läge.

Sie haben nun in der Tat damit begonnen, das große, knisternde Schweigen vor Ihrer explosionsartigen Entladung lang aufgestauten Hasses möglichst wirkungsvoll, d. h. erdrückend zu gestalten.

Hier an dieser Stelle, würde sich bereits der erste triumphale Erfolg Ihrer Maßnahmen offenbaren, denn die Augen des Kindes würden in der Folge leicht rot anlaufen, (am liebsten wollte es jetzt schon um Gnade flehen). Sein rechtes Äugelein würde so gerne weinen, sein linkes hingegen, wäre allerdings bereits dabei, Sie unter quälenden Schuldgefühlen zu eliminieren, während, darüberhinaus, sein zierlicher, jetzt nicht mehr unschuldiger Mund, verstohlen zu Ihnen hinauflächelte, und immer seiner Schande bewußt, zu Ehren des geliebten Vaters.

Und dann, wenn Ihr Hirn sich endlich vollgesogen hätte mit diesen Exkrementen des Starrsinns, ja dann würden Sie, zur Sicherung Ihres zweiten Triumphes über das noch junge Leben, zunächst einmal kräftig nach Luft schnappen, der Ihnen, Gottlob, mehr als sicher wäre.

Sogleich nach einer weiteren, wohlüberlegten Pause, während welcher Sie Ihren Hass in pädagogische Bahnen geleitet haben, würden Sie ihre donnernde Stimme erheben, damit dem Sprössling die Schande seines Daseins auch verbal beigebracht werde.

Ihre Aufmerksamkeit würde sich nunmehr demonstrativer denn je auf ihren laut Gesetz ebenbürtigen Tischnachbarn fremden Geschlechtes richten, der, genau wie auch das Kind am liebsten von nichts wissen wollte, während sich ihr glühender Körper pulsierend aufrichtete.

Der Sturm, den Sie damit in dem Kinde erzeugen würden, ginge über alles Fassbare hinaus.

Glücklicherweise könnten Sie sich in diesem Falle der absoluten Diskretion sicher sein, denn es würde ihrem augenblicklichen Verlangen sehr wohl nachgeben.

Einem Kind glaubt man ja ohnehin nicht, weil es noch vollkommen unkoordiniert im Kopf ist; außerdem würden derartig sozialisierte Geschöpfe, vor lauter Angst davor, von Ihnen im Stich gelassen zu werden, sich niemals an die Öffentlichkeit wagen.

Öffentlichkeit?, nein, so etwas kennen diese Kinder nicht.

Es wird schweigen weil Sie es verlangen. Es wird nun endlich begreifen, daß Wissen etwas gefährliches ist. Es wird verstehen, daß Gewalt erwünscht ist und notwendig und niemals negative Folgen hat.
Es wird noch gar nicht wissen können, aus welchen "fadenscheinigen Gründen" heraus es plötzlich andere Kinder quält, Regenwürmer mit Lupen zerschneidet oder den geliebten Goldhamster erwürgt.

Aber wehe dem, der Vater erführe davon!


Bleiben wir bei Tische:

Sie, der Vater, (das unterstelle ich jetzt einfach mal unartigerweise), hätten sich jetzt also ihrer ausschließlichen Rechte vergewissert, dem Kinde jegliches Recht nehmen zu dürfen, da Ihr Recht das Recht dieser Welt ist. Für das Kind sind Sie allerdings nicht nur das Recht dieser Welt, sondern ein Repräsentant derselben.

Als gelernter Pädagoge wissen Sie natürlich in jedem Falle, was Sie tun, - die Verantwortung liegt schließlich nicht auf der Straße herum.

Sie, der Vater also, würden nun Ihre gewaltige Stimme erheben:

"Du, meine allerliebste Agathe." (PAUSE)
"Also..." (PAUSE)
"Etwas kann ich nicht begreifen." (PAUSE)
"Warum will er seinen Teller nicht leeressen? Schmeckt es ihm etwa nicht? Wenn dem so ist, warum kochst du dann noch für ihn?"

Der Vater naschte demonstrativ an den Erdbeeren, während er das sagte.

Der zu Maßregelnde starrte wie gebannt auf seinen erst halbgeleerten Teller und auf den Nachtisch.

"Was habe ich nur verbrochen?", dächte er bei sich, obwohl er natürlich fast schon wüßte, daß Eines erst nach dem Anderen kommen kann

Ab und an fiele eine Träne der Schwäche aus den Augen des Kindes, für die es sich um so mehr schämte.

"Wäre es nicht angebracht, den Kleinen diese Woche nicht mehr auf die Straße zu lassen, es sei denn, er äße seinen Teller noch leer?"

"Bitte tue uns das nicht an mein Junge. Wir wollen nicht, daß du böse wirst, wir wollen dir nur helfen, den rechten Weg in diese Welt zu finden", entgegnete die Mutter womöglich beschwichtigend.

Derweil das Kind weiterhin stumm bliebe, gäbe ihm der Vater eine Ohrfeige, deren Wucht es mühelos von seinem Stuhl gerissen hätte.

"Nun?,...wie ist es...," fragte der Vater vielleicht.

Nichts als ein Schluchzen wäre die äußerliche Folge. - innerlich grassierte allerdings ein frei flukturierender Selbstverachtungsstrom im Kind.

"Nun sag doch auch mal was Prägendes zu unserer Brut!. Du kannst dich doch nicht immer hinter deiner Spülschürze verstecken.", so käme es, geschätzt, fast schroff aus dessen Munde.

Das Kind würde wahrscheinlich innerlich um Hilfe flehen:

"Mutter, Mutter, wirst du mich verstehen? Hilfst du mir aus diesem Sumpf?!" So stehe mir doch bitte bei. Wirst du das tun?... bitte sage nur ein Wort, ein einziges Wort gegen ihn!"

Die Gedanken des Kindes hätten allerdings bloß eine zweite, noch heftigere Ohrfeige durch des Vaters Hand zur Folge, durch die es zurück auf seinen Platz getrieben würde.

Agahte aber würde vermutlich schweigen, da sie, auf Grund der Abhängigkeit von ihrem Manne, die Gefühle dieser Unterdrückung zwar ahnte, diese jedoch nie zu realisieren im Stande wäre, weil sie in ihrem Gatten den polternden Vater ihrer Kindheit sieht, den sie unbewußt unterstützen muß.

Deswegen würde sie das Kind unter Zuhilfenahme einer sorgenvollen Miene höchstens dazu auffordern, den Teller brav leerzuessen.

"Komm", würde sie vielleicht sagen, " und ihn sanft streicheln.

"Mach doch, was der Vater sagt, dann ist alles schnell vorbei, und du darfst sogar deine Erdbeeren essen. So schwer kann das nicht sein."

Das Kind hätte, in Folge des Ereignisses, natürlich gerne die Fassung verloren und sich gewehrt, aber das ging leider nicht, doch es sollte alles anders kommen.

Innerlich zerfetzt von diesen sinnlosen Demütigungen, die es willig ertragen müßte, darüberhinaus verwickelt in unsinnige Schuldgefühle, die die Philosophie der Existenzler erst ermöglichte, wäre es in der Tat zum Schweigen verdammt, begriffe das Kind nicht plötzlich die Notwendigkeit dererlei Maßnahmen.

Deswegen hat das Kind seinen Teller auch nicht leergegessen, sondern vollgekotzt.

(Dieser Auswurf möge zur Belebung der Sinne beitragen).



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