DIE TAGE DES REGENS


Mann

Ich wohnte in einer kleinen Hütte am Schmalbach, ganz nah bei der Hauptstadt, nicht fern vom elterlichen Gehöft. Fern war Amerika, waren die schneebedeckten Gipfel des Himalaya, so fern war gar Australien, daß man die trommelnden Trommler der Ureinwohner nicht mal mehr hörte! Der Südpol erst! Das war die fernste, der Fernen, die je ein Mensch mit bloßer Hand noch zu erreichen vermochte.
Es waren die Tage des Regens, als ich beschloß, mich der Menschheit auszuliefern. Ein leerer Kühlschrank trug maßgeblich zu diesem Entschluß bei.
Seit Wochen goß es in Strömen. Findige Winde ließen den Regen bald waagerecht vom Himmel fallen. Seit einigen Tagen lag das Reich der Götter definitiv im Osten. Wenigstens konnte man ihm jetzt gerade ins Gesicht schauen. Eine mir flüchtig bekannte Nachbarin hing flatternd an einer Fernsehantenne auf dem Dach nebenan. Ihre Schürze war ihr zum Verhängnis geworden. Gott hab sie selig! Sie, die Schürze, war nämlich teuer.
Wollte ich nicht verhungern, dann mußte ich auf der Stelle hinaus in den Sturm. Ich hatte keine Wahl. Ich beschwerte mich vorsorglich mit Eisengewichten und band mir, zur Sicherheit, noch meinen Fernseher um den Hals. Schon noch in der Wohnung gelang es mir nicht mehr, auf zwei Beinen zu stehen. Dazu hätte es wohl derer sechse bedurft. Dieser Umstand würde mir draußen den so nötigen Halt geben. Da war ich mir, als ich mich derart deformiert im Zimmer herumkriechen sah, sicher. Ich erinnerte mich spontan an den Werbe-Spott eines weltweit bekannten Deodorant-Herstellers: 2 MAL SPRÜHEN, 24 STUNDEN SICHERHEIT!,
wobei ich, ehrlich gesagt, auch nicht unbedingt begriff, in welchem Zusammenhang das stand. Dann dachte ich: VERZWEIFLUNG UND IRONIE. Dieser Zusammenhang war wohl eher von philosophischer Natur. Halt finden im nicht Halt finden können, obwohl ich noch gar nicht wußte, ob ich mit meiner Konstruktion tatsächlich Halt finden würde. Philosophie als tröstendes Wort für Untröstliche, als Konstrukt von Unkonstruierten für Unkonstruierte.
Theorien muß man ausprobieren. Denkmodelle sind halt nur Denkmodelle, die meist aus einer gewissen Hilflosigkeit heraus entstehen. Methodik will erprobt sein, bevor sie gängige Praxis wird, oder nicht.
Ich nahm meinen Regenschirm zur Rechten, verbarg den Fernseher zum Schutz vor Dieben unter meinem Mantel und kroch hinaus auf die Strasse.
Ich blieb zwar nicht standhaft, aber wenigstens flog ich nicht weg.
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