DER URLAUBSANTRAG![]() Ich arbeitete in einer Frikadellenfabrik. Meine Aufgabe bestand nun darin, die an sich fleischlosen Produkte unseres Hauses von Mehlwürmern und anderem Ungeziefer zu befreien, bevor diese auf verölten Fließbändern der Verpackung zugeführt wurden. Da man es mit der Hygiene hier nicht so genau nahm, frei nach dem Motto: Dreck reinigt den Magen, nahm ich meine Aufgabe nicht sonderlich ernst und drückte aus Langeweile oft aus der Zoohandlung mitgebrachte Maden in den noch rohen Teig aus Tiermehl und Hundekot. Ich hätte es aus reinster Liebe zum Tier heraus nie gewagt, auch nur eine Made ihres Lebensraumes zu berauben. Ein Umstand, der unserer Firma schnell den Ruf einbrachte, die fleischhaltigsten Frikadellen Deutschlands zu produzieren. Aber jetzt war es genug. Ich hatte einfach keine Lust mehr. Wenn ich im Kaufhaus Frikadellen sah, wurde mir grundsätzlich schlecht. Ich weiß gar nicht, wie oft ich dort ins Kühlregal gekotzt habe. Ich mußte mal für einige Zeit weg vom Fließband, da dessen Rattern mir außerdem seit Monaten den so dringend benötigten Schlaf raubte. So konnte das doch nicht weitergehen. Für seinen Urlaub mußte man hier regelrecht kämpfen. Solche Anträge waren nicht gerne gesehen. Es gab zwar ein Personalbüro, aber keine Türe, durch die man es hätte betreten können. Es gab, laut Aushang am schwarzen Brett sogar eine Gewerkschaft, deren oft agressive Manifeste die Ungerechtigkeit der Geschäftsleitung auf zerknüllten leeren Blattfetzen, die unschwer ersichtlich, mehrfach durch den Reißwolf gegangen waren, ganz und gar unzensiert anprangerten. Der Chef der Kantine war im Sinne einer möglichst flächendeckenden Verbreitung dieser Schriften angehalten, Servietten daraus zu machen. Ein sauberer Mund entbehrt des dreckigen Wortes. Das war die Firmenphilosophie. Sie ging zwar auf wie ein Hefeplätzchen, litt jedoch fast unbemerkt unter keimfreier Erstickung. Der Krankenstand war dementsprechend hoch. Pillen hin, Pillen her! Wer sie nicht schluckte war schnell weg vom Fenster. Wer sich besoff, war krank. Wer rebellierte gehörte in die Anstalt, und wer in der Anstalt war konnte für nichts mehr was. Professor Dr.Burg aus der Entwicklung kämpfte schon seit Jahren händeringend um die Lösung dieses Problems. Obwohl mehrfach gekündigt, stellte er sich zur Freude aller immer wieder an. Sein Aufsatz: Duldung des Widerspruchs geriet in Fachkreisen schnell zur Weltliteratur. Eine zweite Schrift: Die Internierung der Leidenschaft wurde sogar auf dem Mond hinlänglich diskutiert. (von der Metzelei auf dem Saturn gar nicht zu reden). In Burgs Büro flossen die Hirnströme seiner niederen Kollegen zusammen und formierten sich bald zu einem sämigen Vokabelsalat, dem allerdings das rechte Dressing fehlte. Die Uniformierung der Welt stand bevor. Erkenne dich im Anderen, eine Identifizierungs - Saga, gleichsam der dritte Aufsatz des Professors, ging quer durch die Milchstrasse. Es war nur zu schade, daß man den Mitarbeitern nicht einfach die Köpfe abschlagen konnte, ohne daß diese dann ihre Arbeitskraft verlören. Das wäre es ja gewesen. Man mußte schon ziemlich nachdenken, wollte man in der postmodernen Kommunikationsgesellschaft einwandfrei überleben... Es gab hier halt keine Ängste sondern nur deren Auswirkungen in Form von recht zweifelhafter Kompotenz zu spüren. Auch wehte oft ein sauerer Wind aus Nordost, der mir das Nackenhaar doch merklich sträubte, wobei ich dachte, das sei normal. War es womöglich auch, zumindest hier. Ich dachte auch kurz an Sex mit der Chefsekretärin, einer monströsen Gummipuppe mit besonderen Fähigkeiten in Word und Excell und träumte von einem Pflaster, das ich ihr vorher über ihren Mund geklebt hätte haben würde. Was interessierte mich die Kalkulation beim Sex? Gegen Ejakulation hatte ich ja nichts einzuwenden. Aber wenn, dann bitte nicht geschäftlich. So denn: Irgendwo im zweiten Kellergeschoß gab es einen Briefkasten-ähnlichen Schlitz, über dem in altdeutschen Lettern: Hier Urlaubsanträge geschrieben stand. Diesen Schlitz fand ich nach zweimonatiger verzweifelter Suche eher zufällig in einem düsteren Raum, der mich sehr an eine Tropfsteinhöhle erinnerte. Bis zu zwei Meter hohe gewaltige Kalksandsteinsäulen, die mir fern wie monumentale Gartenzwerge erschienen, stellten sich mir drohend in den Weg. Wie Smaragde glänzten grüngelbe lamellenartige Gebilde, die, als ob es die Augen längst verstorbener Kollegen seien, wie warnend von der rissigen Decke des Raumes aus auf mich hinabsahen, als wollten sie sagen: Tus nicht, sonst wirst du noch so enden wie wir! Was du siehst, ist eine Sache, dachte ich. Was deine Phantasie daraus macht, eine andere. Es gibt nur das, was du siehst. Und, was sehe ich? Schimmelpilze und natürlich gewachsene Säulen aus Kalk, der mit dem Wasser von der Decke tropft. Das, was mir im Moment Angst macht, ist meine Phantasie, doch das ist bloße Fiktion. Sei stark! Dies hier ist dein Antrag und dort, der Schlitz wo er hineingehört. Aber, ist diese Tatsache nicht allein schon ungewöhnlich? Mir war zum Weinen zumute. Warum weinte ich nicht? Ich lief hin zu dem Schlitz und trommelte mit beiden Fäusten wie aufgebracht auf ihn ein. Ihr Schweine!, schrie ich, fiel hin und verlor meine Pantoffeln. Was habe ich verbrochen, daß ich mich so verstellen muß? Und wie ich so überlegte, da fiel im Nebenraum jäh eine Türe ins Schloss. Ich vernahm ein Geräusch, das sich wie das Klimpern eines Schlüsselbundes anhörte wenn jemand abschließt. Von dort war ich gekommen. Von dort hörte ich Schritte sich mich nähern. Verschreckte Fledermäuse zogen wirr ihre Kreise um meinen Kopf, den sie sich als Wendepunkt ausgeguckt hatten, wie die Segler ihre Bojen beim fröhlichen Wettbewerb. Das Tapsen der Schritte wurde permanent lauter, jedoch schien sich der Gang der Person, die sich mir näherte mit einem jeden ihrer Schritte auch drastisch zu verlangsamen. Stunden später geriet jeder Tapser regelrecht zu einem Erdbeben, und später brauchte es Jahre von Schritt zu Schritt, dessen Erschütterung, wenn er denn getan wurde, von den seismographischen Stationen der Welt als Sensation gefeiert wurde. Jahrzehnte gingen übers Land. Jahrhunderte verbrachte ich in diesem Keller. Ich wollte endlich ans Licht, aber es gab kein Zurück, zumal mein kilometerlanger Bart wie frisches Efeu an den Wänden klebte. Mit dem letzten Schritt explodierte die Erde und ging in einem gigantischen Feuerball wie gewollt ihrem Ende entgegen. zurück | Kurzgeschichten | Schnipsel | Gedichte |