RÖCHLINGS MORGEN

(aus meiner Psychodramatik)

INNE PÖTTE

Es ist noch früh am Morgen, als Röchling, Peter Röchling, sich, schwer gähnend, aus dem Bett erhebt. Zunächst streift er seinen viel zu großen Pyjama ab, der ihm wohl (oder übel) einmal gepasst haben mochte, torkelt splitternackt zu seiner Wasserstelle, taucht seinen Kopf wie ein halb verdursteter Büffel tief ins Klosett hinein und nimmt schließlich grunzend seinen ersten Schluck aus der Quelle des Lebens. Nach dieser köstlichen Erfrischung, betätigt er, ohne seinen Kopf von der Stelle bewegt zu haben, die Spülung. Dazu muß er seinen Arm weit ausstrecken, denn dieser kleine, verfluchte Mechanismus, befindet sich ganz oben, quasi mittig auf dem Top des Reservoirs.
Dieses Dingen hat rein optisch betrachtet, Ähnlichkeit mit dem Ventil einer riesigen Tuba, mit dem Unterschied, daß man an ihm ziehen muß und nicht darauf drücken, um einen Effekt zu erzielen, und zwar, den gewünschten, was ihm, auf Grund der wideren Umstände, natürlich nicht leicht fällt. Röchling ist von kleiner Statur. Sein Zeigefinger reicht so gerade eben Fingernagelbreit an die Unterkannte des Ventiltellers heran. Und wenn dann die Spülung endlich losgeht, wenn sich rauschende Wasserfälle Niagara-artig über seinem Kopfe ergießen, dann junkt er vor kindlicher Freude über diese erquickende Dusche. Was für ein Kick!
Röchling ist Ökologe, nicht aus Prinzip, sondern aus der festen Überzeugung eines gelernten Landschaftsgärtners heraus. Er weiß wo die Pflänzchen stehen, die er gesetzt hat. Einmal, da hatte er sogar Algen im Kloh. Wo die herkamen, das kann er sich allerdings bis heute nicht erklären...
Auch die perfekte Rasur mit dem Handtuch will von der Pieke auf gelernt sein. Einmal kurz drüberwischen, reicht eben nicht. Da muß man schon kräftig schrubben, oft Stunden lang, aber, es geht, wobei er FROTTEE, in dieser Hinsicht, für besonders geeignet hält. Hier verfangen sich die echten Haare zu Scharen in Kunstfasern. Das läßt die Bartstoppeln schnell zu Berge stehen und schließlich fallen sie ab, als seien sie nie da gewesen. Bald schaut man aus, wie eine flotte Mitvierzigerin, die sich nie im Leben rasieren muß. FROTTEE wirkt hier in etwa wie sanftes Schmirgelpapier zur Haut. Röchling ist ein wahrer Meister dieser Diszplin. Auch von dieser MÄNNERSACHE ist er überzeugter denn je.
Nach seiner Toilette tastet Röchling sich behende zu seinem Kleiderschrank vor.
Wenn er ihn findet, das ist nicht immer der Fall, denn dazu müßte er erst den Lichtschalter finden, dann findet er, wie jeden Morgen auch, zumeist die Hose, das Hemd, den Pullover vor, so, wie er sie, als er ins Bett ging, auf dem Teppich wie Pulver verstreut hatte. Das sich während der langen Nächte niemand um seine Sachen kümmert, findet Röchling von Tag zu Tag erstaunlicher. Die Mutter würde sich um Nichts in der Welt zieren, ihm diesen Gefallen zu tun. Sich ihr nochmal derart auszuliefern, danach steht ihm im Grunde doch noch der Sinn, obwohl er das gar nicht sieht.
Die Mutter macht ihm sägende Schmerzen im Kopf, sonst wär sie ja unbezahlbar! Sich nicht wirklich über sie hinwegsetzen zu können, erzeugt Dichtung von tiefstem Format! Ihr Wesen ist ihm ein einziges Rätsel, welches er schweigend zu lösen versucht. Das erste Geheimnis des Lebens ist auch immer das letzte. Aufbäumen ist angesagt! Aber, es gelingt nur im Kopf. Wer den Verstand verliert, hat seinen Bauch verloren. Sein internes Miteinander zerbricht, weil es gar nicht erst entstehen konnte.
Natürlich möchte auch Röchling das sehen. Er aber kann das nicht, weil er den Unterschied gar nicht kennt. Denn dazu müsste er erst Berge versetzen, Brücken bauen, oder tiefe Tunnel graben. Himalaja! (auch so ein Ort)
Leben ist fröhliches Scheitern an der eigenen Blindheit, ist Überwindung, die in der Hochschätzung des Mächtigen gipfelt! Ihr spinnt doch! (in Kreativität, AMEN!)
Nun ja, die Klamotten passen wenigstens noch. Sie sind mit der Zeit aber ein wenig steifer geworden und werden, sofern er das richtig sieht, von Tag zu Tag sogar immer knochiger.
Wenn gar keine Bewegung mehr geht, die Anziehsachen also hart wie der Stahl einer Rüstung geworden sind, die Nachbarn schon über ihn tuscheln, dann läßt er sich mißmutig darauf ein, sich, nur für die Leute, mal so richtig neu einzukleiden. Das ist natürlich immer ein schwerer Schlag gegen seine großartige Philosophie: HUMUS ZU HUMUS, die in weiten Teilen des Landes noch ein völlig unbeschriebenes Blatt ist.
Da ihm auch, seit er in Panik von zu Hause geflüchtet ist, keiner mehr den Frühstückstisch deckt, sieht man ihn Morgens, wenn überhaupt, manchmal Zeitungslesend, eher verbockt, im Cafe BONJOUR sitzen.

Zum Lügen fehlt ihm leider oft die Zeit.
Nun wartet er inständigst auf Vorwürfe aus der freien Welt.
Traut ihm nicht! Er ist ein Fuchs!


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