DIE VERGAMMLUNG DER SCHÄNDER



Moral braucht kein Rezept
(fragen Sie ihren Arzt oder Apotheker)

Bild von Jürgen Klauke

Artwork by JÜRGEN KLAUKE



Meine Oma hieß TRAUTCHEN. Sie trug ihre Familie am Schlüsselbund mit sich herum und steckte sie deswegen, was immer sich auch ereignen mochte, mühelos in die Tasche.
Meine Oma hieß mit Nachnamen STRENG. Sie war Gefängniswärterin und wußte sehr wohl um die Schänder des Volkes.
Vor zwei Wochen etwa fiel sie auf der Stelle um, tot. Es gab Gesänge und Feiern, es gab Gespräche in Rundfunk und Fernsehn, wie einen Kaffeklatsch, dem man den Mangel an Trauer von den Nasen ablesen konnte.
Nach 22 Uhr hatte man die schönsten Mädchen an Bord, ein Gesocks, das wer weiß wo herkam.
Schlitzaugen und Knollennasen, das war, worauf man stand.
Sie, die Echte, war mit dem Gefängnisdirektor ZUCHT verheiratet. ZUCHT war Doktor der Philosophie, aber da er fortwährend in der Nase bohrte, anstatt seinen Kopf anzustrengen, hielt er es von sich aus für angebracht, einen ganz anderen Weg einzuschlagen.
Ein Onkel der Familie, von dem alle nichts wissen wollten, saß schwer behindert im Rollstuhl. Das TRAUTCHEN hatte ihm seinerzeit ein Messer in den Rücken gestochen.
Seither war ROLLI ein Pflegefall, um den man sich herzlichst bemühte.
Wenn einmal die Sonne schien in dieser schweren Zeit, dann schob man ihn samt Rollstuhl auf den Rasen hinaus.
Er nahm das herrliche Zwitschern der Vögel eher stoisch hin, reagierte auch sonst kaum auf äußere Einflüsse, weswegen man ihn letztendlich auch im Regen stehen ließ.
Es kam oft so, daß man den armen Kerl, nachdem sich schon Moos auf dessen Glatze breitmachte, klatschnaß, wieder heimfuhr, wo er sich, dort angekommen, den heftigsten Vorwürfen ausgesetzt sah, die er sprachlos über sich ergehen ließ.
Es war halt nichts mit ihm anzufangen, außer man stellte ihn bloß, was ja nicht schwer war.
Schlug man ihn ins Gesicht, dann zeigte er manchmal die ernsthafte Absicht eines Lächelns, und wenn er Küchenmesser sah, dann schloß er die Augen und träumte von Rache.
AHHHH! AHHH!, mehr konnte ROLLI nicht sagen. Dass er sich über die Behandlung freute, war zweifellos klar. Man hatte also nicht umsonst gelernt, sich dem Prinzip des TRAUTCHENS, die man selbst gar nicht mehr kannte unterzuordnen.
Die Verstörung, die das TRAUTCHEN ausgelöst hatte, erwirkte beim Hergott sehr schnell den Wunsch nach dem Aberglauben.
Man brauchte so sehr die Balance zwischen Gut und Böse. Man war sich seiner Schuld nicht bewußt, weswegen das Leben zu einer einzigen Entschuldigung geriet.
Die Kirche hat somit nur die Funktion eines PUFFERS, die den zu verachtenden Teil unseres Selbst auffangen möchte, womit sie meint, ein christliches Weltbild zu formen, was ihr auch durchaus gelingt.
Die Kirche ist das größte Affentheater der Weltgeschichte, klimatisiert, frei und offen von 8 bis 19 Uhr. (Hunde bitte draußen anleinen!) Zweifellos möchte sie bewußt Erkenntnis vermitteln, aber unbewußt verhindert sie unser sich selbst fühlen, wobei die Götter von damals zu Göttern von heute mutieren.
Was hier stattfindet, ist nicht die Befreiung von Autoritäten, sondern nur der Austausch derselben. Es ist halt dieses unbestimmte, alles bestimmende Gefühl, ein Anderer hätte die Macht und man müsse dorthin, sich läutern, weil man, wie jeder Mensch, nunmal von klein auf geboren wurde und somit gar nicht anders kann.
Die Frage ist, wie kann man sich von der Schuld, geboren zu sein befreien?
Die Kirche maßt sich an, den Stein der Weisen gefunden zu haben, aber in Wahrheit deckt sie nur das Loch zu, in das wir alle einmal gefallen sind.
Bewußt will sie geben, doch sie nimmt uns das Leben, unser Leben, unsere Lebendigkeit und Kreativität, weil ja alles, was kommt, nur aus uns selbst kommen kann.
Doch gerade das will die Kirche verhindern. Sie sticht uns die Augen aus und verlangt im selben Atemzug, wir sollen sehen.
So entsteht zum Beispiel der Zweifel beim Heben der rechten Hand, so entsteht auch das Zittern in den Beinen, nur weil man gerade ist, wo man ist.
Alles wird falsch. Nur Gott weiß den Weg! Ich muß kotzen!
Nein, sagt ihr, das gibts doch gar nicht.
Ja, sag ich, das gibts leider viel zu oft.
So kam es schließlich zur Christmette am 24.12.99 und zu Geschehnissen, die ich vorher nicht verstand.
Ich befand mich in der Kirche. Die langweiligen Worte des Pastors verschmolzen zu einem Brei in meinem Kopf.
Man mußte sich hinknien, man mußte aufstehen, dann mußte man sich wieder hinknien. Es war ein einziges Auf und Ab.
Beim zweiten Aufruf blieb ich sitzen. Ich kam mir vor wie ein Terrorist. Plötzlich klingelte es, als ob unser Wellensittich gegen den Spiegel stach.
Zwei schwertraurige Männer gingen erbost durch die Reihen, zu sammeln, was noch zu sammeln war. Im Hintergrund döste mächtig eine Orgel herum. Ich sang das HALLELUJA fast lose vom Blatt. Ich war wie gefangen.
Plötzlich erhob sich in den vorderen Reihen ein Mann. Er schrie: JUDAS!, dann brach er erschöpft zusammen. Man schleppte den Mann auf Händen und Füßen gestützt schnell aus dem Haus.
Mir wurde schlecht, aber wer sagt das schon, im Angesicht des Erlösers.
Es dauerte ungefähr eine Stunde, dann konnte man endlich auch raus. Der lästige Spuk war vorbei. Ich schnappte nach Luft. Das tat mir sehr gut. Selbst im Regen gelang mir das noch. Wie schön.
Seinen Schaden hatte man jedenfalls weg. Das war ja die Hauptsache.
Zu schade, daß mir dieser Spuk bis heute die Freiheit vergällt.
Ich glaube noch an ihn, wie früher und kann nur unter Schuldgefühlen lästern, nie jedoch etwas erreichen oder gar verändern, weil, wo immer ich auch hinschaue, sehe ich nur das Früher, und dort war ich ein Nichts.
Das geht ganz automatisch, wie in der Prägeanstalt.
Was bleibt?


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