DER SCHATTEN



Der Schatten Gestern wurde ich, während eines Spazierganges, von meinem Schatten darauf aufmerksam gemacht, daß mir ein Vogel, vermutlich eine Taube, auf den Kopf geschissen hatte. Ich bedankte mich recht herzlich bei ihm und lud ihn zum Essen ein.
Im Restaurant zeigte er sich nun von seiner schüchternen Seite. Trotz mehrmaligem, zuletzt inständigen Bittens, verschwand er regelmäßig fast vollständig, nachdem ich das Restaurant betreten hatte. Der Kellner machte schon große Augen. Vermutlich glaubte er, einen Selbstgespräche führenden Irren vor sich zu haben. Ich ließ ihn in seinem Irrglauben und setzte mich, fast völlig erschöpft, an Tisch drei. Als nach zwanzig Minuten der Kellner immer noch keine Anstalten gemacht hatte, sich mir zuzuwenden, schlug ich in meiner Verzweiflung eine antike Blumenvase vom Tisch, daß es schepperte, als wäre soeben der Geschirrschrank umgestürzt. Auf meine nicht unfreundlich gemeinte Geste reagierte man dann aber recht zügig. Ich erhielt die Speisekarte sowie ein neues Blumengesteck. Der Chef des Hauses entschuldigte sich nachträglich persönlich bei mir für die verspätete Bewirtung. Das hielt ich für unangebracht, - er solle sich nicht bei mir entschuldigen, sondern vielehr bei meinem überaus sensiblen Gast. Die Herrschaften im Frack hatten für meine Äußerung aber nur ein Kopfschütteln über. Als ich dann auch noch um eine starke Lampe bat, um meinen Gast ins rechte Licht zu rücken, ging den Frackierten das Weltverständnis flöten. Trotz alledem wurde mein Wunsch sehr bald erfüllt, da ich auf Grund meines energischen Auftretens durchaus den Eindruck der Glaubwürdigkeit zu erwecken vermochte.

Ich orderte ein Cordon Bleue und mein Schatten, der dank intensivster Beleuchtung wieder volle Konturen zeigte, verschwor sich auf Tintenfisch »a la PELIKAN«.

Freilich, es dauerte einige Zeit, bis die Herrschaften meinen Gast, als vollwertige Persönlichkeit, förmlich schätzen lernten. Trotz all dieser anfänglichen Kontaktschwierigkeiten bekam er seine wohlverdiente Malzeit. Ich war stolz auf ihn. Er benahm sich ganz in meinem Stil, ganz so wie ich benahm er sich, mit dem einzigen, aber gravierenden Unterschied allerdings, daß er Tintenfisch bestellt hatte, eine Delikatesse, die mir zuwider war.

Nun, im Verlauf des Abends hatten wir genug Gelegenheit unsere Beziehung zu durchleuchten. Wir fanden uns so gegen Dreiuhrfünfzehn in der Früh wie füreinander geschaffen, selbst der Oberkellner hatte sich lange mit ihm über übersinnliche Probleme unterhalten. Der Abend endete sehr spät am Nachmittag des nächsten Tages, auch der Weinkeller war leergetrunken. Ich brauchte nicht mal zu bezahlen, was mir doch nachgerade sehr gelegen kam, da ich eh keinen Pfennig in der Tasche hatte.



zurück | Kurzgeschichten | Schnipsel | Gedichte