DIE LUST UND DER TOD

oder: Einer muß immer dran glauben


Herr von Schlotterdeik saß an einem hübsch gedeckten Tisch. Zu seiner Rechten befand sich Frau Baronin von Eupen, eine potthäßliche Dünkelemma mit kreidebleichverschmiertem Sabbergesicht und vermutlich auch Haaren auf der Brust. Man hatte sich in dem blühenden Sterilgarten Schlotterdeiks zusammengefunden, um den fünfundzwanzigsten Todestag Hans Mosers zu begehen und schon ziemlich viel gesoffen, als sich Herr von Schlotterdeik plötzlich eine Pappnase aufstülpte und in ein gänseartiges Geschrei verfiel. Frau Baronin von Eupen traten Tränen der Rührung in die Augen, zitierte Schlotterdeik doch gerade Höhepunkte aus Mosers geistreichem Schaffen!! Der Gänsetanz dauerte etwa 10 Minuten, danach setzte er sich wieder an den Tisch und zog sich, weil er schwitzte, das Hemd aus. Frau Baronin von Eupen deutete diese Gebärde des alten Mannes falsch. Sie sprang auf, schwang sich in hohem Bogen um den Hals des völlig verdutzten Schlotterdeik und fauchte gierig: Ich wußte es Hans Gerd, ich wußte es......!
Hans Gerd, der nicht zu Bewußtsein kommen wollte, mußte willenlos zusehen, wie die schöne, runzelige Pappnase zerbrach, seine Brille zerplatzte und man ihm auf die Füße trat. Als Frau Baronin von Eupen dann auch noch ihre linke Brust verlor, die sich, gleich einer Boa Konstrukta , in mehreren Windungen, stramm um seinen ohnehin schon dünnen Hals legte, mußte Herr von Schlotterdeik ernstlich an eine Vergewaltigung denken. Er hatte kaum ausgedacht, da brach der Stuhl entzwei. Man trollte sich jetzt auf dem teueren Perser herum. Die Sehnsucht der alten Dame, die hier in Erfüllung zu gehen schien, entpuppte sich für Schlotterdeik mühelos als Alptraum. Er kam sich vor, als ob er fortwährend von einer beheizten Dampfwalze überrollt würde. Das brachte ihn dann schließlich ganz von der Vergewaltigungstheorie ab. Ein Mordversuch, das ist ein Mordversuch!!, schoß es durch sein Gehirn. Gerade als er nach der Polizei schreien wollte, dockten zwei ausgefranzte Lippen, unsanft saugend, an. Durch den Ruck des Andockmanövers verlor er seine letzten zwei Zähne, die durch den ungeheueren Unterdruck tief in die Lunge der Dampfwalze gesogen wurden.

Herr von Schlotterdeik hatte mit Mystik eigentlich recht wenig am Hut, gut gut, er hatte sich in seiner frühen Jugend vielleicht mal einen billigen PERRY RHODAN reingezogen, auch die ersten drei Seiten des so umfangreichen Karl May-Werkes gründlich studiert, aber jetzt bekam er ein schlechteds Gewissen, weil er die Glaubwürdigkeit der MAGIC KISS-Reklame im Fernsehen immer wieder in Zweifel gezogen hatte. Es gab ihn also doch, den MAGIC KISS!!
Herr von Schlotterdeik wurde blass um die Wangen. Er konnte nicht mit Sicherheit sagen, was der Grund dafür war,,,, lag es an der soeben getätigten lebensverändernden Einsicht, oder lag es an der saugenden Beschäftigung seiner Partnerin aus höherem Adelshause?

Schlotterdeik hatte schon immer Probleme mit dem Ergründen gehabt - und jetzt raubte ihm diese blöde Ergründerei auch noch die letzten Kräfte! Frau von Eupen gingen die Zügel anscheinend völlig durch. Ihre Wollust ging ins Unermeßliche. Wild blies sie ihre Nüstern auf. Ihr ganzer Körper bebte übergenüßlich vor sich hin. Eine ganze Batterie Schaum stand vor ihrem Riesenmaul. Herr von Schlotterdeik mußte "Schaumovulum" denken und fiel schließlich in ein Koma, nachdem die 500 Pfund schwere, ihn begehrende, Fettmasse ihn völlig unter sich begraben hatte.

Herr von Schlotterdeik fand einen langsamen, qualvollen Tot. Frau von Eupen sagte der Polizei, daß sie vergewaltigt worden sei und in Notwehr gehandelt hätte. Herr von Schlotterdeik bekam nur eine würdelose Beerdigung und ein sehr sehr kleines Grab an unauffälliger Stelle zugeteilt. Keiner hat es jemals besucht.


zurück | Kurzgeschichten | Schnipsel | Gedichte