KURZSCHLUSS



Gefangener


Es war im Sommer, und es begab sich am frühen Abend. Meinen Dienst hinter mich gebracht, dereinst, August 96. Wochenende. Kaum Gedanken im Kopf. Die Sprache noch nicht ganz verloren. In der Kneipe ZUM SCHMUTZIGEN LÖFFEL saß ich am Tresen und harrte der Dinge, die da kommen würden. Es war wie immer. Verstohlen baute ich zunächst meterhohe Burgen aus Bierdeckeln, vergnügte mich beim Verzehr verschimmelter Frikadellen, oder glänzte im Gespräch mit dem Wirt. Ich konnte sagen, was ich wollte, meine Äußerungen wurden beklatscht. Nach dem zwölften Bier hielt ich mich allerdings für derart befugt, dass ich, als Spiegel des versammelten Volkes, ein wenig anstößig zu wirken begann. Ich sang Lieder, die keiner hören wollte, bohrte in der Nase oder zeigte, haßerfüllt mit dem exkrementierten Finger auf unschuldige Leute, weil ich jetzt endlich wußte, das keiner besser war wie ich. Die hinten an den Tischen saßen ernannten schnell einen Sprecher, der, ich möchte fast sagen, traditionsgemäß, zunächst das Kartenhaus zerschlug, bevor er seinen Adrenalinschub auch verbal nicht mehr stoppen konnte.

Wirr sind die Worte des Windes! jäh schießen sie über die Dachfirste hinweg! Duckt euch, duckt euch! Der Tod reitet mit! Was für ein Fluch, was für ein "kindischer Fluch!" Doch, sie sind unsichtbar, wie die Luft, die sie verwirbeln!

Einer muß aufstehen, die Wahrheit sagen, damit wieder andere leiden! Aber, sie leiden ja nicht wirklich! Sie siechen vor scheinbarem Glück vor sich hin! War er es, oder ich, der aufstand, die Wahrheit sagte und wirklich zu leiden begann? Wir standen beide auf, sagten beide die Wahrheit, doch glaubte keiner dem anderen. Selbst wenn der eine dem anderen geglaubt hätte, hätte der andere dem einen alles genommen, weil der andere den einen zum Anderen, also zu sich selbst machen wollte. Wie sollte das nur gehen!? Die Situation erschien aussichtslos. Darüber vergeht oft ein Leben, zumindest schärft das den Intellekt.
Da betrat plötzlich ein fremder Mann den Ort des Geschehens.
Na klar, er war es, der uns das Leben am Stammtisch all die Jahre so unendlich schwer gemacht hatte!
Wir erschlugen ihn und trugen ihn feierlich zu Grabe.
Das Leben machte wieder Sinn.



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