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Auf dem Tisch lag eine winzige Schraube. Ein großer Herr in rotem Kittel und ein etwas kleinerer standen vor dem Tisch,
während ihre Augen wie gebannt auf dieses ungelöste Rätsel der Technik gerichtet waren. Wie war es nur möglich derart kleine Schrauben herzustellen für
die, sie ihrem Zwecke dienlich zu machen, es nicht mal einen Schraubendreher gab?Nachdem die Männer, derart verdutzt, etwa eine halbe Stunde wortlos verbracht hatten, beugte sich der größere, obwohl er nicht wußte, was geschehen sollte, über den Tisch, spreizte Zeige- und Mittelfinger seiner rechten Hand, führte die Finger, nachdem die Hand flach auf der Tischplatte ruhte, vorsichtig wieder zusammen, um sie dann behutsam ganz nah vor sein Gesicht zu führen. Der kleinere Herr verfolgte diese unvermutete Aktion des größeren, mit der aufmerksamen Todesangst eines Lehrjungen, die einen nichts begreifen ließ. Dennoch bemerkte er, daß die Schraube vom Tisch verschwunden war, was ihn allerdings noch ängstlicher machte. Vor Anspannung förmlich knirschende Sekunden schleppten sich wie nie gelebte Jahrzehnte über den Augenblick. Die Männer hatten einen Auftrag, der unbedingt jetzt sofort und auf der Stelle fachgerecht erledigt werden mußte. Am Morgen hatte ein dritter Herr den Männern etwas auf einen Zettel geschrieben. Der Mann im Kittel hatte auf das Papier geschaut, konnte aber nichts entziffern. Danach hatte der Mann dasselbe nochmal auf einen Zettel geschrieben, aber diesmal so groß, daß die Hälfte des Textes auf der Schreibtischunterlage zu lesen war. Nach dem selbst der gute Wille auf beiden Seiten nicht half, das Geschriebene lesbar zu machen und somit verständlich zu vermitteln, half letztendlich nur noch der unbequeme Gang zur Schreibmaschine. Mit beiden Fäusten hatte der dritte Mann auf die Tastatur der Schreibmaschine eingehämmert, um sich endlich energisch von seiner Legasthenie zu distanzieren. Man mußte diesen Menschen, die wohl Monteure waren, einfach alles Aufschreiben. Vier akustisch vermittelte Worte, sinnvoll wie logisch hintereinandergereiht, behielten sie nicht lange. Wie schnell wurde aus Lindenstrasse, Linsenstrasse, wie oft kam es vor, daß aus Meier, Müller wurde, oder aus Hausnummer 42 schnell eine 24 zusammengebastelt war. Aufschreiben kann insofern nur von Nutzen sein, als daß diese schriftliche Niederlegung auch realitätskonform ist. Wie schnell schleicht sich der Tippfehlerteufel selbst ins Gehirn dieser Schreibmaschinentäter ein, wie oft sind wir nicht recht bei der Sache. Nachdem der dritte Mann das Papier fast wütend aus dem Herz der Schreibmaschine gerissen hatte, war letztendlich wenigstens eine dem Augenschein nach sinnvolle, das heißt zumindest lesbare Botschaft übermittelt worden: Familie Berthold Schieder Zeisigweg 4 Problem: SCHRAUBE LOCKER! Lösung: ANZIEHEN! Die Männer waren nun an ihrer Wirkstätte eingetroffen und hatten sich zunächst wortmündlich von der Richtigkeit der schriftlichen Äußerung überzeugen lassen. Erst nachdem der Kunde den Auftrag handschriftlich gegengezeichnet hatte, entdeckte man diese winzigkleine Schraube, von der man in keinem Augenblick so recht wußte, was man mit ihr anfangen sollte, zumal sie ja nur lose auf dem Tisch lag. Wie hätten die Männer sie so auch anziehen können, außer ihre Frauen strickten fein Pullöverchen für sie? Arbeit und Familie, das ist wie Krieg und die oft unerfüllte Sehnsucht nach Frieden, den es niemals gab. Das interessierte die Schraube aber recht wenig. Sie wollte nun unbedingt eingeschraubt, also ihrer Bestimmung zugeführt werden. Und wie die Männer in ihrer hoffnungslosen Verlorenheit gleichsam wie selbstverständlich so dastanden, als gäbe es nichts Anderes, und wie der Mann im Kittel sich gerade wichtig machen wollte weil er es schließlich war, der die Schraube der Erkenntnis in Händen hielt, als wolle er dem kleineren nicht glauben, daß dieser ihn womöglich längst durchschaut haben könnte, wenn Lehrjahre eben keine Herrenjahre gewesen wären, ging im Hausflur jäh eine Tür. Und eine junge Frau betrat den Raum. Sie lächelte den Mann im Kittel gleich unvermittelt an, daß dieser erschrocken zusammenfuhr, bevor er ihr scheinbar gelassen einen guten Tag wünschte. Dabei vergaß er die Schraube zwischen seinen Fingern, streckte der Dame devot die Hand aus und grüsste sie herzlichst zum Gott. An dieser Herzlichkeit erging sich auch der Lehrjunge, obwohl er sich insgeheim fragte, warum dieser Mensch plötzlich so von der Norm abwich. Es entwickelte sich schnell ein nachgerade heftiger Beziehungswille, der mit Beziehung nichts aber auch gar nichts gemein hatte. In Wahrung der Form saugte der Lehrjunge das alles bereitwillig in sich auf. Hier war einfach kein Platz für ihn. Das wurde ihm immer klarer, keimte jedoch niemals wirklich in ihm auf. Warum war dem Mann im Kittel die Schraube auf einmal so unwichtig geworden? Was hatte diese Frau, daß sie ihn durch ihre bloße Anwesenheit derart verzaubern konnte? Wie war es sonst zu verstehen, daß die Schraube seinen Fingern entglitt, als hätte es sie niemals gegeben? Wenn die Liebe blind machte, dann war das jetzt der Beweis. Während er sich zunächst umständlich seines Kittels entledigte, schüttete die Frau eine Kanne Kaffee auf. Bald kam sie, in ein seidenes Nachthemd gewickelt, zurück. Daß man Nachthemden auch tragen konnte, davon hatte sie anscheinend noch nie etwas gehört. Sie war Tänzerin in einem Nachtclub, wahrscheinlich rührte ihr Unwissen daher. Des Abends nicht ins Bett zu kommen und morgens nicht heraus, macht schließlich nicht nur Frauen schwach. Wieviele Männer liegen verkatert bis Mittags im Bett, wälzen sich dort selbstquälerisch herum und kämpfen händeringend um die Erinnerung an die vergangene Nacht, - damals wie heute, gestern wie morgen? Liebe mußte etwas Schönes sein. Als verliebtes Kind hatte der Lehrjunge oft die Schule geschwänzt. Als verliebter junger Mann war es ihm nicht mehr möglich, seinem Berufe rechtschaffen nachzugehen. Die Liebe war ein Grauen, das brachial gegen die Uhr dieser Gesellschaft schlug. Man war ihr hoffnungslos ausgeliefert, sie erstickte schon im Keim alles Leben und wollte gleichzeitig zum Leben hinführen, auf daß ich ein Anderer würde. Was blieb, das war die Hoffnung auf das ewige Leben. Der Lehrjunge war eben sehr weitsichtig, und eigentlich war er weise, denn er liebte sogar seine Feinde. zurück | Kurzgeschichten | Schnipsel | Gedichte |