DER SENSEMANN



Wir befinden uns irgendwo in England, - zerklüftete Felsenlandschaft, weiß wie Kreide. Der böse Wolf hätte seine wahre Freude daran gehabt. Knorrige Eichen überall; hin und wieder zerbricht das üble Gejaule eines Wolfes oder einer Eule die alles Leben bedrohende knisternde Stille.... MÄÄÄH! MÄÄÄH!, - oder sind es am Ende doch Schafe? DA! DA!, zwei breitschultrige Männer betreten mein Blickfeld! Meine Frisur ist dahin, die Hose, ein Fall für die Reinigung, mein teueres Flanellhemd von einer Sekunde auf die andere zum gemeinen Putzlappen degradiert! "TÖLPELPACK!", brülle ich die beiden Gestalten an. Seltsame Reaktionen, seltsamste Gebärden! - der eine nimmt eine Lupe aus seiner Hosentasche, fährt sie gekonnt vor sein linkes Auge und begafft mich, nachdem er mich endlich geortet zu haben scheint, von oben bis unten. Ein Riesenauge glotzt mich an, feingeädert, blutunterlaufen.
"Ich weiß ja jetzt, daß Sie schöne Augen haben!", kontere ich treffend.
"Mein lieber Mann", wundert sich der Gluppschäugige, - "Sie sehen aber ganz schön versaut aus, te, - sich so unter die Menschen zu trauen, widerlich, findest du nicht auch Harry?"
"Laß mich mal gucken", knurrt Harry, entreißt seinem Kollegen die Lupe und tut es ihm gleich.
Nach unzähligen Minuten eindringlichen Beschauens kann er das Urteil seines Freundes nur bestätigen: "Du hast recht, der paßt nicht in die Landschaft." "Sind Sie Bauer?", fragt nun der, dessen Name mir noch nicht zu Ohren gekommen ist.
"Mitnichten", entgegne ich trocken, "ich bin Professor für Psychologie an der Universität Heidelberg."
"Nicht möglich!", gackert die Gestalt und schüttelt meine Hand derart, daß ich zeitweise den Boden unter den Füßen verliere. "Keule mein Name, Herbert Keule vom Südfunk Hamburg! Wir inszenieren hier gerade den Sensemann von Peter Brueghel, dem Älteren". Ich bin so verwirrt, daß ich nur: "Das Thema ist ja wirklich brandaktuell" hervorwürgen kann.
"Haben Sie vielleicht DER TOD UND DAS MÄDCHEN von Hieronymus Bosch gesehen?" jauchtzt Harry,- "den haben wir nämlich auch gedreht! Ein Welterfolg, ein wahrer Kassenschlager!"
"Hat mir sehr gefallen", schnattere ich, "besonders die überzeugende Darstellung des Todes, diese Irrsinnsvitalität".
"Der Altmeister Bosch hat ihn mehr als überzeugend dargestellt", meint Harry stolz.
"Das Mädchen war aber auch nicht ohne!", bekräftigt Keule während er sein Toupet richtet. "Momentan sind wir auf der Suche nach dem Original-Sensemann, der laut Berichten eingefleischter Einheimischer sehr oft über diese Klippen hier knattern soll. Authenzität ist die Formel des Erfolges!"

Der Sensemann Da erscheint plötzlich ein milchiges Licht am Horizont und auch der Wind frischt auf. Herbert Keule verliert sein Toupet auf nimmerwiedersehen. Die Eichen knarren bedenklicher denn je. Einige Schafe krähen das Vaterunser auf Schafisch. Selbst der Vollmond heult wild auf, und zwei ahnungslose Gewitterwolken machen Stimmung.
Der Lichtkegel nähert sich schnell, er kommt näher, immer näher! Tatsächlich!, - es ist...der SENSEMANN, der SENSEMANN!! Keule kann sich im Angesicht der apokalyptischen Situation nur noch blaß bekreuzigen.
Ein kuttiertes Skelett braust auf einem verrosteten Mofa heran, zerschellt an einer dieser knorrigen Eichen und rührt sich nicht mehr vom Fleck. "Der wird doch wohl nicht verunglückt sein?", stottert Keule. "Doppelt tot hält besser!", schreit Harry, wetzt zum Ort des Geschehens, flickt das Gerippe notdürftig und nimmt es unter Vertrag. Authenzität ist die Formel des Erfolges; ein Lehrsatz, der mir nicht mehr aus den Ohren geht.



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