DAS NERVÖSE HEMDIch sei ein nervöses Hemd, sagen die Leute. Alle sagen das. Wer diese Leute sind, weiß ich allerdings nicht. Keiner von ihnen ist mir bekannt, geschweige denn je über den Weg gelaufen. Sind Sie vielleicht auch einer von diesen Leuten? Gesetzt den Fall, daß Sie es wären, täten Sie mir sehr leid. Auch würde ich Ihnen die weitere Lektüre sofort ausdrücklich verbieten. Zum einen täten sie mir allein aus diesem Grunde schon leid, zum anderen täte es mir sehr weh, würden Sie sich jetzt schon von mir abwenden müssen. Ihnen bleibt fast nur, zu sagen, daß Sie mich nicht für ein nervöses Hemd halten. Woher sollten Sie auch wissen, ob ich nervös bin? Schließlich kennen wir uns nicht. Da mich die Natur außerdem von der Gabe des Hellsehens verschont hat, und ich dementsprechend mit einer schneidenden Ratio ausgestattet bin, muß ich davon ausgehen, daß Sie, falls Sie sich von anderen Leuten nicht haben beeinflussen lassen, ihre Ratio also ebensowenig wie die meine nicht dem Hellsehen verfallen ist, mich im Moment noch gar nicht für ein nervöses Hemd halten könnten, da Sie realitätsbedingt, d.h. von persönlicher Aug in Aug-Betrachtung her definiert, sprich: Erstkontakt, gar nicht dazu in der Lage wären, mich charakterlich zu beurteilen. Ich gestatte Ihnen hiermit ausdrücklich die weitere Lektüre dieser Schrift; ich möchte Sie förmlich dazu einladen. Natürlich bin ich sehr nervös, das vorneweg. Aber das müssen die Leute ja schließlich nicht wissen. Selbst wenn ich eines Tages ruhig werden sollte, würde man mich immer noch abfällig "Das nervöse Hemd" nennen. Das ist es, was mich stört und gleichzeitig zutiefst schmerzt. Wo nehmen sich die Leute eigentlich das Recht her, mich, den stillen Vertreter einer humanen Weltanschauung, in die Nähe eines pathologischen Zappelphilipps zu rücken, obwohl ich nach Außen ruhig, ja bescheiden wirke, meine Suppe brav hinunterschlürfe, und auch ansonsten bisher ohne jede Verhaltensauffälligkeit bestens zurecht komme? Dieses vermeintliche Recht ist ja gar keines. Dieses Recht beruft sich auf den Zwang der Seelen, sich ein einheitliches Bild zu erschaffen, welches dann als Weltanschauung von Generation zu Generation quasi vererbt wird. Und, wer nicht in dieses Bild passt, wird einfach übermalt. Das Bild ist groß und abstrakt, da fällt ein flüchtiger Pinselstrich, der nachträglich gezogen wird, kaum auf. Das Bild ist bunt und blutverschmiert. Viele Menschen sterben heute noch zwanghaft, manche allerdings zurecht. Ich für meine Wenigkeit passe nun hervorragend in dieses abstrakte Gemälde dieser Welt hinein. Früher machte man mich nervös, dann sagte man besorgt, ich sei nervös und letztendlich versuchten begabte Therapeuten sich an der Wirkung zu erbauen, die allerdings bloß das zittrige Ergebnis der Ursache war, vor der man Angst hatte, weswegen ich sie auch beschreiben muß. So stehe ich jetzt hier ein wenig wackelig auf diesem schwammigen Weltengrund, und versuche das Beste aus mir zu machen, soweit mir das möglich ist. zurück | Kurzgeschichten | Schnipsel | Gedichte |