DIE KINDER MÜSSEN EIN LIED SINGEN



Die Wiener Sängerknaben




Es war die Atmosphäre beinah eine festliche. Der Saal war schwer gefüllt mit Menschen verschiedenster Art. Man trat sich fast zwingend auf die Füße, oder schrie sich ungefragt an.
Das war hier ganz normal. Es kam sich halt ausschließlich darauf an, der Beste vom Besten zu sein. Mehr wurde nicht verlangt.
Man hatte sie zwar gemacht, doch nie gemocht. Gründe, sich zu muckieren, gab es somit genug. Ein Herr im Robenanzug zum Beispiel, meinte, im unendlichen Gewirr der Stimmen, seine Tochter erkannt zu haben und war schon bald so ziemlich außer sich, vor lauter Rand und Band. Welch herrlich Bild bot sich den lyrischen Gaffern, den musischen Gauklern, dem zivilen Gehorsam hier dar!
Verträumte, ja sehnsüchtige Äugelein schauten befleckt auf in ihr Ideal, von dem man sich, zurecht, die Welt versprach, die sie allerdings nicht halten konnte. Und ihr verwirrter Blick spiegelte sich mannigfach in den Köpfen derer, nach denen sie sich so furchtbar sehnten.
In diesen Köpfen kreiste etwas Unheimliches herum, dass sie weder wachen, noch schlafen ließ.
Auf der großen Bühne standen zierlich zitternde Knaben, so um die hundert Stück in konzentrierter Verlorenheit bereitwillig herum und warteten gespannt auf den Befehl.
Es war ein fast hehrer Glanz, dies mit ansehen zu dürfen. Fast sprach man von Ehre, nie indes von Ehrfurcht gegenüber dem, was man nicht sah. Warum auch sollte man?
Die grosse Rührung ging um, sogar sehr ziemlich um die Welt.
Die Mutter rührte im Topf, der Opa vergriff sich schon früh am Schopf seines Enkels.
Nervöse Väter, die eifrig dirigierend im Publikum herumstanden, stachen ihren Zeigestock oft vergebens in die Augen am Boden zerstörter Mütter, obwohl die Veranstaltung noch gar nicht begonnen hatte.
Worum es sich hier ging, war nicht mal der noch ungeborenen Natalie bewußt, obwohl sie sich das, als Ungebürtige, durchaus noch leisten konnte.
Hier hasste man schon, noch bevor man geboren war.
Die Kinder hatten das Lied, welches sie nun gleich zum Besten geben würden, in mühevoller Kleinarbeit auswendig gelernt, und sie wußten sehr wohl genau, dass sie es nicht für sich, sondern allein für ihre Zuhörer singen würden, denen sie damit endlich entsprächen, womit die Welt wieder heile wäre, was aber gar nicht stimmte.
Was immer die Kinder auch taten, sie taten es nicht für sich, mit sich, oder, was ganz entscheidend ist, eben nicht aus sich selbst heraus, weil ihnen die Gelegenheit dazu verwehrt blieb.
Das Ergebnis ist indes fatal: Leistungszwang auf der einen, oder großer Trotz auf der anderen Seite.
Es existieren, auf Grund der frühen Erfahrung, nur diese beiden Möglichkeiten, und wenn man nicht gerade dumm geboren ist, dann findet man wenigstens im Schreiben noch Reste von seiner traurigen Gestalt.
Wie sollten denn unsere Kinder, die nicht mal gestellten Fragen ihrer Eltern sonst beantworten können?
Ich versuche, zu retten, was noch zu retten ist.



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