DER SCHLANGENMENSCH
Vor einigen Jahren sorgte, neben dem Kometen Hale-Bopp, auch ein anderes,
irdisches Unikum, für hellste Aufregung in unserem Sonnensystem.
Während der Komet eher harmlos vom abendlichen Himmel herunterleuchtete,
zwar mit der Folge, daß einige tausend Menschen durch sein Erscheinen ihre
bösesten Ahnungen bestätigt sahen, worauf sie sich unverzüglich
versammelten, um vergiftete Mayonnaise zu verzehren, barg die Existenz dieses
irdischen Unikums reale Gefahren für Leib und Leben des ganzen Universums.Erwin Schlottke, so hieß dieses Unikum, ein Mensch von unglaublicher Redeund Körpergewandtheit, der, neben zwanzig Sprachen, die er fließend beherrschte, sich auch mühelos in eine Schnecke, einen Elefanten, oder eine Schlange verwandeln konnte, ohne daß man ihm es ansah. Das hatte mitunter fatale Folgen. Einmal, zum Beispiel, als er sich in der Werkskantine in einen Elefanten verwandelte, um einer Kollegin zu imponieren, schrie diese erschrocken auf: "Er ist ein Elefant!" - was ja auch stimmte, denn er war ja jetzt einer, nur, sahen die, die keinen persönlichen Kontakt mit ihm hatten, ihm das nicht an. Die Kollegin wurde bereitwillig beurlaubt, sie hatte es eh an den Nerven. Zwei Tage später mutierte er plötzlich zur Klapperschlange und fügte mehreren Kollegen tiefe Bißverletzungen zu, -aber eigentlich nannten sie ihn "SCHNECKE", weil ihm immer die Nase lief. Nun, Schnecke lebte nicht schlecht, seine Einnahmen deckten seine Ausgaben, manchmal blieben ihm sogar noch zwei Mark für eine halbe Schachtel Zigaretten, mit seinem Geld kam er also aus. Auch wohnte er nicht schlecht in einem kleinen Häuschen am Stadtrand, zu dem auch ein großer, schöner Wildgarten gehörte, der ein wahres Paradies für Schnecken, Elefanten und Schlangen war. Hier konnte seine Nase nach Herzenslust laufen, hier war es ihm möglich ohne jegliche Gefahr sein Revier abzustecken, wie es auch die echten Elefanten taten. Es gab sogar einen Apfelbaum dort. Manchmal, wenn er als Klapperschlange durchs hohe Gras schluffte, sehnte er sich sehr nach Adam und Eva, die er gerne zum Apfelpflücken animiert hätte, aber die beiden gab es hier leider nicht, obwohl der Garten etwas Real-Paradiesisches an sich hatte. Gleich nebenan wohnte die Familie Noah, die in Renesse ein großes Boot Namens Arche am Strand liegen hatte. Zu Tieren waren die Noahs aber grob und unfreundlich, ein Umstand, der nicht gerade auf eine Blutsverwandschaft zum echten Noah schließen ließ. Eine Straße weiter wohnte seltsamerweise auch ein Herr Abel, der vor vierzig Jahren seinen Bruder Kain erschlagen hatte, quasi im Affekt, nachdem er in der Bibel gelesen hatte, daß vor unendlich vielen Jahren ein Kain seinen Bruder Abel erschlagen haben sollte. Wenn auch mit geringen Abweichungen, so offenbarten sich hier doch erhebliche Parallelen zur Geschichte des alten Testamentes. Als Schnecke das klar geworden war, fühlte er sich an den Ursprung eben dieser uralten Geschichte zurückversetzt. Er wurde tiefreligiös und studierte die Bibel, - komisch, sein Name, als Verwalter des Paradieses wurde im entsprechenden Kapitel nicht erwähnt, na ja, Verwalter waren ja auch nur Statisten, die wurden, wenn überhaupt, nur namentlich im Vor- oder Nachspann erwähnt, - aber auch im Impressum der heiligen Schrift fand Schnecke seinen Namen nicht. Trotz dieser Schlappe, versuchte er jeden Tag eine Seite der Bibel zu leben, Zeile für Zeile, Schritt für Schritt. Er wollte fortan sagen und tun, wie es geschrieben stand, - religiöser konnte man nicht sein. Diese besonders tiefe Religiosität veränderte Schneckes Sozialverhalten auf beeindruckende Weise. Einmal, als er in der Werkskantine zu Mittag aß, und sich sein Leben momentan auf Sodom und Gomorra beschränkte, legte er den Raum in Schutt und Asche. Ein anderes Mal stand er um Mitternacht auf, um sich, kein Mensch wußte warum, nach Lübeck zu begeben. Er hatte dort weder Bekannte noch Verwandte. Dort angekommen, ergriff er beide Torflügel am Stadttor samt den beiden Pfosten, hob sie aus mit den Riegeln, legte sie auf seine Schultern und trug sie hinauf auf die Höhe des Berges vor Garmisch- Partenkirchen. Schnecke war beim Studium des Buches der Richter. Es störte ihn ungemein, daß er die Bibel nicht an den Originalschauplätzen leben konnte, aber dazu fehlte ihm das nötige Kleingeld. Um das Höchstmaß an Authenzität zu erreichen, hätte er eigentlich das Stadttor von Gaza aushängen müssen und es auf einen Berg vor Hebron schleppen sollen. Aber, was solls, das Lübecker Stadttor war eh schwer genug und die Strecke nach Garmisch führte ihn quer durch die Eifel und den Taunus, das war schon kein Zuckerschlecken. Jetzt wußte er ungefähr, wie dieser Simson aus dem alten Testament sich gefühlt haben mußte. Müde und völlig erschöpft zeigte er sich den Pressefotografen, den aus aller Welt angereisten Fernsehteams, sowie dem Aufnahmeleiter einer bekannten bayerischen Irrenanstalt, der ihn nicht gerade herzlich zum Verweilen dort einlud. Wie durch ein Wunder gelang Schnecke jedoch die Flucht. Zu Fuß querte er einen kristallklaren Bergsee, verschwand in dichtem Gestrüpp, und hielt sich für einige Wochen in einem ausgedienten Fuchsbau versteckt. Hier lebte er gleichsam die Askese eines biblischen Propheten, dessen Namen er nicht behalten konnte. Während dieser Zeit ernährte er sich ausschließlich von Mückenlarven und Glühwürmchen, weiß Gott keine ergiebige Nahrungsquelle für einen großen Gelehrten wie ihn. Nach einiger Zeit fing er nachts auch an zu leuchten. Darüber stand aber nichts in der Bibel, so sehr er sich auch in das Kapitel mit dem Propheten vertiefte,- nein, dieser Prophet leuchtete nicht. Sollte Schnecke den Faden verloren haben, oder war es nur das Heilige seines Scheins, daß ihm die Kraft zum Leuchten gab? Fragen über Fragen taten sich ihm bei der Lektüre der Bibel auf. Konnte der Erzengel Gabriel wirklich fliegen, mit diesen bleischweren, unförmigen Flügeln, die wie ein Elchgeweih aus dessen verkrümmten Rücken hervorquollen? Wie konnte es Ammon nur übers Herz bringen, mit seiner Schwester ins Bett zu gehen? Sie hieß Thamar. Sie war häßlich wie die Nacht. Ihr Gesicht erinnerte stark an die von Kratern übersäte Schattenseite eines noch nicht entdeckten Jupitermondes. Wie sollte es da erst unter ihrem Nachthemd aussehen. Nicht mal im kühnsten seiner Träume hätte Schnecke auch nur einen Gedanken daran verloren, mit Thamar zu schlafen. Pfui ba! Nein nein, das alte Testament war eigentlich nichts für Schnecke. Hier wurde gebrandschatzt und gemordet, -als nächstes galt es, Absaloms Rache an Ammon zu (über)leben, 2. Salomon 13, 23-39. Geschickt wie Schnecke nun mal war, spielte er den Absalom, denn er wollte lieber der Mörder sein als das wehrlose Opfer. Er war doch nicht verrückt?! Schnecke, der, wie so oft, sehr unentschlossen war, schwang sich nach der Lektüre des Kapitels unverzüglich in seinen schwarzen Trenchcoat, um sich, dazu noch schwer bewaffnet, zum Bahnhof zu begeben. Dort wollte Schnecke es Ammon, diesem Ferkel, aber zeigen! Im Bahnhof herrschte reges Treiben, ein Ammon war schnell gefunden. Er offenbarte sich Schnecke in Gestalt eines alten Mütterleins, das auf den Schienen von Gleis acht verträumt nach toxischen Pilzen zur Behandlung ihrer hyperaktiven Kinder suchte. Mit einem kühnen Sprung in ihre Seite stieß er sie gerade noch rechtzeitig von den Gleisen, und bewahrte sie so vor dem sicheren Tod. Statt zu töten, rettete er jetzt Leben, ein Umstand der ihm erneut zu denken gab. Damit verstieß er eindeutig gegen die Regeln der heiligen Schrift. Ein Penner, der zufällig Zeuge dieser Aktion war, klatschte laut Beifall, nicht ohne den Mut und das christliche Charisma Schneckes lauthals hervorzuheben, daß die Wände der Bahnhofshalle zu beben begannen. Die Echos dieser Laute vermischten sich tausendfach mit dem Grollen des durchfahrenden Güterzuges, dessen Fahrtwind Schnecke das Toupet vom Kopf riß. Das Mütterlein hockte, nach wie vor verträumt, auf dem Pfosten eines Prellbocks und richtete ihren zerzausten Blütenrock. Als sie sah, mit welcher Intensität Schneckes Glatze die Strahlen der Sonne, die breitgefächert durch das Milchglas des Hallendachs stießen, reflektierte, wußte sie, daß er viel älter war als er sich gab. Sie konnte sich ein Lächeln jetzt nicht mehr verkneifen, - es war Liebe auf den ersten Blick. Sie sprang auf, als wäre sie gerade aus dem Jungbrunnen gestiegen. Sie schwang sich in ihre Krücken, als hätte sie noch etwas zu verlieren. Sie verlor eine Krücke und kam übel zu Fall. Dabei wollte sie sich doch nur herzlichst bei Schnecke für diese außergewöhnliche Heldentat bedanken. Als Schnecke das sah, atmete er auf. Niemals hätte er es zugelassen, daß sich jemand bei ihm bedankt, niemals!; dazu war er viel zu stolz. Das Mütterlein lag, alle Viere von sich streckend, völlig hilflos im Schotter des Bahndamms. Als sie darin zu versinken drohte, weil die kleinen Steine durch ihre hektische Zappelei mehr und mehr nachgaben, suchte Schnecke wortlos das Weite. Ein zweites Mal wollte er ihr nicht helfen, es gab schließlich genug andere Leute hier, die auch keine Anstalten machten sie aus dem Schotter zu ziehen. Er hatte ihr das Leben gerettet, seine Pflicht war getan, jetzt waren die anderen an der Reihe. Schnecke kam spät aus dem Bahnhof, draußen war es schon dunkel. Seine Nase lief stärker als je zuvor. Er hinterließ eine breite Schleimspur, die einigen Passanten zum Verhängnis wurde. Sie rutschten darauf aus, kamen zu Fall, oder nicht mehr von der Stelle. Da Schnecke aber nicht nach hinten schaute, er blickte sich im Allgemeinen nicht um, selbst wenn man nach ihm rief, bekam er davon nichts mit. Gedankenverloren irrte er ziellos durch die Stadt. Nach zwei Stunden war er wieder am Bahnhof, da wußte er, daß er einen großen Kreis beschrieben hatte. Da er stets nach vorne schaute, sah er nun, was er hinter sich gelassen hatte. Die meisten Menschen liefen wie auf Eis, rutschten unkontrolliert auf dem Gehsteig herum, oder wälzten sich zappelnd, am Boden liegend. Er ging weiter, um zu sehen, was geschehen war, aber wen er auch fragte, er bekam keine Antwort. Sollte er gerade seine nächste biblische Vision erleben? Aber das konnte nicht sein, er hatte doch gar nicht mehr in der Bibel gelesen. Seit den Vorgängen im Bahnhof war er clean. Er wollte die Bibel nicht mehr aufschlagen, das hatte er sich während seines Spazierganges tausendmal geschworen, -und jetzt das. Hastig zog er die heilige Schrift aus der Innentasche seines Trenchcoats und schlug sie, um Hilfe ringend auf. Schnecke hatte einen Rückfall. Auf Seite zweihundertvierzehn zeigte ein alter Kupferstich exakt die Szene vor ihm auf dem Gehsteig, - viele Menschen lagen zappelnd, teilweise ineinander verknäult am Boden, andere waren im Begriff, aus vollem Lauf heraus zu stürzen, noch andere reckten ihre Hälse hoch in die Luft. Auch lag ein dicker Mann, den Kopf in einen riesigen Kuchen gebohrt, auf dem Tortenregal einer Bäckerei. Am linken äußerem Bildrand flog sogar eine gebratene Taube durch die Luft. Das war auf dem Gehsteig aber nicht der Fall. Zwischen dem, was war, und dem, was darüber berichtet wurde, gab es erhebliche Unterschiede, wie Schnecke feststellen mußte. Vor seinen verdutzten Augen wälzten sich zwar Menschen wild ineinander verknäult herum, aber gebratene Tauben, nein, die gab es hier nicht. Es würde außerdem kein Bäckermeister auf die Idee kommen, seinen Kopf tief in eine große Torte zu bohren. Damit schädigte er sich schließlich selbst. Schnecke wurde stutzig. Da konnte doch etwas nicht stimmen? Enttäuscht schlug er das Buch zu. Auf dem Umschlag stand in großen Druckbuchstaben: "DAS MÄRCHEN VOM SCHLARAFFENLAND" geschrieben, erschienen bei Kiepenheuer und Witsch, vierte völlig überarbeitete Neuauflage, reichhaltig illustriert mit Kupferstichen von Hieronymus Bosch und Ölgemälden von Vincent van Gogh. Es war gar nicht die Bibel, die er da in seinen Händen hielt, das erklärte natürlich einiges. Das Buch vom Schlaraffenland hatte ihm wohl sein kleiner Neffe versehentlich in die Tasche seines Trenchcoats gesteckt. Schnecke war auf seiner Suche nach Wahrhaftigkeit darauf hereingefallen, -das war natürlich bitter, besonders für ihn, den es ja betraf. Glücklicherweise war ihm aber das Sprichwort "Aus Schaden wird man klug" geläufig, so daß er sich damit gut trösten konnte. Aber hatte ihm der Blick ins Buch des Schlaraffenlandes wirklich geschadet? War dieser Überfluß, in dem man dort lebte, nicht viel leicht etwas Erstrebenswertes? Während es für ihn in der Bibel nämlich als Nächstes das Kapitel: "Der Kampf der Stämme" zu bewältigen galt, ein geschichtsträchtiges Massaker der übelsten Art, fing das Buch vom Schlaraffenland gleich mit einer riesenhaften Schlemmerei an. Dort konnte man satt und zufrieden den Tag in Ruhe verstreichen lassen, hm... Schnecke marschierte schnurstracks in die nächste Bäckerei. In forschem Ton verlangte er die Herausgabe des gesammten Kuchenbestandes. Weil aber noch vierzehn Kunden vor ihm an der Reihe waren, verwies man ihn zunächst energisch an die Hausordnung, kam seinem Wunsch aber bereitwillig nach, als er nach drei Stunden in der Warteschlange endlich an der Reihe war, zumal Schnecke mit Schweizer Franken bezahlte. Der Bäcker liebte die Schweiz und ihre Franken. Da hatte Schnecke aber Glück, jeder weitgehend normale Bäckermeister hätte ihn nach seinem derben Auftreten sofort und ein für allemal des Hauses verwiesen. Die Bäckerei war groß, es war sogar die größte des Bundeslandes, man verfügte über Zweigstellen in Toronto und Nowosibirsk. In der hauseigenen Kuchenfabrik, die aus Kostengründen auf Bali angesiedelt war, bestückten Säuglinge den Eisgrillasch mit Tollkirschen. Außerdem verschickte ein Großrechner in Schwalmtal-Waldniel Probehäppchen in die entlegensten Winkel dieser Erde. Selbst bei einigen Ratten, die sich in der Nähe von Los Angeles in Internet - Leitungen verbissen hatten, fanden Wissenschaftler immer wieder Spuren des hiesigen Kuchens. In der gigantischen Lagerhalle der Bäckerei stapelten sich die Kuchen zu Hunderttausenden. Kuchen, die älter als zwölf Jahre waren, wurden eingeschmolzen, in Flaschen abgefüllt und als Whisky verhökert. Schnecke ließ die Kuchen zu sich in den Garten bringen. Den Hähnchenwagen, der vor der Bäckerei stand, nahm er auch noch mit, - schließlich sollte die Ernährung im Schlaraffenland nicht einseitig sein. Während sich die Kuchen wie das Empire State Building ihren Weg in den Himmel bahnten, wirkte der Hähnchenwagen dagegen eher bescheiden. Durch ein energisches Bittschreiben an das holländische Königspaar, konnte er Gott sei Dank die Auslieferung aller holländischen Imbißwagen erwirken, so daß auch dieses Manko bald behoben war. Es dauerte nicht lange, bis sich die Nachbarn bei Schnecke wegen der stinkenden Wagenburg in seinem Garten beschwerten. Ganz unrecht hatten sie natürlich nicht, zumal außer dem dichten Nebel, der tagein tagaus über dem Viertel lag, sich allmählich eine zähe Fettmasse am Boden bildete, die mittlerweile vierzig Zentimeter hoch war. Schnecke beruhigte die Leute und versprach baldige Abhilfe, machte aber keinerlei Anstalten, etwas an dieser Situation zu ändern, -ach, die Leute waren ihm doch so egal, die hatten doch an allem etwas zu auszusetzen. Als das Fett ein erstes Opfer forderte, ein fiebriges Kind war in einem großen Fettblock versunken, wurde Schnecke per Gerichtsbeschluß zum Einbau von Katalysatoren gezwungen. Die Kosten für die Entsorgung des Altfettes mußte er natürlich auch tragen. Das war ja ein dicker Hund, er präsentierte ihnen das Schlaraffenland vor der Haustüre, und jetzt sollte er auch noch dafür bezahlen?, er, Schnecke? , er, der das Leben beispielhaft vorlebte?, er sollte dafür bezahlen? Was waren das denn für Scherzkekse, die ihm da an den Brustbeutel wollten. Mürrisch stellte er einen Scheck in der verlangten Summe aus. Es wurde Sommer und merklich wärmer. Unzählige Tauben und andere, heimische Vögel nisteten auf dem Dach des Riesenkuchens, der in der Sonne allmählich dahinschmolz, da es sich fast ausschließlich um billigen Eisgrillasch-Import aus Bali handelte. Bald waren die Gärten des Viertels von einer zentimeterdicken Kuchenschicht überzogen. Was man dort auch erntete, alles schmeckte nach Kuchen, die Erdbeeren, die Tomaten, die Gurken, die Fliegenpilze, alles schmeckte irgendwie nach Eisgrillasch. Als die Nachbarn ihm das jetzt auch noch ankreideten, verlor Schnecke den Glauben an das Gute im Menschen. Das Schlaraffenland existierte, es war nicht nur nah, nein, es war da, und die Leute gingen nicht hin: sie gingen nicht nur nicht hin, nein, sie bekämpften es regelrecht. Das war zu hoch für Schnecke, das verstand er nicht. Ein weiterer Gerichtsbeschluß nötigte ihn, sein Schlaraffenland verschwinden zu lassen. Der Beschluß war unnötig, er hätte es eh bald beseitigt. Aus dem tief enttäuschten Schnecke wurde so am Ende doch noch ein strebsamer, angepasster Erdenbürger, der wie so viele, sein Unglück im Wohlstand ertränkte. zurück | Kurzgeschichten | Schnipsel | Gedichte |