AUSGANGSPUNKTE

Über den Ursprung der dramatischen Dichtung


Der Vater zur Mutter:

Ich habe ihn geprügelt, bis ihm die Tränen ausgegangen sind. In die Besenkammer habe ich ihn gesteckt, diesen Taugenichts.

Seine Lehrerin hat mir heute gesagt, daß er unfähig sei, sich zu konzentrieren. Er sei ein Träumer, sagte sie. Sie hätte den Eindruck, daß ihn die Schule nicht im geringsten interessiert.

Weißt du, daß er uns belogen und betrogen hat?

Von wegen, wir schreiben keine Klassenarbeiten mehr! Der Bengel hat sie uns vorenthalten, weil sie alle abgrundtief schlecht ausgefallen sind.

Er hat es gewagt unsere Unterschriften zu fälschen. Stell dir das bitte vor, ja? Mit seinen 9 Jahren begeht dieser Mensch Straftaten! Unser Sohn, unser eigen Fleisch und Blut ist auf dem besten Wege dabei, eine kriminelle Laufbahn einzuschlagen. Und das, obwohl ich ihn von Anfang an streng in die Pflicht genommen. habe. Das ist mir unbegreiflich, das will mir einfach nicht in den Kopf.

Wie oft muß ich ihn denn noch windelweich schlagen, damit er endlich zur Vernunft kommt? Ich kann ihn ja schließlich nicht töten. Wie stünde ich da, im Skatclub, bei unseren Nachbarn und Freunden?

Ich möchte nicht für einen Mord vor Gericht gestellt werden, den zu begehen es eigentlich dringend bedürfte; wie stünde ich da, vor dem Gericht, dem ich die Notwendigkeit dieser Tat zu beweisen hätte?


Die Mutter zum Vater:

Er ist ja auch immer so still. Weshalb sagt er nur so wenig. Sein Umgang ist auch schlecht. Dieser BAALKE, mit dem er zur Zeit verkehrt, soll rauchen und Mädchen an den Unterrock gehen.


Der Vater zur Mutter:

Rauchen hin, rauchen her, das möchte ich noch akzeptieren, ich rauche ja schließlich selbst. Aber, daß der BAALKE unschuldige Mädchen unsittlich berührt, kann und will ich nicht tolerieren.

Bin ich dir jemals an den Unterrock gegangen?


Die Mutter zum Vater:

Einmal schon, du kannst dich nur nicht mehr daran erinnern, weil du so betrunken warst. Das Produkt dieser Leibesnacht hast du gerade weggesperrt.


Der Vater zur Mutter:

Das kann dann aber unmöglich ich gewesen sein. Obwohl ich versuche, ihn nach besten Kräften zu lieben, kann ich fast nicht glauben, daß er einer von uns ist. Er ist nicht mein Sohn, er ist ein Rivale. Er möchte sich regen und will uns durchschauen anstatt mir zu folgen.


Die Mutter zum Vater:

Vielleicht durchschaut er uns ja längst und regt sich deswegen nicht. Womöglich ist er auch nur etwas langsam. Daß Sizilien zu Italien gehört, habe ich ihm jedenfalls beibringen können. Weißt du, daß er schreibt?


Der Vater zur Mutter:

Schreiben?, er?, das redest du dir nur ein. Wie kann jemand schreiben, der sich für seine Schulbildung nicht interessiert?! Ja, was schreibt er denn?


Die Mutter zum Vater:

Doch doch, er schreibt. Vorige Woche, beim Durchsuchen seines Schulranzens habe ich im Rechenbuch einige lose Blätter gefunden, worin er haarklein beschreibt, wie er einen Frosch bei lebendigem Leibe seziert. Es ist eindeutig seine Handschrift. Mein Herz ist bis zur Hälfte schwarz, stand obendrüber.


Der Vater zur Mutter:

Unser so schweigsamer Sohn beliebt wohl mitunter zu scherzen, was? Na warte Bürschchen, dafür wirst du doppelt bluten! Hast du gehört?!


Der Sohn, mehr zu sich selbst:

Es ist Krieg, es ist Krieg! Auf die Knie, ihr winselnden Storche, ihr lieben, guten, teueren, tapferen würdigen Männer des Volkes! Ihr Ahnungslosen Märtyrer, ihr vom derben Wahnsinn umschlungenen! Wie gerne würde ich mich in eueren vom Dreck zerfurchten Armen winden. Seht her, seht her, der kleine Mann in mir, er winselt noch um Gnade. So bitter, so bitter, ja hört ihr denn nicht das Kind in mir.

Ah!, wie ihr in Demut stöhntet, und ich stieß meine Lanze immer tiefer in euere Gehirne. Oh, wie ihr blutet, oh, wie ihr leidet, ihr Ärmsten der Armen, ihr Ächter der Geächteten. Erwachet! Frauen, Männer, Menschen des Volkes. Die Zeit des Untergangs ist gekommen! So kommet denn alle zuhauf! Versammelt euch im Jenseits, denn Diesseits ist schon längst vergangen.


Der Vater zur Mutter:

Was redet er, was redet er da?! Gefällt es ihm bei uns etwa nicht?


Die Mutter zum Vater:

Er liest bestimmt nur etwas vor. Von mir hat er das jedenfalls nicht.


Der Vater zur Mutter:

Wie kann er uns etwas vorlesen? In der Besenkammer ist es stockdunkel. Es ist nur sein wilder Geist, der sich noch sträubt. Selbst Pferde wollen gezähmt werden. Dressur ist Disziplin auf höchster Ebene, und die will ich ihm schließlich auch vermitteln. Mehr kann und will ich ihm nicht geben.


Die Mutter zum Vater:

Du bist ja auch vom Gesetz her dazu verpflichtet. Du wolltest also schon mehr für ihn tun, aber du kannst es leider nicht, weil dein Gesetz dich daran hindert.


Der Vater zur Mutter: (weint)

Warum bin ich nur so unglücklich? Aus welchem Grund muß ich gesetzeslosen Kreaturen den Stempel meiner Welt aufdrücken? So schlecht kann diese Welt doch gar nicht sein. Mir tut ja letztendlich keiner mehr was. Ich bin "raus aus dem Schneider", wie man so schön sagt. Ich bin, dank meines reifen Alters, eine Autorität. Warum bin ich nur so, wie ich bin?


Der Sohn, mehr zu sich selbst:

Kleiner Mann, - siehst du ihn nicht, den Regenbogen deiner Tränen?? Eine große, schwarze Wolke, hoch, so weit über deinem Köpfchen.

Wie der Regen riecht, wie er duftet, - Frühlingsdämpfe steigen auf!

Du stehst im Nebel des Frühlings. Du gehst hin zu dem großen Platz und reichst den Tropfen deine Hände.

Und wie du lachst, und wie du dich im Kreise drehst, wie du tanzt, dein Körper sich in Nässe wiegt!

Es regnet.


Danach hat sich der Vater erschossen und vorher noch vergeblich versucht, seine Frau mit ins Grab zu reißen.

Der Sohn starb einsam in der Besenkammer, weil er daran gewöhnt war. Das Mütterlein hingegen, lebt noch heute, da es die Scheuklappen vor ihrer eigenen Mißhandlung nicht ablegen kann. Noch heute fragt sie selbsternannte Götter nach dem Sinn des Lebens. Das kann man fast schon als GROTESK bezeichnen, obwohl es nur die Wahrheit ist.



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