DER KAISER VON INDIEN

Protokoll eines Staatsbesuches


Einige Teile des Kaisers

Unsere Stadt erwartet hohen Besuch! Ein Staatsmann von Welt und Rang und Namen wird uns heute besuchen! Die Straßen sind fein geschmückt. Alles, was Glocken hat, läutet unbändig herum, der Bürgermeister paßt nicht mehr in seine hochkarätigen Reitstiefel, und in der überfüllten Bahnhofshalle spielt eine enorm schräge Kapelle einen kräftigen Marsch nach preußischem Muster. - welch ein Aufwand wird doch immer betrieben, wenn es darum geht, politisch up to date zu bleiben.
Der Kaiser von Indien sieht gar nicht so aus wie ein Kaiser, so klein ist er nämlich, daß man ihn mit bloßem Auge kaum erkennen kann. Des Kaisers Gesicht hebt sich auffällig vom Durchschnitt ab, ganz braun ist es. Zudem scheint er ein armer Mensch zu sein, ausgehungert und in Lumpen gehüllt.

Jetzt bläst die Kapelle, übrigens das städtische Kurorchester, mächtig auf und schräger denn je. Kinder der Grundschule West werfen Blumen, zwei Indianer, nach ihrem Haarschnitt zu urteilen, vermutlich Irokesen in Bundeswehrkampfanzügen, schleudern vor lauter Begeisterung einige schwere Pflastersteine auf den Kaiser ab, die er, seiner indischen Zen-Mentalität entsprechend, nur locker abprallen läßt, um sogleich dem Bürgermeister in die Arme zu fallen. Was für ein Augenblick! Tratschtanten greifen zu Taschentüchern, hohe Ratsherren heben gekonnt ihre Zylinder, und wieder fliegen dornige Rosensträucher durch die Luft, manchmal auch Tannen oder alte Eichen aus dem vorigen Jahrhundert. Ganze Waldstriche scheinen für diesen Empfang gerodet worden zu sein.

Zwei Stunden später hat sich die Euphorie etwas gelegt, - der Kaiser betritt das Rednerpult: SCHUAHUA,HUAUASCHUA SCHABUA BUMM!! Dem Übersetzer treten Angstperlen auf die Stirne, denn diese Sprache kennt er nicht. Natürlich versucht er, nach bestem Wissen und Gewissen, die ersten Kaiserlichen Eindrücke zu verdeutschen - ob es ihm gelingen will, kann aber niemand sagen: Liebe Bürger dieser Stadt! Ich koche vor Freude, ich siede in heißem Fett ob des prunkvollen Empfanges weit jenseits des Ganges! Ich freue mich auch auf die vielen bunten Verträge, die ich selbstverständlich allesamt unterschreiben werde......
Mein Gott!, denkt der Bürgermeister, - der Kaiser ist doch sonst nicht so bescheiden. Vor zwei Jahren zum Beispiel hat er sich wegen zwei Pfund Kaffee angestellt wie ein störrischer Esel. Wäre das schön, wenn er in den Vertrag über zwei Legehennen, drei Zuchtsauen und einem verrosteten Feuerwehrfahrzeug einwilligen würde! Im Gegenzug bekäme die Stadt eine Rikscha und zwei heilige Kühe!

Nach dieser mehrstündigen Festrede, in der der Übersetzer durchaus Humor bewies, geht es zu Fuß zum Hotel. Es ist Winter und Bitterkalt. Die Jesuslatschen seiner Hoheit frieren unentwegt an der Straßendecke fest. Zwei mal muß ein Feuer zwecks Auftauen entfacht werden. Der Kaiser junkt vor Freude über die geniale Idee dieser mitteleuropäischen Erdenbürger.

Eine Woche verstreicht. Intensive Gespräche mit dem Pfarrer, dem Oppositionsführer, dem Metzgermeister, dem Bürgermeister. Der Übersetzer fühlt sich in jedem dieser Gespräche harmonisch in die jeweilige Anschauung ein. Seine Hoheit beklagt mittlerweile den Verlust eines Auges und des linken Ohrläppchens, außerdem kann er sich, auf Grund seiner verkohlten Füße, kaum noch auf den Beinen halten. Eine Echte Diplomatie verlangt energisch nach Objektivität. Nicht zuletzt aus diesem Grund hebt der Übersetzer die Gastfreundschaft seines Städtchens im Namen der ganzen Inderschaft sehr oft besonders hervor.

Zwei Wochen später. Seine Hoheit beklagt verhalten den Verlust seines linken Beines, an dem sich auch ein wertvolles Goldkettchen befand.

Drei Wochen später. Der Kopf seiner Hoheit beklagt verhalten den Verlust seines Körpers, an dem sich auch eine wertvolle Unterhose befand.

Vier Wochen später. Ein hohler Zahn beklagt verhalten den Verlust seines Kiefers, in dem sich auch einige goldene Plomben befanden. Die Verträge sind aber soweit alle unterzeichnet, so daß man den verhaltenen Klagen seiner Hoheit nunmehr keine Beachtung zu schenken braucht.



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