DER ZAUBERSTAB
Im Wald im Wald! Nicht fern von hier! Links jetzt ... immer dem spalierten Felde nach! Und dann hinab bis tief hinein ins Moor. Hinab auch zu den geköderten Leichen! . Ob ihr mirs glaubt, oder nicht. Man sagte ihm einiges nach. Wer an ihn glaubte, lernte die Zauberei schon bald zu schätzen. Wer die Zauberei verhöhnte, der glaubte auch nicht an die sieben Weltwunder und wurde fraglos verfolgt. Kritik zu üben hätte keinen Sinn gemacht, schließlich wollte man leben, irgendwie. Aber es ging nicht, außer, man log sich in seiner Not das Blaue vom Himmel. Man nährte seinen Selbstwert üblicherweise aus der Überlegenheit seines Verfolgers, weil, zu diesem Spiel gehören immer zwei, damit es funktioniert. Die Losung hieß Kampf! Da hatte die Welt ja einen erschaffen, der im Grunde verschlossen gehörte. Hieraus entwickeln sich oft die merkwürdigsten Beziehungen, die im Grunde gar keine sind. Da halfen mir damals auch keine Gedichte. Selbst der energischste Text war nicht imstande auszudrücken, was gesagt werden mußte. So stand ich schließlich ziemlich einsam da, mit meinen Fragen um den Verbleib meiner Seele. Nachdem sich zu den sieben Weltwundern wie aus heiterem Himmel noch die zehn Gebote gesellten, war ich mit meinem Latein hier schnell am Ende. Geschmacklos und intensiv. Jedwede Öffnung ist Verrat. So hatte ichs gelernt. Du sollst nicht schreiben, stand nirgendwo. Warum tat ich mich damit so schwer? Vermöge meiner Fähigkeit des Tiefblicks fand ich den Zauberstab schon früh in einem Schnellrestaurant weitab von der Stadt und nicht, wie böse Zungen selbst heute noch behaupten, in einem Schlaflabor in Tübingen, von dem ich sowieso nicht wußte, wo das war, Tübingen. Er verkörperte eher unauffällig die Gestalt eines x - beliebigen, knickbaren Strohhalmes und versuchte so, nach Außen hin beinah bescheiden zu wirken, was ihm jedoch nur in den seltesten Fällen gelang. Millionen verzweifelter Kinder schrieen nach dem Knick im Halm, den auch die Fernsehwerbung pries, wie es vorteilhafter nicht ging. Mütter können da oft nicht helfen, weil ihnen die Verzweiflung von Kindesbeinen an ins Gesicht geschrieben steht. Die lächerliche Hand des starken Vaters verbietet Wünsche außerdem enorm. Man wird wieder wie der Vater sein müssen. Hart, herzlos und brutal, und lässt das die "Gesellschaft" schmerzhaft spüren. Sich mit den Zwängen seiner Erzeuger auseinanderzusetzen, scheint immer noch Tabu par Excellance. (Wer sich noch an das Brausebonbon-Dilemma von 1959 erinnert, der weiß, wovon hier die Rede ist. Rudi Dutschke besuchte sporadisch die Grundschule, während Gudrun Ensslin gerade dabei war, ihr Kampfbilderalbum zu vervollständigen. Sie hatte es damals schon auf Glanzbilder abgesehen. Horst Mahler übte derweil schonmal Erhängen im Wald. Hitler, den alle so sehr lieben mußten, war leider schon tot. Wohin mit seinem Hass? Krieg war schon wichtig). Tauchte man den Halm, auf Grund dieser Erkenntnis, tief in eine Flüssigkeit ein, so verschwand er fast vollständig darin. Blies man nun in das aus der Flüssigkeit herausragende obere Ende hinein, so mußte man, wegen intensiver Blasenbildung, zu seiner Überraschung eindeutig feststellen, daß der Zauberstab nur Hohlraum war, den eine äußere Hülle geschickt verbarg. Daran zu saugen, traute ich mich nicht, weil ich wußte: Die Flüssigkeit war Gift. Ich blies nun so heftig in den Stab, daß die Blasen wie zierliche Tennisbälle zunächst auf den Rand des Glases sprangen, wo sie scheinbar zu tänzeln anfingen, bevor sie, eine nach der anderen das Gleichgewicht verloren, um letztendlich auf der marmornen Tischplatte zu zerplatzen. Dort wo die Blasen erstarben, entstanden schnell kleine Krater-ähnliche Vertiefungen, denen ein übelriechender Rauch entstieg. Bald war die Tischplatte von rauchenden Kratern übersäät. Es war mir, als schaute ich von einem hohen Berg aus auf eine prähistorische Landschaft. Ich staunte nicht schlecht. Und wie ich so da saß, den Mund weit geöffnet, die gluppschigen Augen fasziniert auf das unfassbare Geschehen gerichtet, da trat ein breitschultriger Mann an meine Seite. Seine linke Hand umklammerte verkrampft den Hals einer toten Gans, während seine rechte mir stolz ein silbernes Tablett präsentierte, auf dem er äußerst geschickt ein Ei balancierte. Der Mann war offensichtlich erkältet. Er mußte oft husten. Immer wenn er das tat, krampfte auch seine linke Hand. Dann öffnete die tote Gans im Reflex kurz ihren Schnabel und streckte mir ihre belegte Zunge entgegen, als sehnte sie sich nach dem ewigen Leben. Ich bin der Bauer Krätze vom Hofe der sieben Siegel, sagte der Mann. Bin Land und Wirt in einer Person. Darf ich vorstellen: Elsa, meine Gans, verlor sie vor Jahrzehnten durch einen tragischen Unfall im November bei starker Briese aus Nordost. Sankt Martin zerschnitt grad seinen Mantel für den armen Mann. Kam nicht drüber weg. Drum ließ ich sie ausstopfen. Nun ist sie für immer mein. Was hatte der Mann da gesagt? Nicht, daß ich mich schon zu den Tauben zählte, schließlich konnte ich nicht fliegen. Ich war halt noch ganz auf diese wundersame Kraterwelt fixiert. Wie sollte ich mich, in diesen Hinsichten, so schnell umstellen können. Ich war Träumer. Träumer sind immer träge. Die freie Wirtschaft ist nichts für sie. Träumer hören nie zu und interpretieren grundsätzlich alles falsch, obwohl, wenn man es mal anders sieht, Träumer wiederum nichts als die Wahrheit erzählen, nämlich die ihre. Realisten sind oft nur so genannte. Träumers Welten sind ihnen fremd. Sie greifen nach dem Strohalm der Logik. Als ob noch was zu retten sei auf Kosten der Träumer. Bei diesem Gedanken riß es mich förmlich von meinem Hocker. Mein Arm erfasste das Glas. Es kippte um und der in ihm verbliebene Rest seines Inhaltes ergoß sich über die Tischplatte. Es formte sich alsbald das erste Flußbett der prähistorischen Geschichte. In meiner Nervosität ergriff ich den Schnabel der Gans, der, da Krätze gerade wieder hustete weit geöffnet war, drückte ihn kräftig zu als gäbe es jetzt den Maulkorb fürs Leben, schaute kurz auf in die entsetzten Augen meines Gegenübers und erhob meine Stimme, die an Freundlichkeit nicht zu überbieten war. Tach auch, entglitt es mir. Wir sind wie Kinder im Schnee, so taumeln wir umher in seiner scheinbaren Festigkeit, hacken Löcher in den See und sammeln Fische ein, die oft wie panierte Stäbchen am Haken hängen. Wir sind die Hirten einer fernen Herde, die Hütchen eines fremden Spiels. Spitz, pass auf! Nur Schafe dürfen wir noch essen und rauben so dem Schäfer seine Herde schnell. Ihre Wolle kleidet uns indes rechtschaffen. Mensch, ärgere dich nicht! Schach MATT! Doch zunächst begrüße ich Sie! Seien Sie also zunächst begrüßt! THEO DORANT, mein Name, wenn sie wissen, was das bedeutet. Sie müssten sich dafür schon tief im Wald verirren, oder einfach mal bei mir hereinschauen. Erkenntnis kommt so oft erst über den Duft dieses Spiels. Das glauben Sie gar nicht. Der Schnabel der Gans brach während meiner Vorstellung wie selbstverständlich ab, ihr Stück Zunge war binnen Sekunden zu freilebiger Wurst verarbeitet. Natürlich entschuldigte ich mich sofort bei ihm: Zunge von der Gans! Rammler in Aspik! Taube im Schlafrock! Reitpferde von Neckermann! Die verhasste Schwiegermutter, in Sülze! Nett schaut sie aus, so konserviert im Glaserl. So hat man lange was von ihr. Bitte kühl servieren! Die Lende am Stück!, sowieso. Mein Brötchen heute mal bitte mit Gelbsucht und genetisch definiertem Schleim aus der Brechschüssel meiner schwindsüchtigen Oma. Dieser nur in Symptomen sichtbare Jakob Kreutzfeld muß endlich gefasst werden, sonst fressen wir uns eines Tages noch selber auf! Gesülze ist übrigens fast unbegrenzt haltbar, macht schlank und weise. Im Gel sieht man die Brocken der Persönlichkeit fixiert wie die Fleischklumpen im Ureis. Krätze fühlte sich durch meinen gesellschaftskritischen Vortrag in seinem Stolz doch arg gekränkt. Wie konnte ich ihm gegenüber nur so taktlos sein? Ich machte mir zunächst schwere Vorwürfe deswegen, aber womöglich fing er auch gerade erst an, mir seinen gekränkten Stolz, für den ich nie und nimmer etwas konnte zu zeigen, indem er mich schweigend zu beschuldigen versuchte, ihm nie und nimmer gerecht werden zu können. Sein ungeheuerer Vorteil in der Sache war eine unsichtbare Stellwand, welche er als Schutzschild polternd vor sich herschob, das ich fast darüber gelacht hätte, wäre es mir denn möglich gewesen. Mir ging die Fähigkeit, einen Schutzschild zu errichten, völlig ab, zumal ich die Notwendigkeit nicht sah, da ich ihn brauchte (nicht den Schutzschild), wie die Luft zum Atmen. Er hatte die Macht und ich ließ mich entmachten. Die Schuld war grundsätzlich auf meiner Seite. Ich fletschte meinen Intellekt und mußte oft darob erschauern. Mehr war nicht zu machen. Ich wurde explosiv. Der Mörder war diesmal nicht der Gärtner. So Mancher hats auf Grund seiner Erfahrung sogar zum Terrorristen gebracht, womit er sich selbst ins Messer lief. So Mancher hat es, auf Grund seiner Erfahrung, die er sich sogar zugesteht, sogar zum Minister für äußere Angelegenheiten gebracht. Um Himmelswillen! Was hatte ich damit? Nur weil der Schnabel seiner ausgetopften Gans, die er zwar haben wollte, doch niemals würde besitzen können jetzt so plötzlich abgebrochen war, so daß man nur noch wie vor einer Wand stehend reden konnte, deren Echos man nicht mehr verstand? Das machte doch keinen Sinn! Ich bin zwar kein politischer Schriftsteller, weil mir Machtkämpfe bis aufs Blut zuwieder sind, und doch ist alles auf merkwürdige Weise miteinander verknüpft. Ich würde mich lieber zurücklehnen und träumen. Ich glaube sogar, das würde jeder gerne, und jeder auf seine ganz unverwechselbare Art. (ART - heißt KUNST, was für mich heißt, die Verstellung des Menschen, also meine eigene aufzuzeigen. Erfahrung, wenn sie denn erst gemacht ist und ZUGESTANDEN wird, lehrt ungemein. Erfahrung, (wirkliche Erfahrung, ohne wenn und aber, ist Motor jeglicher Entwicklung) Nur allzu schnell verliert man sich in unhaltbaren Vorwürfen, die von realistischer Kritik soweit entfernt sind wie die WEGA von der Erde. Wie oft kommt es vor, daß ich morgens, kurz bevor mich der Wecker an meinen erzwungenen Rhythmus erinnert, auf die Uhr schaue, nur weil ich die letzten drei Minuten vor Ablauf der "Schlafenszeit" besonders genießen möchte. Die Zeit wird so zur Qual. Hier hilft oft scheinbar das Verzögern der wenigen Sekunden, die einem unfreien Menschen bis zur Knechtung noch bleiben. Es knarrt das Getriebe im Werke der Uhr, als schöbe man Stöcke zwischen die Zahnräder dieser freien Welt. zurück | Kurzgeschichten | Schnipsel | Gedichte |