VON DEN TANZENDEN STEINEN AM STRAND

Gedankenflug am Strand


DAS PLANKTON: Die tanzenden Steine am Strand sind wie schwankende Felsen in seichtem Wasser
DER ANGLER: Von Schiffern umschifft
DAS PLANKTON: Von Wellen gerundet
DER ANGLER: Ja, Steine sind Weiber
DAS PLANKTON: Ich habe Nierensteine
DER ANGLER: Dann musst du viel Trinken
DAS PLANKTON: Ich trinke Wahr - Steine
DER ANGLER: Versuchs mal mit Jäger - Meister, dem Gesöff mit Geweih
DAS PLANKTON: Aber, der ist doch schon verheiratet
DER ANGLER: Ein Grund, aber kein Hindernis
DAS PLANKTON: Wie kann ein Grund kein Hindernis sein?
DER ANGLER: Weils oft der grundlose Grund ist, der hindert
DAS PLANKTON: Sag ich doch!
DER ANGLER: Sagst du nicht! Du lügst!
DAS PLANKTON: Ich habe meine Gründe!
DER ANGLER: Ab - Gründe schaufelst du herbei
DAS PLANKTON: Ich weiß. Es ist der Schnee von gestern
DER ANGLER: Der ist längst geschmolzen
DAS PLANKTON: Ich steh bis zur Halskrause im Wasser deswegen!
DER ANGLER: Dann spring doch an Land und vertrockne meinetwegen!
DAS PLANKTON: Das wär doch mein Tod!
DER ANGLER: So oder so. Du hast keine Wahl, also, mach, was du willst!
DAS PLANKTON: Das mag zwar stimmen, aber ich habe zu Wasser wenigstens den Wal
DER ANGLER: Wer den Wal hat, hat auch die Qual. Er wird dich fressen.
DAS PLANKTON: Noch hat ers nicht geschafft!
DER ANGLER: Sei stolz, du Fischfutter, das du ihn bisher umschiffen konntest.
DAS PLANKTON: Ich bin geboren, frei zu sein, bald bin ich nicht mehr allein
DER ANGLER: Du bist geboren, gefressen zu werden
DAS PLANKTON: Aber ich will nicht!
DER ANGLER: Du musst! Niemand kann seiner Bestimmung entfliehen. Du versuchst die Naturgesetze zu unterwandern! Freundchen!, so geht das nicht!
DAS PLANKTON: Aber, ich will...
DER ANGLER: Du hast nichts zu wollen, du bist bestimmt, basta!
DAS PLANKTON: Ich will aber selbst bestimmen!
DER ANGLER: Dann gründe von mir aus einen harmlosen Verein und kämpfe symbolisch gegen die Ungerechtigkeit der Welt! Deine Bestimmung wird allerdings bleiben bis ans Ende deiner Tage, und die heißt, gefressen zu werden. Du kannst dich doch nicht so mir nichts dir nichts aus der Verantwortung ziehen. Damit nämest du den Walen die Lebensgrundlage!
DAS PLANKTON: Ich weiß, ich mache mich zum Mörder, nur weil ich frei sein möchte von euch Quacksalbern, von euch selbst ernannten Propheten, denen ein nicht existierender Gott Befehle erteilt, zu sagen wie, wer oder was man zu sein hat. Damit propagiert ihr die Freiheit von Allem, die nur im so genannten Kollektiv zu überwinden sei, in Einheit, in kritikloser Gleichheit vor dem immaginären Herrn, in scheinheiliger Harmonie, vor, mit, neben und von mir aus auch übereinander! Wer hat euch das beigebracht? Die, die euch einst auslöschten! Es ist doch nur diese verdammte Angst, die euch zu stummen Mitläufern mit großer Klappe werden lässt, die pfeifend irgendwelchen phrasendreschenden Götzen hinterherlaufen nur weil ihr nicht wißt, wer ihr seid!
DER ANGLER: Es geht immerhin seit Jahrtausenden so, und es geht gut, solange keiner etwas bemerkt. Jene, die etwas bemerkten, gab die infizierte Masse eins auf die Mütze. Sie starben und sterben noch heute zumeist als Märtyrer und wurden vom Papst heilig gesprochen, weil man einhellig der Meinung war, sie hätten nur Unsinn geredet. Sonderlinge halt, Quälgeister, sich selbst quälende Geister, Einzelgänger, im Grunde Abschaum, an dem man sich lieber nicht messen sollte.
DAS PLANKTON: Wie recht du doch hast, lieber Angler. Ich starb schon früh aus Not den Heldentod, lief schreiend durch Wälder, erschreckte Eulen auf ihrer lautlosen Pirsch, schleppte mich nach vertaner Nacht an den Strand und sang aus einer gewissen Verstörung heraus, Lieder für die Schildkröten der Weltmeere. Doch niemand verzieh mir, außer das Rauschen der Blätter im Wind vielleicht, niemand kam gelaufen, mir auf die Schulter zu klopfen, außer die Wellen der Brandung vielleicht. Selbst sie verliefen sich schäumend im Sande. Selbst wenn jemand gekommen wäre, mir auf die Schulter zu klopfen, mich zu trösten, ich häts ihm nicht abgenommen. Nichts und Niemand konnte mich trösten in dieser gottverdammten Einsamkeit. Ich fühlte mich fremd unter Fremden, egal mit wem ich auch zusammen war. Mein Schrei verhallte ungehört. In meiner Not begann ich, die Welt zu verspotten. Ich schrieb das fratzenhafte Gesicht dieser Welt nieder. Ich malte Zerrbilder, doch war ich mir zu jeder Zeit bewußt, das ich Erlebtes beschrieb.
DER ANGLER: Na siehst du. Es geht doch. Ich spüre den Beginn einer Einsicht! Bald wirst du über den Berg sein, bald wirst auch du verstehn. Wir brauchen vernünftige Menschen mit klarer Linie. Nun zier dich nicht so! Breche deinen Willen, leg ihn aufs Kreuz, dann wirst auch du mit uns warm werden. Du willst doch deinen Groll besiegen, oder? Du merkst, du schaffst es nicht allein. So komm denn zu uns. Wir sagen dir, wen du hassen darfst und wen du zu lieben hast. Mensch Plankton, du brauchst einen Faden! Jetzt zier dich nicht so und springe ins Boot!
DAS PLANKTON: Unmöglich! Selbst wenn ich es wollte, könnte ich es nicht. Ich weiß ja nicht einmal, was WOLLEN ist, wie könnte ich da also anders, außer zu müssen? Es ist diese Pflicht, die mich stört, diese mich seit Urzeiten quälende Pflicht, mich für alles in höchstem Maße verantwortlich fühlen zu müssen. Ich bin ja schuldig an der Welt und den Vorgängen in ihr. Wüßte ich, beispielsweise, in China fiele ein Sack Reis um, dann wäre es mir heilige Verpflichtung dort hinzureisen, ihn wieder aufzurichten, nicht aus Gefälligkeit, sondern aus Schuldbewußtsein. Wie sollte in dieser Atmosphäre so etwas wie ein WILLE überhaupt entstehen können? Diese Schuld erstickt jedes wirkliche Wollen, erstickt jedweden Sinn, degradiert ihn zum Unsinn, der, geradeaus gedacht, nur zum Irrsinn führen kann, und muß! Denn irgendwo muß die Wahrheit ja hin. Wenn man sie nicht aussprechen darf, dann muß sie ausgelebt werden und das, auf Teufel komm raus.
DER ANGLER: So so. Was ist, wenn ein Blatt vom Baume fällt?
DAS PLANKTON: Meine Schuld
DER ANGLER: Was ist, wenn in Cottbus ein Hund versehentlich auf den Gehsteig scheißt?
DAS PLANKTON: Meine Schuld
DER ANGLER: Was ist, wenn in Berlin ein Kindsmörder gesucht wird?
DAS PLANKTON: Meine Schuld
DER ANGLER: Was denn, der Mord, oder die Tatsache.
DAS PLANKTON: Wo ist der Unterschied?
DER ANGLER: Frag lieber nach der Tatsache
DAS PLANKTON: Ja, natürlich, ich wars zwar nicht, aber ich hätte die Tat womöglich verhindern können wenn ich den Mörder gekannt hätte. Meine Schuld
DER ANGLER: Aber du kanntest den Mörder doch gar nicht. Wie hättest du den Mord also verhindern können?
DAS PLANKTON: Ich soll ihn gekannt haben
DER ANGLER: Das macht man dir weiß!
DAS PLANKTON: Meine Schuld. Mir schwant schon seit Jahren Böses, wobei ich nicht weiß, wann es eintrifft. Deswegen trifft mich selbst der schräge Blick eines Passanten schon schwer, weil ich hierin hoffe, das Böse endlich dingfest machen zu können, damit es ein für allemale wenigstens aus meiner Welt ist
DER ANGLER: Das bildest du dir nur ein
DAS PLANKTON: Der Mörder tuts ja auch, nur, vollstreckt er wirklich
DER ANGLER: Deine Schuld?
DAS PLANKTON: Gewiss


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