DIE TAFEL



Ich hatte geschäftlich in Wolfenbüttel zu tun und war beim Hausmeister der städtischen Sonderschule zu Gast. Eine festlich gedeckte Tafel schürte meinen Hunger bis aufs Äußerste. Ich erblickte versilberte Teller,sowie vergoldete Tassen, die herrlich dekoriert zum völligen Schmaus einluden. Ein quiekendes Wildschwein schmorte einladend über offener Flamme. Im Zuckerstreuer krochen Waldameisen herum, und im geschliffenen Glas eines Essigfläschchens aus der Spätgotik spiegelte sich eine um ihr Leben ringende Schmeißfliege tausendfach, den Eindruck erweckend, als schaute man ins Rohr eines gewaltigen Kaleidoskops. Aus unzähligen Vasen schauten liebliche Blumen über die Tafel. Sie waren von einer derartigen Künstlichkeit, daß sie schon wieder natürlich wirkten. Schlecht gewaschene Taschentücher standen als Servietten getarnt aufwendig gefaltet bei jedem Gedeck. Über einem Teelicht blubberte eine dickflüssige Erbsensuppe vor sich hin, während links daneben eine Maschine fleißig Eis produzierte. Die integrierte Sahnemaschine schien aber einen Defekt zu haben, denn die Sahne stand kniehoch im Zimmer. Das war wohl ein Irrtum wie ich bald erfuhr, - so nach und nach begann sich der Raum mit erfahrenen Damen und Herren zu füllen. Diese fröhlichen Menschen liebten Schlagsahne über alles, da kam ihnen das gerade recht.

Nachdem ich mehrfach auf mich aufmerksam gemacht hatte, begrüßte man mich natürlich gerne, wenn auch etwas schroff, wie ich eingestehen mußte. Zwei Damen aus höherem Hause, die zunächst verstohlen ihre überdimensionalen Handtaschen mit Schlagsahne füllten, stolzierten hernach hocherhobenen Hauptes an mir vorüber, als wollten sie mich nicht gesehen haben. Eine andere, schwarz gekleidete Dame führte eine stark gespannte Hundeleine mit sich, die ungefähr einen Meter vor ihr schräg in die Schlagsahne eintauchte. Es sah so aus, als würde sie von einer unsichtbaren Macht völlig unkoordiniert durch den Raum gezogen, denn ihre Beine bewegte sie nicht. Vielleicht trug sie ja diese amerikanischen, einbeinigen Rollschuhe, ich konnte es leider nicht sehen. Aber auch diese Dame war von unglaublicher Schönheit befallen, wie ich bald erkannte. Auf ihrem Gesicht klebten vertrocknete Gurkenscheiben, Ananasringe und etwas, daß aussah wie versteinerte belgische Strauchtomaten aus der Kreidezeit. Mit ihrer Schönheit ging sie wohl aufs Äußerste.

Deswegen richtete ich meine Aufmerksamkeit dann auch auf einen Herrn in kristallblauer, hochkarätiger Uniform, deren Goldstickereien mir schon von Weitem Hochachtung wie Respekt einflößten. Er hatte zwei Kleinkinder im beginnenden Laufalter bei sich, deren Köpfe hin und wieder aus dem Sahneteppich auftauchten. Als er mir gegenüber stand musterte er mich kritisch von oben bis unten, befand mich dann aber für geeignet, mit ihm in Kontakt treten zu dürfen.

Während wir uns mehr als nur angeregt unterhielten, spürte ich unentwegt stechende Schmerzen im linken Zeh. Dank der offenen Art unserer Konversation fand sich die Ursache meines Schmerzes schnell. Es war wohl der kleine Karl Willi, der meinen dicken Zeh mit der Brust seiner Mutter verwechselte. Dieses Kind litt an einer zu starken Mutterbindung. Sein kleinerer Bruder war da ganz anders. Er ging mit seinen sieben Monaten schon auf die Hochbegabtenschule in Wolfenbüttel und stand kurz vor dem Abitur. Er hatte die Intelligenz seines Vaters geerbt. Auf seine Mutter pfiff er schon lange. Der Herr in der blauen Uniform war Hauptmann eines Veteranenvereins. Stolz zeigte er mir ein paar unscharfe Polaroidbilder vom letzten Veteranenfest. Auf einigen Bildern erkannte man bei genauerem Hinsehen weit hinten in der Ferne uniformierte Menschen, die dem Fotografen zuwinkten. Ein anderes Foto zeigte eine halbe, im Wind wehende Fahne, deren rechte Hälfte vom Bildrand beschnitten wurde. Aus dem unteren Bildrand ragte ganz links noch der Hut des Fähnrichs heraus. Er war in visuell beeindruckender Weise durch einen schwarzen, sich zum Ende hin verjüngenden Strich mit der Fahne verbunden. Dabei handelte es sich um die Fahnenstange. Sie beschrieb exakt die Diagonale im Rechteck des Bildes. Von einer derartigen fotografischen Meisterleistung mußte ich mich natürlich begeistert zeigen. Ich gratulierte dem Hauptmann, worauf er mich prompt zu einem Diaabend bei sich zu Hause einlud. Nachdem der Hauptmann sich verabschiedet hatte, ließ auch der Schmerz im Zeh sofort nach.

So nach und nach füllte sich die festliche Tafel. Die Gäste nahmen, zumeist im Gespräch vertieft, fast unbewußt Platz. Gesprochen wurde viel hier. Es wurde sogar sehr viel gesprochen, (ob zuviel gesprochen wurde, weiß ich nicht mehr). Nachdem alle Platz genommen hatten, erhob sich ganz hinten an der schmalen Seite des Tisches eine an Goliath erinnernde Gestalt, die, da sie das einzige Fenster des Raumes wie eine heruntergelassene Rollade verdeckte, sofort eine intime Atmosphäre erzeugte, die aber nur von kurzer Dauer war. Wie durch ein Wunder der Technik erstrahlten einige kilowatt-starke Baustrahler, die den Raum in gleißendes Licht tauchten, das selbst Blinde sehend machte.

Das ewige Gemurmel verstummte. Es breitete sich eine Totenstille aus wie man sie von einem Beerdigungskaffee kennt. Ein unsachgemäß installierter Baustrahler brannte derweil ein schwarzes Loch in die Tischplatte, das aber kaum Beachtung fand, was ja auch logisch war,- schwarze Löcher verschlucken Materie jedweder Art, - da ließ man lieber die Finger von und konzentrierte sich ganz auf das Gehabe dieses sich erhoben habenden Emporkömmlings namens Goliath. Ob er nun tatsächlich Goliath hieß möchte ich an dieser Stelle dahingestellt lassen, - schließlich befinden wir uns hier in der Liteteratur und nicht im Leben. (Nach soeben erfolgter Rücksprache mit meinem Produzenten darf ich ihn natürlich Goliath nennen. Er ist sehr tolerant und gibt mir großzügig die Freiheit des Schreibens, sofern ich nicht gegen die guten Sitten verstoße, was ja so gut wie nie vorkommt. Ein Kritiker schrieb mal, meine Geschichten erinnerten sehr an die schönen Kinderbücher von Astrid Lindgren. Damit hatte er nicht ganz Unrecht, denn ich schreibe ja, - wie Astrid Lindgren schreibe auch ich).

Um nun auf diesen Goliath zurückzukommen, so begann er sich sogleich wichtig zu machen. Er benahm sich wütend, ja gereitzt und zeigte auf die Sahnemaschine, die, wie man jetzt erfuhr, wohl doch defekt war. Ich wußte nicht was er wollte, aber er schimpfte sehr mit den Leuten am Tisch, die gar nichts getan hatten, außer daß sie durch die Sahne gelaufen waren und sich am Tisch hingesetzt hatten. Als ich gerade erstmalig bezweifelte ob ich hier richtig war, forderte Goliath mich auf, mich zu erheben. Da ich David mit Vornamen hieß, tat ich das ohne Angst. Ich fragte ihn, was das solle und wie er hieße. Er sagte, daß sein Name Adam Riese sei, ein kühler Rechner, ein kühner Demokrat. Ihm sei unter anderem zu Ohren gekommen, daß ich die Sahnemaschine kaputt gemacht hätte. Auf Grund seiner mathematischen Genialität würde mir diese Straftat mit dreißig Rautenschlägen vergolten. "Jetzt versuchen Sie doch nicht den Nikolaus zu spielen!", brüllte ich ihn an. "Ich weiß überhaupt nicht was ich hier soll in diesem Gruselkabinett! Ich habe mich in der Hausnummer vertan, oder ist das hier die Wohnung des Hausmeisters der Sonderschule..."
"Sonderschule ist gut", erwiderte Goliath, "ha, Sonderschule,,, sie sind hier nicht in der Sonderschule, sondern in einer ganz» besonderen« Sonderschule. Sie sind gerade Zeuge einer gruppentherapeutischen Maßnahme des Max Krank-Institutes zu Wollfenbüttel e. V.. Wir sind ein gemeiner sowie nützlicher Verein zur Bekämpfung der kollektiven Neurose. Wir bekämpfen sie aber an Einzelpersonen. Das ist billiger und fördert auf Zeit gesehen die Kollektivität dennoch. Zur Zeit bekämpfen wir die Neurose einer gewissen Anna Kollappska, einer Spätaussiedlerin aus dem Sudetenland, die als Säugling vom Wickeltisch in ihren ersten Geburtstagskuchen gefallen ist. Sie versank tief in der hohen Sahneschicht, die sie wie eine Lawine unter sich begrub, woran sie bis heute schwere Qualen leidet, zumal ihre Mutter das nicht bemerkte und beim Anschneiden des Kuchens den linken Zeh ihrer Tochter erwischte. Es hätte schlimmer kommen können. Im Moment versuchen wir ihre frühere Situation so authentisch wie möglich nachzustellen, um ein Erinnern zu erleichtern, aber die Sahne steht leider nicht hoch genug im Zimmer. Selbst die Frischlinge dieses Veteranenhäuptlings erreichen die Oberfläche des Sahneteppichs noch! Die Frau muß tief in der Sahne versinken, um geheilt zu werden!" "Ach so, ja ja," entgegnete ich. Ich mußte erst mal nachdenken: Eigentlich hatte er nicht Unrecht, wenn man ihn so reden hörte, vorausgesetzt seine Theorie stimmte. Das wußte ich aber nicht. Deswegen blieb ich zunächst mißtrauisch ihm gegenüber. Ich befragte ihn erst mal unbefangen nach weiteren Highlights seiner therapeutischen Arbeit.

"Ich habe während meiner einhundertzwanigjährigen therapeutischen Tätigkeit keinen einzigen Mißerfolg gehabt, alle habe ich geheilt, alle die zu mir hinliefen wie die Fliegen zum Misthaufen", entgegnete der Riese Goliath da, der sich mit Vornamen Adam nannte, (wenn ich das richtig verstanden hatte) "Oh!", rief ich laut aus, "dann sind Sie aber schon recht alt. Sie müssen viel vom Leben kennen."
"Natürlich kenne ich viel vom Leben!", raunzte er mich an, "das war aber nicht immer so. Nach einer Gott sei Dank früh entdeckten Alzheimer im achtundsiebzigsten Lebensjahr,die ich auf eigene Faust erfolgreich behandeln konnte, wie Sie sehen, ging es wieder bergauf mit meinen Kenntnissen. Ein grauer Star, der mir ins linke Auge flog, konnte bis auf eine Schwanzfeder auch entfernt werden. Eine schwarze Amsel,die mir ins rechte Auge geriet wurde von der Medizin leider nicht anerkannt. Die mußte ich ganz unorthodox entfernen. Es gelang mir sogar einen Gehirnschlag, der mich im Sechundneunzigsten traf, durch einen gezielten Gegenschlag erfolgreich unschädlich zu machen. Ja ja, das nur zu meiner medizinischen Ader."
Der Riese Goliath kam jetzt richtig in Rage. Er sprach sehr gerne besonders gestenreich von seinen Fähigkeiten, wie ich feststellen mußte. Als er von seiner Zeit mit Friedrich Nietzsche erzählte, mit dem er angeblich zusammen den ZARATHUSTRA geschrieben haben wollte, wirbelte er oft seine Fäuste herum, daß Blumenvasen, vergoldete Teller sowie einige Personen in seiner näheren Umgebung vom Tisch oder von ihren Stühlen gestoßen wurden. Auf diese Art und Weise entstanden an der Zimmerdecke auch einige faustgroße Krater, die den Raum, wenn man ehrlich war, verschönten.

Goliaths Erzählungen fanden aber nicht nur bei mir großen Anklang. Der Hauptmann vom Veteranenverein begann sich nach und nach, wenn auch zunächst kaum vernehmbar, einzumischen. Anfangs schneuzte er immer bloß furchtbar ungehalten in eines der Taschentücher, die nun wild verstreut und vielfach benutzt auf dem Tisch herumlagen.- die Tafel hatte viel von ihrer anfänglichen Schönheit verloren, - ein wenig später jedoch begann er undeutlich erste einfache Sätze zu bilden, die er, wenn auch kaum vernehmbar, sogar auszusprechen wagte. Erst als Goliath erzählte, daß er schon mit Vincent van Gogh gemeinsam in die Seine gekotzt hatte, lachte der Hauptmann lauthals los, - eine Geste, die der Totenstille am Tisch angenehm entgegentrat. Als Goliath das hörte, setzte er sich wieder auf seinen Stuhl, gerade so, als hätte er nie mit mir gesprochen, als kannte er mich nicht. Es war schon dunkel draußen, wie man, da das Fenster jetzt wieder frei war, erkennen konnte. Trotzdem erlosch das Licht der Baustrahler wie auf ein geheimes Zeichen hin. Es wurden Kerzen angezündet Zwei Damen in Gestalt von Bunnyhäschen betraten, ihre Brüste frei und höher gelegt, den Raum. Die Damen, die ihre Handtaschen mit Schlagsahne gefüllt hatten, packten sie aus und beschmierten sich gegenseitig damit. Noch während sie sich die Kleider vom Leib rissen, tauchten sie in den Sahneteppich ab. Gegenüber am Tisch legte man Karten um viel Geld. Ein Bunnyhäschen, ach nein, ich glaube es war ein Bunnyhahn, denn er trug einen Kamm im Bart, brachte mir eine Getränkekarte. Ich war so baff, daß ich sie dankend entgegennahm. Es war eine schön aufgemachte Getränkekarte. Die Preise mußte man aufrubbeln. Laut Hausordnung erwarb man automatisch das Getränk, dessen zugehöriges Feld man aufgerubbelt hatte, - eine spannende Angelegenheit für jeden Gast. Mir fiel auf, daß ausschließlich Sekt aus aller Herren Länder angeboten wurde. Auch der Name dieser Gastronomie war eng mit diesem Getränk verknüpft. Was las ich da ?: HARI HARI Wolfenbüttel e.V. , Die "andere Sekte". Oder war das nur ein Druckfehler? Vielleicht hieß der Sekt ja auch HARI HARI und es war eben - der "andere Sekt". Aber Spaß beiseite, - zuviel hatte ich schon gesehen, als daß mich diese irreführende Assoziation noch hätte verwirren können. Ich war in den Klauen einer gefährlichen Sekte gefangen. Sie war als pychotherapeutische Gruppenpraxis getarnt. Stattdessen betrieb man hier eifrig animalischen Gruppensex. Unterlegene Rivalen ließen sich gerne auspeitschen. Wenn sie Geweihe getragen hätten, dann hätten sie sich sicherlich zerfleischt.

Hier geschahen unglaubliche Dinge, und ich befand mich mitten im Geschehen. Ich mußte weg hier, so schnell wie möglich. Aber warum ging ich nicht einfach durch die Haustüre ins Freie? Ich wollte ja raus, aber irgendetwas fesselte mich da unten an den Beinen, die ich wegen der Sahne nicht sehen konnte. Ich kam einfach nicht mehr vom Fleck. Es war so, als hätte man meine Schuhsohlen mit Pattex beschmiert. Dann brauchte ich ja nur die gordischen Knoten meiner Schnürsenkel zu lösen, um mich zu befreien. Ich holte Luft und tauchte tief in den bräunlichen Sahneteppich ein. (Ich werde es wohl nie lernen, mir wie ein normaler Mensch die Schuhe zu binden), - was waren das denn für Knoten, die ich da fabriziert hatte?! Es waren tatsächlich gordische Knoten,- ich bekam sie nicht entwirrt.
Als ich wieder auftauchte stand Goliath vor mir. Er erkannte mich nicht, - ich sah aus wie ein Schneemann im tiefsten Winter. "Welche Richtung bist du!?", fragte er in forschestem Ton. "Pädophil oder Homo!?" Ich konnte in der Not des Unwissenden nur antworten: "Sapiens, Homo-Sapiens, angenehm". Ich schüttelte ihm sogar die Hand, woraufhin er mir eine schallende Ohrfeige verpaßte, deren Schlagkraft durch die Sahne aber geschwächt wurde. Das war schon mal positiv. Nachdem ich mir die Sahne vom Kopf geputzt hatte stutzte er: "Ach, Sie sind das!" Er erinnerte sich wohl doch noch an mich. "Hören Sie", fing er jetzt an. Er wirkte auf mich auf einmal hilflos wie ein kleines Kind. Er schaute sich nach allen Seiten um,ob ihn vielleicht jemand belauschte. Auch fiel mir auf, daß er mich plötzlich siezte. Er ballte eine Hand zur geöffneten Faust, so daß gleich einem Strohhalm die Luft noch gut hindurch gelangte, preßte sie fest an seine Lippen, daß auch nicht der leiseste Hauch entwich, führte das andere Ende des Strohalmes an mein Ohr und begann ein mir fremdes Wehklagen: "Sie müssen verstehen", begann er sehr leise, - ich konnte kaum etwas verstehen - "aber Sie sind der einzige Fremde hier. Nur Ihnen kann ich vertrauen." "Hier sind mir alle fremd", schrie ich förmlich aus mich heraus, "bis auf Sie, sie kenne ich ja nun schon. Sie sind mein einzigster Bekannter hier. Kann ich auch Ihnen trauen?"
"Natürlich können Sie mir vertrauen!,...selbstverständlich!", sagte er, "ich glaube, ich kenne Sie irgendwo her. Haben wir nicht zusammen Golf gespielt?"

Ach du Himmel, jetzt dämmerte es mir. Diesen Goliath kannte ich ja wirklich. Ich hatte tatsächlich mit ihm Golf gespielt. Der Mann hieß mit bürgerlichem Namen Eduard Schmöllner. Er gab sich auf dem Golfplatz als gestandener Geschäftsmann aus. Das waren ja komische Geschäfte, die er da tätigte. Von seiner psychologischen Praxis, hinter der sich ein Sado-Maso- Schuppen übelster Sorte verbarg, hatte er mir nie etwas erzählt. Diesem Menschen sollte ich vertrauen können? Niemals würde ich diesem Kerl auch nur ein Fünkchen Vertrauen entgegenbringen, niemals. All die Jahre über hatte er mein Vertrauen mißbraucht. Wir kannten uns gut. Wir waren Freunde. Ich durfte seine fehlgeschlagenen Golfbälle suchen und mußte sie wie ein Hund apportieren. Es war eine schöne Zeit. Ich hüpfte gerne durchs kniehohe Gras. Dementsprechend gedämpft fiel auch die Freude über unser Wiedersehen aus, zumindest bei mir. Was wollte er von mir? Ich wollte ihn gerade danach fragen, als es heftig an der Türe klopfte. Nachdem Goliath hereingebeten hatte, betraten zwei Herren in dunkle Trenchcoats gehüllt den Raum und bewegten sich gezielt auf den Riesen zu. Der kleinere der beiden Herren kramte einen Ausweis aus der Tasche, den er Goliath vor die Nase hielt. "Gestatten, Schrampanski, Kriminalpolizei Wolfenbüttel, SITTE. Sind Sie Eduard Schmöllner alias Adam Riese?" "Ja, der bin ich", entgegnete Schmöllner, "sie wünschen bitte?" "Sie sind verhaftet Riese, - Schmöllner, das Spiel ist aus." Die Beamten gingen äußerst ruppig mit ihrem Gefangenen um. Sie stießen ihm oft in die Rippen oder sonstwo hin. Zuguterletzt zogen sie ihn bis auf die Unterhose aus, um ihn nach Waffen zu durchsuchen. Nachdem sie nichts dergleichen bei ihm fanden, wurden sie noch ruppiger. Selbst mich versuchten sie übel zurechtzuweisen, nur weil ich nach dem Namen ihrer Dienststelle und ihres Vorgesetzten gefragt hatte. Gott sei Dank war der Hauptmann vom Veteranenverein soeben aus einem Delirium erwacht. Ich benötigte dringend Zeugen. Hier geschah Unrecht, angeblich im Namen des Volkes. Obwohl ich Schmöllner dieses Unrecht, wenn ich mal ehrlich sein darf, eigentlich mehr als nur gönnte, tat er mir in seiner prekären Lage doch irgendwie leid.

Der Hauptmann mischte sich, nachdem er gesehen hatte was vor sich ging, sofort kämpferisch nicht nur in den Dialog ein. Er wußte nachweißlich nicht, worum es bei dieser Auseinandersetzung ging. Trotzdem stand er ganz auf meiner Seite. Das rechnete ich ihm hoch an. Mutig postierte er sich zwischen die Männer und Schmöllner. In wirren Posen befahl er ihnen, sich endlich zum Teufel zu scheren. Als sie den staatlichen Charakter ihrer Mission hervorhoben, mußte der Hauptmann schrecklich lachen,- eine Gefühlsäußerung, welche die Männer sogar zum Kochen brachte. Es gab eine Suppe, ein Menü, sowie Ananas mit Haselnüssen zum Nachtisch. Nach einem gemeinsamen Nickerchen wurde fleißig weiter um die Festnahme gestritten. Arg außer Kontrolle geriet die Auseinandersetzung aber erst, als nicht mehr klar war, wer jetzt wen eigentlich zu verhaften hatte. Die Männer verwiesen auf »deutlich höhere« staatliche Befugnisse. Auch dafür hatte der Hauptmann nur ein müdes Lächeln übrig. "Was ist denn hoch, was ist denn niedrig!", schrie er plötzlich los, "erklären Sie mir mal den Unterschied. Nicht Sie, sondern alleine mein Kollege hat hier zu sagen, merken Sie sich das. Wenn Sie jetzt nicht sofort verschwinden, rufe ich die Polizei."
Die Männer schauten sich verblüfft ins Gesicht, - sie waren doch von der Polizei, merkwürdig. Der Hauptmann ließ nicht locker. Es gelang ihm schließlich die Kommissare hinauszukomplimentieren. Ich war ganz baff. Schmöllner bedankte sich bei dem Hauptmann und lud ihn zu einer Flasche Sekt auf seine Suite ein. Ich setzte mich derweil an die Bar und schlürfte ein wenig am Internet. Die beiden Damen, die sich vorhin so leidenschaftlich in die Schlagsahne gestürzt hatten, waren immer noch nicht aufgetaucht. Ich fragte mich, was Schmöllner von mir wollte. Die dummen Polizisten hatten alles durcheinandergebracht. Nur die Dame mit der gespannten Hundeleine saß noch am Tisch. Die Leine hatte sie an einem Kleiderständer festgemacht, der fortan munter kreuz und quer durch den Raum lief. Manchmal bellte er sogar. Ein Dackel war das nicht, nein nein, - ich tippte auf Schäferhund oder Rottweiler. Das arme Fiech war bestimmt schon ganz aufgequollen von der Sahne, - besonders Rottweiler fressen alles, was ihnen vors Maul kommt, sogar Luft.

Ich fühlte mich schon ganz alleine, als es unverhofft ein zweites mal heftig an der Türe klopfte. Nachdem ich hereingebeten hatte, betrat ein Herr, der sich als Pontius Pilatus ausgab, den Raum. Es handelte sich um einen Amtsrichter aus Bibel, der hier Stammkunde war. Er trug ein schneeweißes Gewand, mit Perlen aus billigem Kunststoff verziert. Außerdem kam er Barfuß dahergelaufen. Er benahm sich allgemein sehr ungeschickt. Auch mit dem Sahneteppich kam er nicht zurecht. Anstatt einer üblichen Gehbewegung praktizierte er, wer weiß warum, eine Art Moonwalk durch die Sahne. Ich gewann den Eindruck, als meinte er mit jedem Schritt, über den Teppich steigen zu müssen. Er machte große, hohe Schritte, die seine Barfüßigkeit preisgaben. Er erinnerte mich entfernt an einen Hobbytaucher, der mit Schwimmflossen bestückt, in einem Priel im Wattenmeer nach Muscheln suchte, zumal der liebe Gott ihm große, breite Plattfüße sowie eine schnorchelartige Nase geschenkt hatte, die krumm und schief aus seinem Gesicht herausschaute.

Pilatus begrüßte mich mit einer abgrundtiefen Verbeugung. Sein kleines, ovales Gesicht verschwand kurz in der Sahne. Als er wieder auftauchte, hätte ein Friseur ihn bloß noch zu rasieren brauchen. Er fragte nach Schmöllner. Er müsse ihn dringend sprechen. Ich tat so, als hätte ich hier neuerdings auch etwas zu sagen und fragte nach dem Grund. Schmöllner befände sich zur Zeit in einer existentiellen Konferenz und wolle auf keinen Fall gestört werden, auf gar keinen Fall. Pilatus zog seine Stirn in tiefe Falten, derart rasch, daß ein Großteil der dort anhaftenden Sahne mir ins Gesicht spritzte. Es sei aber wirklich dringend, es ginge sich um Leben und Tod, flehte er jetzt förmlich.
Ich blieb hart. Eine derartige Geisteshaltung konnte mich nicht mehr beeindrucken, die hiesigen Geschehnisse hatten mich regelrecht abgebrüht. Gleich einer geplatzten Knackwurst in siedendem Wasser hatte ich mich über den Dingen erhoben und schwamm nun endlich auch an der Oberfläche des Seins.
"Mein lieber Herr Pilatus", begann ich belehrend, "Ich sagte es bereits, Herr Schmöllner ist nicht zu sprechen, für Sie nicht, für mich nicht, für keinen. Auf zwei existentiellen Hochzeiten kann man eben nicht tanzen. Strengen sie mal Ihren Grips an, Pilatus, - Schmöllner kämpft ja bereits um Leben und Tod, das reicht doch wohl, finden sie nicht auch?"
Hatte Pilatus mich verstanden? War es ihm möglich auf diesem hohen Niveau zu denken? Diese Frage hing tonnenschwer im Raum.
Pilatus schwieg. Es schien, als dachte er nach...
Ich schaute ihm tief in die Augen.
Ich glaubte schon, ihn in der Gewalt zu haben, als oben eine Türe aus den Angeln gerissen wurde. Aus dem der Türe zugehörigen Zimmer torkelten eng umschlungen Schmöllner und der Hauptmann heraus, - die Konferenz war beendet. Schmöllners Hemd hing in Fetzen über seinen Schultern. Seine bunte Krawatte zierte den buckligen Rücken des Hauptmanns. Auch fiel mir auf, daß Schmöllner die viel zu enge Hose des Hauptmanns trug, die vom Schritt aufwärts aufgerissen war. Äußerst kleidsam wirkte auch die auflockernde Sandale an seinem rechten, sowie der militärisch strenge Stiefel an seinem linken Fuß. Der Hauptmann trug eine gelbe Unterhose und eine schneeweiße Tennissocke. Auf der Unterhose befand sich ein Aufdruck, der das Brandenburger Tor vor der Maueröffnung zeigte. "ACHTUNG! SIE VERLASSEN JETZT DEN AMERIKANISCHEN SEKTOR," stand außerdem groß auf der Rückseite des Slips. Sein Oberkörper bedeckte eine Art Teppich, wie man ihn oft zur Zierde der Toilettenkeramik verwendet. Pilatus erschrak beim Anblick der beiden obskuren Gestalten heftig. "Was ist das?", stotterte er.
"Nun," entgegnete ich, "das ist der, den Sie so dringend zu sprechen wünschen. Ich sagte doch, daß er um Leben und Tod kämpft. Den heutigen Kampf hat er wohl gewonnen. Wie Sie sehen lebt er noch."
"Ach was", erwiderte Pilatus, "Sie wollen mir doch nicht weiß machen, daß Schmöllner gerade von einer lebenswichtigen Konferenz kommt. Der weiß ja nicht mal mehr wie er heißt."
Verflucht, Pilatus war dabei, mir auf die Schliche zu kommen. Gut, ich hatte ihn belogen, aber Lügen ist ja schließlich keine Straftat. Ich lachte so laut wie es mir möglich war und klopfte Pilatus auf die Schulter, daß er fünf Zentimeter kürzer wurde. "Ich kann Witze machen, was, ha ha!," prustete es aus mir heraus, - ich wollte die Situation entschärfen, was mir spielend gelang. Schmöllner und der Hauptmann gesellten sich zu uns. Die beiden sangen das berühmte Lied von Hawai, daß es dort kein Bier gäbe. Selbst Pilatus, der sich und mehr für diese Sache begeisterte pfiff bisweilen sogar die zweite Stimme mit. Als die Dame mit der Hundeleine den schönen Singsang gewahr wurde, gesellte sich auch sie dazu und trällerte heftig mit, daß es eine Freude war. Auch tauchten plötzlich die Kriminalbeamten wieder auf. Sie schmetterten das schöne Lied wie zwei Tenöre durch den Raum. Irgendetwas Glitschiges zog sich an meinen Beinen hoch. Es waren die beiden Damen, die aus der Schlagsahne auftauchten, weil auch sie den unwiderstehlichen Drang zum Singen verspürten. Aus der Tiefe der Sahne erschallte das gequälte Gejaule eines armen Hundes, - der Kleiderständer bewegte sich nicht mehr.

Ganz und gar unverhofft öffnete sich langsam ein Vorhang, der den Raum von was weiß ich trennte. Die Baustrahler, diesmal bunt und blinkend, tauchten uns in eine Art Rampenlicht. Mehrere Engel, an dünnen, fast unsichtbaren Schnüren befestigt, schwebten Harfe-spielend über unseren Köpfen. Ein schallender Applaus, begleitet von Bravo-wie Buh-Rufen erfüllte dieses herrliche Szenario. Ein faules Ei zerschellte krachend an meinem Kopf. Aus der unendlichen Weite des Raumes, die sich hinter dem Vorhang aufgetan hatte, strömten verschiedenartige Menschen auf uns zu. Bald waren wir umzingelt. Diese Kreaturen hatten nun nichts anderes zu tun, als mir in aller Eile kräftig die Hand zu schütteln, wobei auch Verbal an Lob nicht gespart wurde. Einige schlugen mir ihre geballte Faust wütend ins Gesicht. Mir wurde allein auch deswegen schon schwindelig. Ich tat aus Rücksicht erst mal so, als sei das ganz normal, verhielt mich nach wie vor weltoffen und kompetent, wofür immer das hier auch gut sein mochte. Wichtige Menschen, deren Bäuche mächtige Fotoapparaturen bedeckten, benutzten diese auch. Ein infernalisches Blitzlichtgewitter war die Folge. Einige anscheinend noch wichtigere Menschen schrieben Weltbewegendes in kleine Notizbücher, nachdem sie fast jeden der Anwesenden ausgiebig befragt hatten.
Ich befand mich auf der riesigen Bühne eines absurden Theaters und hatte die ganze Zeit, ohne es zu wissen mitgespielt. Morgen würde mein Bild groß in der Zeitung stehen. Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet.



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