DIE TAPETE(eine Tragödie in moll)
Ist es nicht sonderbar? Ein ganzes halbes Jahr lang klaffte in
meiner kleinen Bude die Tapete bahnweise von den Wänden. Es war feucht
und roch schon nach verfaultem Schimmelpilz, und da muß ich jetzt
daherlaufen und mir die Finger meiner linken Hand fast abquetschen,
so quasi als Startschuß zum Tapezieren. Warum gerade jetzt diese
Arbeit, wo ich doch nur die rechte Hand gebrauchen kann? Immerhin ist
der Zeigefinger bis auf den Knochen aufgerissen, immerhin ist er
geschient, immerhin geht ein beängstigender, stechender Schmerz von ihm
aus. Da muß man sich, als normalsterblicher Durchschnittsbürger, doch
wirklich die Frage nach dem WARUM GERADE JETZT stellen.
Sinn und Zweck der Handlung stehen außer Frage: Der Gestank muß raus, die Tapete also abgerissen werden, die Wand trockengelegt, und letztendlich muß die getrocknete Wand mit einer frischen, weißgetünchten Tapete beklebt werden. Das ist mir klar, aber wäre es nicht besser zu warten, bis ich auch die linke Hand wieder gebrauchen kann? Rein rechnerisch, also auf den einfachen Dreisatz bezogen, bräuchte ich, in diesem Fall, ja nur die Hälfte der Zeit für diese Arbeit. Nun, hier tut sich bereits eine erste mögliche Antwort auf die WARUM-Frage auf: Ich arbeite gerne sehr lange, möglichst umständlich und völlig verantwortungslos. Eine Behinderung als Anstoß zu dieser Arbeit? So widersinnig das auch klingen mag, es ist wahr, zweifellos. Hm, wie hab ich wohl wieder gedacht: Jetzt ist die linke Hand endlich lahmgelegt, alle Arbeiten sind die doppelte Mühe wert und machen diese auch. Was kann denn auch schöner sein, als mit schmerzverzogenem Gesicht laut fluchend auf einer Treppenleiter zu stehen, weil man sich soeben den verletzten Zeigefinger übelst gestoßen hat und die frischbekleisterte Tapetenbahn sich vermutlich auch deswegen VOLLE RÜCKSEITE auf der schönen neuen Bettdecke herumwälzt. Da kann doch nur etwas mit der Zusammensetzung des Kleisters nicht stimmen!, denke ich, und schon ist meine Ehre gerettet. Den Gedanken, die Arbeit auf Grund der Behinderung einzustellen, ignoriere ich so gut es eben geht. Ich bin ein strebsamer, durchaus fortschrittlich gesinnter Mensch. Ich werde gebraucht, gerade jetzt und hier auf dieser blöden Treppenleiter, und außerdem, eine plattgewalzte Hand macht einen wie mich noch lange nicht zum Krüppel! Da müßte, in meinem Fall, schon der Kopf rollen!, ja ja, der Kopf, - selbst dann, wäre ich unter keinen Umständen bereit, die Arbeit einzustellen! PARDAUZ!!, - da klappt der Tapeziertisch zusammen! Jetzt weiß ich auch, daß der Kleistereimer nichts, aber auch rein gar nichts darauf zu suchen hat. Schöne Bescherung. Zehn Liter Kleister für die Katz. Fünf Minuten später klingelt das Telefon. Wer kann das sein?! durchzuckt es mich, - und richtig, es ist die nette alte Dame von Unten, die, nach ihren Aussagen, soeben eine seltsame, klebrige Flüssigkeit auf ihrem Wohnzimmerperser entdeckt zu haben glaubt oder meint. Ihre vage Vermutung, das Zeugs käme von Oben, da es ja schließlich von der Decke tropfe, muß ich natürlich energisch bezweifeln, aber da sie, nach etwa zehn minütigem hin und her, den Tatsachen immer schärfer ins Auge sieht kann ich, in meiner Not, nur laut HALLO VERMITTLUNG brüllen und den Hörer auf die Gabel knallen. Zwei Minuten später klopft es an meiner Türe. Ich bin natürlich nicht zu Hause und so klopft es denn verdammt oft und immer eindringlicher. Ich weiß daß sie da sind!!, schreit jemand. Nur stundenlange Meditation im Schneidersitz auf meiner indischen Matratze kann verhindern, daß ich meine Abwesenheit verbal beteuere. So gegen Mitternacht verstummen die Geräusche hinter dem Türrahmen, und ich falle, völlig aufgelöst, in mein traumhaftes Bett, nicht ohne mir den rechten Oberarm vorher noch gründlich zu brechen. Der Morgen danach: Der gebrochene Arm ist dick angeschwollen. Auch farblich hat sich einiges getan. Diese ungewohnte Bläue hat etwas vom Himmel oder vom Mittelmeer. Hochinteressant aber leider äußerst schmerzhaft. Jetzt muß ich wohl doch den Arzt aufsuchen. Auf dem Weg zum Krankenhaus tritt mir der Gaul vor der Karre unseres Gemüsehändlers auf die Füße. Hufeisen bringen wahrscheinlich nur Glück , wenn sie an einer Wand hängen, ist mein erster Gedanke. Beim Anblick meiner geplätteten Zehen muß ich an eine Portion Apfelmuß ohne Sahne denken. Rote Beete!!, ich hätte an eine Portion Rote Beete denken sollen! Apfelmuß, das passt doch gar nicht zu meinen blutigen Zehen!! Nach einer zweistündigen Humpelodyssee mal kreuz mal quer durch die Stadt, kann mir der Doktor nun endlich den gebrochenen Arm schütteln. Meinen Aufschrei weiß er sehr wohl zu deuten: Wohl gebrochen, was?!, lautet seine vorläufige Diagnose. Sie haben aber Ahnung, gebe ich treffend zum besten. Ersten Behandlungsversuchen kann ich mich ohne weiteres entziehen, denn ich will ja nicht behandelt werden, sondern auf der Stelle gesund sein! Eine Behandlung macht nicht gesund, sie verursacht nur unnötige Kosten und bisweilen graue Haare. Viele Menschen werden über Jahrzehnte hinweg behandelt, ohne gesund zu werden. Ist das Behandlungswesen nicht vielleicht ein Werk des Teufels? Wer krank ist, kann seiner Arbeit nicht nachgehen. Das bedeutet Produktionsausfall und im schlimmsten Fall den Verlust der Konkurenzfähigkeit auf dem Arbeitsmarkt! Die Behandelnden wie die Behandelten denken nur an sich. Die Krankheit ist ihnen wichtiger als das Bruttosozialprodukt. Ja muß uns das nicht nachdenklich stimmen? Deshalb gebe ich meinem Arzt auch laut und deutlich zu erkennen, daß an Krankfeiern in meinem Fall überhaupt nicht zu denken ist, nicht mal vom Ansatz her. Es gäbe da noch viele Dinge zu erledigen, und außerdem fühlte ich mich zur zeit gesund wie selten. Der Arzt schaut mich daraufhin nachdenklich, fast zweifelnd an, für mich der Impuls, meinen Gesundheitszustand, diesen ach so blendenden, auf die Probe zu stellen, um mir und dem lieben Doktor zu beweisen, in welcher Spitzenverfassung ich mich zur Zeit befinde. Und?, was mache ich, welche Handlung begehe ich?, - ich öffne das Fenster und springe hinaus, fünfter Stock, tot. zurück | Kurzgeschichten | Schnipsel | Gedichte |