DIE TASSE



Es war eine schöne Tasse. Es war eine Tasse mit Goldrand und geschwungenem Bauch. Wo bei einer Tasse der Bauch war, wußte Sie allerdings nicht.
Schlanke Tassen hatten eh keinen Bauch, geschweige denn einen Kopf.
Kann eine bauchige Tasse den Sonntagskaffee verschönen?
Mitnichten, mitnichten!
Allenfalls der Goldrand gefiel den Damen wirklich, der für Sie, dann doch so etwas wie ihr Heiligenschein war, den sie knapp über ihren Köpfen schwebend vorzufinden dünkten.
Das mußte dann, fast notwendig, wohl doch der Kopf der Tasse sein. Womöglich war es auch nur eine Tasse mit bauchigem Schwung gewesen, deren Krateröffnung durch diesen Goldrand veredelt wurde.
Immer wieder dachte Sie an ihren Bauch, besah ihn sich Abends im Spiegel, befühlte ihn so ängstlich, wie die Maus es vor der Katz war.
So ungefähr stellte Sie sich dann auch das Bauchige an einer Tasse vor, wenn Porzellandesigner, Beispielsweise, von einem geschwungenen Bauch sprachen, oder Werbefachleute daraus eben "die Tasse mit dem bauchigen Schwung" machten.
Sachliche Ergründung ging eben vor spiritueller Erleuchtung. Schweren Schrittes kam sie daher, um aus dem Kaffesatz die Wahrheit zu sagen. Das war allen Beteiligten klar.
Will sagen, ich war auf nem Kaffeeklatsch, ob Geburtstag oder Beerdigungskaffee, das wußte ich nicht so genau. Meine Oma hat mal zu mir gesagt, daß die Brötchen auf einem Beerdigungskaffee nicht besonders gut schmeckten, weil man da unbedingt traurig sein müsse. Das rechte Weinen fiel mir daher schwer, aber die Brötchen schmeckten wie immer.
Es trat sogar ein Redner auf. Grosse Klappe, zu kleiner Anzug. Lernziel "Mündiger Bürger" verfehlt.
Merkwürdig erschienen mir die vielen Plastikschüsseln, die sich auf dem Tisch zu einer regelrechten Pyramide auftürmten. Große, kleine, rote, grüne, ovale, sechseckige, - manche frappierten mich förmlich, - mit ihren Ausgußähnlichen Schnäbeln sahen sie aus wie kleine Gießkannen, denen der Brausekopf unter niemals erklärbaren Umständen abhanden gekommen war.
Ganz unten schaute aus diesem Gesicht des urgeschichtlichen Ägyptens ein violetter Arm heraus, der sich, anstatt dem des in Frieden ruhenden Pharaos, Gott sei Dank, als der Henkel einer futuristisch gestylten Designerschüssel entpuppte.
Eins, zwei, drei, vier...zwanzig Damen saßen, fein gekleidet, um den Tisch herum und pickten vor Aufregung verkehrt in ihre Kuchen, weil ihre nervösen Augen dem Zeigestock des Redners, der auf diverse Teilbereiche der Pyramide fast zwingend hinwies, wie hypnotisiert folgten. Wir waren im Garten hinter dem Haus. Da die Sonne vom Himmel schrie, hörte ich nichts, sah dafür aber um so mehr.
Man hatte mich in einer Zinkbadewanne ganz hinten unter einem der vielen schattenspendenden Obstbäume ausgesetzt, ganz nah bei den Hundeställen in denen mein Patenonkel seine blutrünstigen Rottweiler züchtete, vor denen, Angst zu haben, ich mich unmöglich trauen konnte. Ich war ja viel zu bang.
Es machte mir nachgerade Spaß, meine Plastikente zu döppen, oder die Schaumblasen, die auf der Oberfläche des grünen Gewässers schwammen, mit dem Zeigefinger zu zerschnippen. Manchmal fiel auch eine Kirsche vom Baum, die ich mir dann spassig schnappte und verschlang.
Deren Kerne entwirrte ich geschickt unter Zuhilfenahme meiner noch unreifen Mundwerkzeuge und spuckte sie in hohem Bogen auf die Wiese.
Sie würden wachsen und gedeihen. - dessen war ich mir sicher.
Fühlen tat ich mich allerdings schlecht dabei, zumindest was meine Voraussetzung betraf. Jetzt kam es halt nur noch auf die bunten Plastikschüsseln an, die dieser Mann wie ein Zauberer gezielt aus seinem Ärmel zog.
Einzig Tante Thea aus Krefeld schien diesem Spuk zu mißtrauen. Fast ständig schaute sie zu mir herüber und winkte mir irgendwie Hilfe ersuchend zu.
Der Zauberer nahm eine Schüssel nach der anderen in die Hand, warf sie bisweilen hoch in die Luft, um sie dann gnadenlos auf dem harten Pflaster des Gehsteigs zerschellen zu lassen.
Und wie durch ein Wunder zerschellten diese Behältnisse natürlich nicht, sondern wurden, umgekehrt, um so heiler, je öfter sie man auf den Boden warf.
Das freute die Damen sehr, und sie sangen und lachten und tanzten gedanklich verwirrt aber dennoch scheinbar glücklich im Kreis. Es grenzte regelrecht an Bewegung, die nun in die Masse gekommen war. Mündig werden konnte man immer noch.
Einmal zog dieser Magier auch eine Schnabeltasse aus dem Pyramiedenverbund heraus, vereinzelte sie sozusagen, stellte sie geradezu bloß, füllte sie mit einer mir unbekannten Flüssigkeit und versuchte so zu beweisen, daß unbeschwertes Trinken eben nur so möglich war.
Das schlechte Gewissen der Damen wurde schwanger und gebar einen Abgrund, aus dem sie sich allein durch den Kauf dieses Behältnisses zu befreien vermochten.
Behältnisse hin, Behältnisse her, - der Nachmittag wurde lang. Zwei Jahre später also, als das Wasser in der Zinkbadewanne längst verdunstet war, unzählige Generationen der gemeinen Eintagsfliege mir ihren Tribut gezollt hatten, indem sie mir vielleicht sagen wollten, das Leben sei schön, die Sonne also pfeilschnell über die Wipfel der Obstbäume hinwegschoß, daß zum Luft holen die Zeit kaum reichte, erlangte ich somit ein erstes Gefühl von Ewigkeit.
Dieser erste Eindruck von Ewigkeit entrückte mich nachgerade so sehr, daß ich an ihn glaubte, wie nur Kinder das tun könnten, die ihre Plastikente selbst noch nach 40ig Jahren in einer leeren Zinkbadewanne zu ertränken versuchten, als wollten sie sagen:
Ich habs gesehen, ich habs gesehen! Warum darf ichs nicht sehen?"
Unterdessen mein Zeitgefühl so litt, die Zeit auf diese Art schrumpfte wie halt nur die vierte Dimension dies zustande bringen konnte, hielt eine schwere Limousine vor dem zerfallenen Portal des Gartens, das erst gestern gestrichen worden war.
Wildes Efeu umrankte lieblich das Gemäuer des Hauses, aus dem ich kam. Wer nicht wußte, daß sich hinter dieser grünen Pracht ein Haus verbarg, der hätte das nicht mal im Traum geahnt.
Ich saß in der Wanne und suchte meine Ente verzweifelt unter Bergen von Laub.
Ich fuhr mir mit der Hand durchs Gesicht. Ein langer Bart war mir gewachsen. Wie eine gute Pflanze schien er sich wohl unlängst mit der Flora des Gartens darauf verständigt zu haben, daß er unabkömmlich, ja fast symbiotisch dazu gehörte.
Hinten am Tisch, saßen die Skelette der Damen beinahe wie gewohnt in natürlicher Runde beisammen.
Der überaus wichtige Zeigestock des Zauberers war abgebrochen und stak inmitten der Pyramide fest. Die Plastikpyramide stand wie versprochen, unversehrt auf dem Tisch, wenngleich, und das muß man dazusagen, die Zeit dennoch einen gewissen Verschleiß, selbst am Unverwüstlichen, verursachte.
Ewig konnte man so nicht leben. Das war den Damen mittlerweile klar geworden.
Der Limousine entstiegen zwei männliche Gestalten. Der eine war eher von gewichtiger Statur, hatte krumme Beine mit denen er sich allem Anschein nach nur schwer fortbewegen konnte sowie einen umfangreichen Bauch, der teilweise aus einem weißen Hemd, das schmierig aus seiner Hose heraus hing, wie ein Pfälzer Saumagen hervorlugte. Auch trug er einen vergammelten Hut tief ins Gesicht gezogen, aus dem stolz eine Pfauenfeder herausragte. Der Hut war aus Stroh. Im Mund des Mannes steckte eine Zigarre von der Größe einer Fleischwurst, an der er unentwegt gierig saugte, wie ein halb verdurstetes Baby an seiner Mutter Brust. Mitunter quoll eine bräunliche schleimartige Flüssigkeit aus diesem Mund hervor, die sich, wie ein natürlicher Flußlauf, ihren Weg über den Anzug des Mannes bis hin zum Erdboden bahnte. Wenn mich nicht alles täuschte, dann gedieh in Höhe seines Hosengürtels bereits eine prächtige Flora, während ich darüberhinaus fast überall an den Ufern dieses Stromes Herden von Schmeißfliegen zu erkennen glaubte, die, wie Elefanten, ihre Rüssel tief in den Sud des Lebens tauchten.
Der zweite Mann überragte den ersten, körperlich gesehen, um Längen. Im Grunde sah er aus wie eine bekleidete Gewindestange. Sein Schritt klang metallisch, war zackig und stabil. Auch er trug einen Hut, der in seinem Falle allerdings womöglich nur als Kontermutter gedacht war.
Schaute man genau in die Augen des Begleiters, dann sah man, daß er Blut weinte, ein Umstand, den ich schnell auf Nierenprobleme zurückführte. Nicht umsonst hing er an einem mobilen Tropf, den er wie einen Spazierstock, an dem er sich festkrallte wie ein hundertjähriger Greis es wohl nicht besser gemacht hätte, bravourös vor sich herschob.
"Siehe da", sagte das hagere Gewindestänglein, während er mit seinem frisch geölten Zeigefinger eben deswegen fast geräuschlos auf das Tor zu unserem Garten zeigte.
"Wo?", spritzte es gleich einer ungeheueren Schneeschmelze, die seinen Fluß jäh über die Ufer treten ließ, aus dem Mund des gewichtigen Herrn.
"Ja da eben", entgegnete der Bluter, "dort!, oder wie auch immer."
"Ja was denn!, was ist denn dort, verdammt nochmal!", schrie der gewichtige Mann seinen hageren Kollegen bestimmt an. "Ich weiß es doch auch nicht! Aber, Hergott im Himmel, hilf!", erwiederte die Gewindestange. "ich muß dorthin, im Grunde ganz gleich wo, aber jetzt und auf der Stelle muß ich DORT HIN!
Und wenn ich dann da bin, bin ich doch nie dort, wo ich hin möchte, - muß weiter ich, muß weiter, eine Heimat finden!"
Du suchst die Heimat, die du nicht hattest! Du lebst sie, und weißt es nicht", brüllte der gewichtige Mann das schmächtige Stänglein an, daß es sich mit beiden Händen am Tropf abstützen mußte, da es vage ahnte, daß sein Kollege recht hatte.
Als ich sah, daß die Männer sich tatsächlich daran machten, das Gartentor zu öffnen, vergrub ich mich in meiner Wanne unter den Blättern.
Sehr lange hielt ich es so tief vergraben allerdings nicht aus. Der Sauerstoff war schnell verbraucht. Ich war gezwungen aufzutauchen, schließlich wollte ich Leben, wenn auch nur irgendwie.
Wild ruderte ich mich wieder an die Oberfläche, umklammerte vorsichtig den Rand der Zinkwanne und lugte schließlich ähnlich dem Spion eines U-Bootes darüber hinweg.
Die Männer waren schon im Garten. Die bekleidete Gewindestange schob eine schwer beladene Sackkarre vor sich her. Die Hutmutter auf ihrem Kopf blinkte in polizeilichstem Blau.
Während Sie sich ungeschickt und immerzu gequält schnaufend im Zick Zack durch das Rosenbeet forstete, humpelte ihm der gewichtige Herr auf Schritt und Tritt hinterher, schaute oft auf den Boden, als wollte er die Rosen zählen, die von den Rädern der Sackkarre ungnädig zermalmt worden waren.
Die Herren hatten einen klar definierten Auftrag. Sie waren weder lustig noch traurig, weder gut noch böse. Allein ihr Auftrag schien sie zu beschäftigen. Nur dafür lebten sie, - hörig, stumm und brutal.
Die eisige Kälte der Männer ließ den Sommer zum Winter werden. Die Skelette der Damen zersprangen mühelos zu klirrendem Staub. Asche zu Asche!
Ich fror in den Blättern fest, so fest, daß ich nicht mal mehr:"Ah", sagen konnte.
Die Männer verwüsteten nicht nur den Garten, sondern begannen alsbald, das Haus vom Efeu zu befreien. Nachdem es nun derart gehäutet war, trugen sie es Stein für Stein ab und fuhren es in Schubkarren weg.
Es kam nun so, daß meine nähere Umgebung bald nur noch aus wasserwaagengerader asphaltierter Fläche bestand. Auch schien alles im Lot. Ein Bauarbeiter bewies mir das. Ich konnte unmöglich verneinen.
Hochhäuser schossen wie Pilze aus dem Boden. Kleine Konzerne mailten oder faxten sich unter Umgehung aller Offenheit groß, gediehen nachgerade prächtig in ihrem heillosen persönlichen Unglück, von dem keiner etwas wissen wollte, und das gerade deswegen geschah.
Aber, wem erzähle ich diese Dinge eigentlich, wenn nicht mir selbst.
Ich hatte leider keinen Einfluß auf meine Entwicklung. Die Dinge geschahen eben, mir wurde befohlen, und ich konnte mich nur damit trösten, indem ich mir dachte:
"Still ruht der See.", weswegen er aber um so mehr aufschäumte.
Es grenzte sowieso an ein Wunder, daß man meine Badewanne erhalten hatte. Sie schmückte nun, samt Inhalt, als Denkmal, das Zentrum unseres Ortes, der sich übrigens nicht ganz ohne Grund KREISSTADT nannte.
Der Kreis als zentrale Konfiguration allen Lebens dreht sich doch im Grunde immer nur um denselben. Jin und Jang, das sind doch nur Herbert und Marlene, die sich zufällig auf der Strasse treffen, um möglichst gehaltvoll beisammen zu sein.
Ein jeder ist nur ein Halbkreis, der seinesgleichen sucht. Das Gegenteil müsste man mir erst beweisen.
Ich wurde älter. Weisheiten sprangen mir durch den Kopf, die kaum ein Weiser je im Traume sich zu denken gewagt hätte.
Rein Gedanklich schwebte ich in ungeahnten Höhen. So gesehen war ich frei, so frei wie der scharfe Wind, dem ich, als Denkmal strotzte, wie nur ein echtes Denkmal zu tun es im Stande war.
Wie das so ist mit Denkmalen, werden sie oft verehrt, ja vergöttert. Man schiebt ihnen insgeheim all das in die Schuhe, was man im Leben meint, versäumt zu haben. Wahre Grösse, Intelligenz und das ÜBER DEN DINGEN STEHEN. Die Klarheit des Blickes, die Wahrheit der Aussage, die Reinheit des Gefühls, die geistige Plastizität, wobei man wohlweißlich vergißt, daß ein Denkmal sich dieser Behauptungen, die ja nur Zuschiebungen sind, nicht erwehren kann.
Realität wird sehr oft eben nur erbastelt und dennoch hat sie etwas Reales, ist zumeist urpersönlich und deswegen, bezogen auf den Moment, einfach falsch.
Kann denn dieser Schmerz noch tiefer gehen?
(Für Friedrich Nietzsche)


zurück | Kurzgeschichten | Schnipsel | Gedichte