TAURUS
Ein kleiner Herr, wohl mittleren Alters, -den müßt ihr euch jetzt vorstellen,
wie er da so steht, in seinem schwarzen Anzug, das Hemdchen aus der Hose, den
Spazierstock am Unterarm eingehängt, einen Zylinder schräg auf seinem kleinen
Köpfchen, eine schrille Krawatte quillt, dazu noch völlig falsch gebunden,
jäh aus seiner verkehrt-geknöpften Jacke hervor.
Der Herr ist nicht von hier. Es ist ein Kameltreiber aus dem Taurusgebirge und zu Besuch bei einem langjährigen Brieffreund. Da ist es natürlich verständlich, daß er nicht auffallen will und sich inkognito kleidet. Anstelle der sonst üblichen Kamele, treibt er nun die fünf Rottweiler seines Freundes laut rufend durch die Stadt. Was er da ruft, das versteht hier keiner, es ist eben der Ruf des taurischen Kameltreibers. Sein Spazierstock entpuppt sich, bei näherem Hinsehen, denn auch als die Peitsche der taurischen Kameltreiber. Wenn man noch ein wenig genauer hinschaut, dann erkennt das sich schulende Auge auch, daß es sich bei der Krawatte gar nicht um eine solche handelt, sondern um das Signalhorn der taurischen Kameltreibersippe. Aber, wer soll das hier wissen, keiner weiß das, außer der Brieffreund und ich. Ich bin nämlich auch ein Freund des Brieffreundes des Kameltreibers. Ich kenne ihn schon sehr lange persönlich, wir brauchten uns eigentlich nie zu schreiben. Doch, ich glaube einmal habe ich ihm doch geschrieben, ach nein, ich habe ihm schreiben lassen. Es war mein Rechtsanwalt, der mir, freundlicherweise, diese Arbeit abnahm, -ja, unserer Freundschaft ging ein jahrzehntelanger Rechtsstreit voraus, ein Streit über den wir sogar heute noch manchmal persönlich streiten, nein, uns schreiben lassen, das brauchen wir heute nicht mehr. Meine Regressansprüche an ihn sind seit langem klar definiert. Ich habe sie auswendig gelernt und kann sie ihm deswegen mittlerweile auch verbal mitteilen. Für unsere Freundschaft beibt so leider nur wenig Zeit, obwohl, wenn man mal nachdenkt, dieser Streit, das einzige ist, das uns verbindet. Ohne diesen Streit gäbe es überhaupt keine Veranlassung, mit diesem Menschen in Kontakt zu treten. Ich denke nicht mal im Traum daran, unseren Streit beizulegen, er ist alles was ich habe. Ohne ihn wäre mein Leben sinnlos. Mit wem sollte ich mich denn auch sonst streiten. Ich kenne, außer meinem Streitpartner, keinen anderen Menschen. Worum geht es sich bei dem Streit geht, ist schnell erklärt, -ich weiß es nämlich nicht. Zwar sind mir, wie bereits erwähnt, meine Regressansprüche an ihn geläufig, aber, wenn ich ehrlich bin, so verstehe ich sie nicht mehr, zu lange haben wir uns in den Haaren. Ich weiß nicht mal mehr, ob ich sie überhaupt jemals verstanden habe. Damals war ich ja auch noch im Rechtsschutz, und der Rechtsanwalt sagte immer: "Lassen Sie mal, bleiben Sie ruhig, ich regel das schon". Es war vielleicht ein Fehler, ihn das alleine regeln zu lassen, aber andererseits, wofür ist man denn im Rechtsschutz? Für meinen Anwalt war der Fall nichts anderes als eine Bagatelle. Er hätte mir wenigstens erklären können, worum es eigentlich ging. Ich habe den Streit ja schließlich nicht angefangen. Ich bin viel zu gutmütig. Ich könnte nie einen Streit anfangen, nie und nimmer würde ich das tun. Ich liefe viel lieber Handauflegend durch den Park oder predigte den Schwindel vom ewigen Leben. Ich kann es aber leider nicht, weil ich "streitgeprägt" bin. Alle modernen Menschen sind, mehr oder weniger, vom Streit geprägt. Das Leben fängt ja schon mit dem Streit um die Brust an. Drillinge sind in dieser Hinsicht besonders gefährdet. Während sich bei jungen Männern der Streit um die Brust allmählich auf den offenen Kampf um die Brüste verlagert, streiten sich die Damen am liebsten um gutbetuchte Geschlechtspartner. Schließlich ist man schon achtzehn Jahre alt, und da wird es Zeit, sich in einem begüterten Nest endlich zur Ruhe zu setzen. Den Streit bis zur Rente nennt man dann Alltag. Wenn der Ehemann dann endlich gestorben ist, muß sich die Frau zuguterletzt um einen Platz im Altersheim streiten. Ist auch die Frau schließlich gestorben, dann streiten sich die Enkel um das Erbgut. Ja, so ist das mit dem modernen Menschen. Uns fällt unsere Streitsucht gar nicht mehr auf. Sie ist zum festen Bestandteil des europäischen Weltbürgertums geworden. Sie ist eben modern. Unmoderne Menschen, die gibt es nur noch in außereuropäischen Ländern. Unser Kameltreiber aus dem Taurusgebirge zum Beispiel. Ihn könnte man als typisch unmodern bezeichnen. Das läßt sich an Beispielen seiner Lebensführung ganz eindeutig nachweisen. Belege für seine Unmodernität lassen sich schon morgens früh um zwölf, wenn er sich noch einmal im Bett herumdreht, finden. So gegen dreizehn Uhr, ganz Europa streitet sich bereis seit sechs Uhr in der Früh, wirft er lachend die Decke beiseite, räkelt sich, um dann, ganz allmählich, eine mehr oder weniger vertikale Haltung einzunehmen. Wir Europäer nennen diesen Vorgang aufstehen. Bei uns dauert er ungleich kürzer und beginnt oft mit Flüchen, die wir selber nicht verstehen. Unser Kameltreiber sitzt oft noch ungefähr zwanzig Minuten auf der Bettkante, dabei den Tag mit Gesängen seiner Heimat begrüßend, ein Tag, der bald schon wieder vorüber ist. Wie immer pünktlich, um fünfzehn Uhr, findet er sich schließlich am Frühstückstisch ein, denn das trifft sich gut, weil Opa Stiegers, der auch noch im Haus wohnt, um diese Zeit immer sein Tässchen Kaffee trinkt. Opa Stiegers ist ein netter wie hilfsbereiter Mensch. Natürlich brüht er für unseren Kameltreiber zwei Tässchen mehr auf. Auch die Brote schmiert er ihm gerne und gut. Frühstückseier, die mag unser Kameltreiber aber nicht. Im Taurusgebirge gibt es nämlich keine Hühner. Diese Unwirkliche zerklüftete Gegend wird ausschließlich von Kamelen und deren Treibern bewohnt. Da Kamele bekanntlich keine Eier legen, sondern ihre Jungen, die in den Höckern dieser Tiere lebend heranreifen, zumeist auch lebend gebären, macht ihm der Anblick von Eiern verständlicherweise Angst. So gegen achtzehn Uhr dann, wenn das Sandmännchen die Buben und Mädels in schroffem Ton ans zu Bett gehen erinnert, pfeift der Kameltreiber seinen Kamelersatz, die Rottweiler seines Brieffreundes, herbei, und treibt sie, laut rufend kreuz und quer durch die Stadt. Jetzt ist er ganz in seinem Element. Fünf riesige Rottweiler an der Leine sind nun sechs Stunden lang dazu verdammt, vor den entsätzlichen Gesängen des Kameltreibers zu fliehen, der, der Bequemlichkeit halber, auf Inline-Skatern mühelos und frei wie der Wind hinter den Tieren herrast. Leider kann er die Skater in seiner Heimat, wegen der zerklüfteten Landschaft, nicht verwenden. So gegen vierundzwanzig Uhr wird er dann, zumeist unter polizeilicher Aufsicht nach Hause gebracht. Die Rottweiler gehen nämlich oft durch wie scheuende Pferde das tun, und laufen in rasendem Tempo, kein noch so schwieriges Hindernis scheuend, völlig orientierungslos, wie von ihrem Treiber gestochen, immer nur in ein und die selbe Richtung. Da kommt es, diese Umstände beachtend, natürlich oft vor, daß er sich, nach sechstündiger Hatz, irgendwo in Bayern oder vielleicht auch in Schleswig-Holstein wiederfindet. Dort kennt sich unser Gast aus dem fernen Taurusgebirge nicht aus. So wendet er sich denn hilfeersuchend ans nächstgelegene Polizeirevier. Die Beamten kommen seinem Wunsch, nach Hause gebracht zu werden, in der Regel gerne nach, steht vor ihnen doch ein armer verwirrter und vollkommen erschöpfter Fremder, der nicht mehr weiß, wo vorne und hinten ist. Die taurischen Kameltreiber sind eigentlich Nomaden. Da er hier aber nur zu Besuch ist, so ist wohl auch nichts dagegen einzuwenden, wenn er des Nachts, zur Bettruhe, zur Wohnung seines Gastgebers zurückgebracht werden möchte. Es braucht eben seine Zeit, sesshaft zu werden. Von heute auf morgen wird man ja schließlich nicht modern. Ein Anfang ist bereits gemacht, immerhin. zurück | Kurzgeschichten | Schnipsel | Gedichte |