ZU TISCH BITTEProlog Nun, ich als Welt habe natürlich eine gewisse Verantwortung der Welt gegenüber . Kann es der Welt dienlich sein, nicht zu wissen wie sie aussieht? Dies ist eine kleine Sequenz für Messer, Gabel, Geflügelschere und Licht, die sich an einem Karfreitag auf einer festlich dekorierten prä-österlichen Erlösungstafel zutrug. Da man gute Schauspieler heutzutage kaum noch bezahlen kann, und sie zudem oft rar sind wie unentdeckte Jupitermonde, verlieren selbst die Dichter manchmal die Lust am Dichten von Bühnenstücken. So ist die Tafel, auf die wir nun aus sicherer Distanz hinabblicken, auch menschenleer. Die Hauptdarsteller: Das Messer Die Gabel Die Geflügelschere aus Solingen Das Teelicht In Nebenrollen: Die bis zur Unkenntlichkeit gefaltete Serviette Das vor Sekt prickelnde Glas Die Teigrolle Als Statisten: Die Tischdecke, samt Tisch 12 Stühle, geschickt postiert Ein Eierschneider V O R H A N G x A U FDie Gabel: Hallo?, ist hier jemand? Das Messer: Ihre Sprache sprechen viele, Weltweit. Die Serviette: Man faltete mich zum Huhn. Die Schere: Seien Sie froh, daß sie eine Serviette sind. Das Teelicht: Gar düster wäre es ohne mich. Die Tischdecke: Von "Ambiente" wird hier wohl gar nicht gesprochen. Der Eierschneider: Falls es erwünscht sein sollte, dann spiele ich mit Leichtigkeit eine hübsche Melodei auf meinen Saiten. Das prickelnde Glas: Prost die Herrschaften! Die Stühle: Was ist hier eigentlich los? Der Eierschneider: Höret und staunet! Der Eierschneider spielt die erschröckliche Melodei vom "EI IN STREIFEN": Höret nun hin ihr lieben Leut ein Gänseei ich heut zerschneid Soeben hart gekocht im Topf wirds wandern in den Weizenzopf Der Eierschneider, niemals faul er öffnet gern sein Schneidemaul. Selbst wenn Eier gerne reifen sing ich das Lied vom "EI IN STREIFEN" Die Serviette: (schluchtzt) Ich vergoß eine Träne, oder zwei. Hat jemand zufällig ein Tempo in der Tasche? Die Tischdecke: Sie können doch wohl in sich selbst schneuzen! Die Serviette: Aber ich bin doch ein Huhn! Die Tischdecke: Wie oft habe ich Ihnen schon gesagt, daß Sie sich viel zu sehr in Ihre Rolle hineinsteigern. Bei Ihnen ist Hopfen und Schmalz verloren, und das sage ich Ihnen jetzt, ohne rot zu werden. Die Geflügelschere: (zum Eierschneider) Seit wann verarbeiten Sie Eier zu Streifen? Der Eierschneider: (etwas verwirrt) Äh, seit ich denken kann, warum? Die Geflügelschere: Dann denken Sie, seit Sie denken können grundfalsch. Sie zerschneiden Ihre lieben Eier nämlich zu feinen Scheiben. Streifen sind wie Striche auf Papier, hingegen eine Scheibe, wie Ihr Produkt, im Idealfall grundsätzlich von kreisförmiger Statur ist. Das Messer: Was soll dann das Lied vom "EI IN STREIFEN" ? Die Gabel: (bekräftigend) Allein von der Musik her fühlt man sich abgeschreckt. Die Serviette: Der Komponist beschreibt meiner Meinung nach die unsägliche Qual eines Eies, die in der Zerstückelung durch den Schneider gipfelt. Ein Ei wird in der Regel ja auch abgeschreckt, bevor es unters Messer kommt. Die Gabel: (nachdenklich) Hm, wenn es natürlich das wäre, was der Herr Komponist damit zum Ausdruck bringen wollte, dann hätte er mit dieser abschreckenden Wirkung auf den Zuhörer sein Ziel erreicht. Die Stühle: (Im Chor) Dieser Meinung kann ich mich nur anschließen. Geflügelschere: Auch mich erstaunt es, hiermit unwiederruflich wie öffentlich bekannt geben zu müssen, daß ich einer derart scharfen Beobachtungsgabe der Serviette nur Ruhm zollen kann. Das hätte ich nie von ihr erwartet. Das Messer: Die "Streifen" in dem Lied sind aber nach wie vor nicht schlüssig. Die Stühle: (Im Chor) In dem Lied kommen doch gar keine Streifen vor, allenfalls wird im Text von ihnen geredet. Der Eierschneider: Sprach ich je meinen Text? Sang ich ihn nicht vielleicht? Die Serviette: Gesungener Text "ist Musik" und Musik gehört nunmal zum Lied. So müssen in dem "Lied" zwangsläufig Streifen vorkommen, da im Text des Liedes, daß auch zur Musik gehört, von Streifen nicht gesprochen, sondern gesungen wird. Die Geflügelschere: (hocherstaunt) In Ihnen hausen wahrlich zwei Seelen. Die Serviette: Aber das sehen Sie doch, - ich, die Serviette und ich, das Huhn. Von Hineinsteigern kann also keine Rede sein. Die Teigrolle: Ich habe hier wohl gar nichts zu sagen. Das prickelnde Glas: Wen wundert es, Sie als Teig spielen hier schließlich nur eine Nebenrolle. Hicks...! Die Teigrolle: Ich bin mir als Teigrolle meiner Nebenrolle durchaus bewußt. Die Geflügelschere: Ja dann halten Sie doch endlich ihren vorlauten Mund. Das Teelicht: (wagt sich schüchtern einzumischen) Hat einer der Herrschaften vielleicht einmal Feuer für mich? Mein Wachs ist so hart, ich kann mich kaum mehr bewegen. Die Gabel: (forsch) Am Tisch wird nicht geraucht! Das Messer: Manieren sind das. Der Eierschneider: Seit wann rauchet man Wachs? Mir würde erschröcklich übel, rauchte ich Wachs. Die Teigrolle: Erhitzt könnte man Wachs höchstens trinken. Mich zum Beispiel ertränkte man in Wachs. Die Geflügelschere: Man hat Sie nicht in Wachs ertränkt, sondern mit Zuckerguß übergossen, damit Sie Geschmack bekommen. Die Serviette: Das kann ich nur bestätigen. Jüngst las ich in einer Anthologie psychologischer Natur eine Dissertation über die allgemeine Geschmacklosigkeit der gewöhnlichen Teigrolle, - eine erschütternde Abhandlung, eine Hymne auf den Zuckerguß, dessen geschmackbildende Heilkraft hier minutiös beschrieben ist. Der Tisch unter der Decke: Ich bin die Welt um die sich alles Leben dreht. Einst strahlte ich gar hübsch lackiert im Lichte einer rotierenden Sonne. Doch kam der Tag, an dem man auf mir Wurst zu schneiden begann. Und Kinder ritzten ihre Initialen in meine glänzende Oberfläche. Auch wurde ich des Öfteren von heißen Getränken verbrüht. Zu guterletzt mißbrauchte man mich schließlich gar als Aschenbecher oder brach Ecken aus meinem zirklischen Außenkreis. Es gipfelte darin, daß man mir vor einigen Monaten eine Decke überwarf, um den Schaden den man an mir angerichtet hatte vor sich selbst zu verbergen. Nun war ich wieder schön. Die Tischdecke: Ach Unsinn, was reden Sie denn da! Als Decke ist es sogar meine Aufgabe, den Tisch zu verdecken. Was wäre ein Tisch wie Sie ohne eine Decke, ha! Sie sagten ja selbst, daß Sie nun wieder schön seien. Warum quälen Sie sich so? Der Tisch unter der Decke: Nun, ich , als Welt, habe natürlich eine gewisse Verantwortung der Welt gegenüber. Kann es der Welt dienlich sein, nicht zu wissen wie sie aussieht? Ein Schweigen trat auf, daß erst eine weitere Melodei des Eierschneiders brechen konnte: Die Welt ist eine runde Scheibe nicht größer als ein kleiner Tisch Verhüllt von einer bunten Decke drum sieht man sie auch nimmer nicht V O R H A N Gzurück | Kurzgeschichten | Schnipsel | Gedichte |