DAS THÜRINGER WEIHNACHTSKARUSSEL
Ein von Kerzen angetriebenes vierstöckiges Thüringer
Weihnachtskarussell, auf dem sich auf allen Etagen reges Leben abspielte, geriet
von einer Sekunde auf die andere außer Kontrolle. Den vielen
Heiligenfiguren flogen die Köpfe reihenweise vom Hals, auch Schafe,
Tannenbäumchen und kleine Thüringer Bauernhöfe wurden durch die Luft
gewirbelt und verstreuten sich in unschöner Weise auf dem Teppichboden des
weihnachtlich geschmückten Zimmers.
Die unterste Etage hatte auf Grund
der gewaltigen Fliehkraft die höchste Verlustrate aufzuweisen. Dort
unten hatte man keine Chance heil davonzukommen.
Während sich einige Figuren der zweiten Etage noch mühsam an verstreut
herumliegenden Leimresten festkrallen konnten und auf der obersten
Etage noch fleißig Tango getanzt wurde, kam für die Bewohner des
Erdgeschosses jede Hilfe zu spät. Ein Schaf wurde in der Mitte
auseinandergerissen, einer melkenden Bäuerin aus dem achtzehnten Jahrhundert flog
der hölzerne Euter ihrer Kuh ins Gesicht, worauf sie das Gleichgewicht
verlor, von der Plattform in den Raum geschleudert wurde, und
schließlich und endlich im Maul einer scheinschwangeren Hündin landete, die
es sanft wie ihr Baby in ihr Körbchen trug.
Einem trompetenden Engel
mit roten Haaren und Stirnband in Türkis wiederfuhr ein ähnliches
Schicksal, nur daß er in den Krallen einer Katze landete, die ihn mit
einer Maus verwechselte und versehentlich verschluckte.
Die Bewohner der dritten Etage, einige Hirten mit großen
Spazierstöcken durch die langen Mäntel gesteckt, überlebten nur, weil man
sie am innersten Rand ihres kleinen Lebensraumes postiert hatte, da,
wo die Fliehkraft nicht so groß war. Sie verloren nur ein paar
Hirtenhunde, die unsachgemäß verleimt waren, sowie einige Schafswelpen, die
sich aus Unerfahrenheit zu weit über den Rand hinaus gewagt hatten.
All das beobachtete der kleine Sascha mit
stetig wachsender Begeisterung und steckte die zwölfte Kerze an, um
die Geschwindigkeit des Thüringer Weihnachtskarussells noch zu
erhöhen.
Heißa!, jetzt flogen auch die Hirten weg, - zuerst deren Hüte, dann
zog es ihnen die Mäntel aus und »schwupps« wurden sie vom Zimmer
aufgesogen und landeten unsanft, vielleicht an einem Stuhlbein
oder in einer offenen Schublade. Manchmal kam die scheinschwangere
Hündin vorbei und nahm sich einen neuen Welpen mit. Nur einen
besonders dicken Hirten schloß sie als möglichen Nachwuchs aus und verwies ihn
vor die Schwelle ihres Hauses. Die Katze floh in Panik vor
herumfliegenden Figuren, weil sie sich an dem Engel gründlich den Magen
verdorben hatte. Auch zwei echte Thüringer Nußknacker bekamen die Folgen
des irren Treibens unsanft zu spüren. Der kleinere von ihnen wurde von
einer Wallfahrtskirche mitsamt einigen Wallfahrern am Unterkiefer
getroffen, der abbrach und in mehreren Teilen zu Boden fiel. Die Glocken
im Kirchturm leuteten ein kurzes Weihnachtsoratorium, dann wurde es
wieder still in dem Zimmer. Es roch nach Äpfeln und Nüssen und nach
verkohltem Holz. Das waren die Flügel der Weihnachtspyramide, die
jetzt in hellen Flammen standen. Nach und nach warf die Pyramide die
brennenden Flügel ab, die sich wild im Zimmer verteilten und unschöne
Brandflecken auf den Teppich zauberten. Gott sei Dank war ja der
kleine Sascha anwesend. Er sang Weihnachtslieder und tanzte einen Tanz, den
man in Thüringen noch nicht kannte.
Als die Mutter und der Vater von der Christmette in Richtung Heimat
spazierten, konnten sie ihr Haus schon von Weitem erkennen. Die
Flammen schlugen meterhoch aus dem Dachstuhl und sorgten so für eine
ungemein festliche Weihnachtsstimmung, die man nicht so schnell vergißt.
Frohes Fest!
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