Ein tiefer Blick zurück.

Augen

Der links, das ist der lustige Ludendorf. Der wird uns aus der Scheisse reißen.
Man kann sein Lächeln fast erahnen.
Sechs sonnige Orden zieren seine Brust.
Rechts der, das ist der muntere Hitler. Schön getroffen.
Zugeknöpft bis obenhin.
Die linke Hand geballt zur Faust.
Der zerknitterte Hut denkt:
Er hat wohl viel Goethe gelesen.
Hat die Pubertät verschlafen.
Er ist so müde.
Aber das Volk wird wach!
Die Worte des Führers schlagen Wogen.
Heil - Land!
Ich bin zu spät!
Schade.
Denn sonst hätte ich ihn umgebracht.
Dass die Herren durchaus auch in der Lage waren, ihre Mundwinkel nach oben zu ziehen, beweist nun dieses Foto in anschaulicher Weise.

Augen

Ich, als alles verzeihender Kosmopolit, komme halt nicht umhin, mich für jedwede Erklärung dieses geschichtlichen Phänomens schuldig zu fühlen, und das, obwohl ich erst gegen Ende der fünfziger Jahre das Licht dieser Welt erblickte.
Wie kann das?
Dieses Grauen war so entsätzlich, dass selbst meine Eltern den Stecker aus der Dose zogen, wenn Bilder vom Holocaust gezeigt wurden.
Ich frage mich bis heute, welches Leid sie bedrückte. Es war gar nicht der Holocaust, sondern ihr eigenes Leid, ihr ureigener Holocaust.
Meine Mutter hat sich noch im Alter von 24 Jahren im guten Glauben an das Böse in sie, von ihren Eltern verprügeln lassen.
Als sie nicht mal 20 war, lernte sie meinen Vater kennen, von dem sie sich bis zu seinem Tode fast fraglos unterdrücken ließ.
Sie litt zeitlebens unter der Gewalt. Sie kannte nichts anderes. Für Sie war das ganz normal, wenn Vater verbal wie körperlich auf uns eindreschte.
Sie war unfähig, einzugreifen. Einen wirklichen Halt gab es hier nicht.
Fragen zerschellten an Mauern oder kamen gar nicht erst auf.
Erst jetzt, nach über vierzig Jahren, wagt sich das, was ich gesehen habe, langsam vor.
Gab es nur Grauen?
Nein, es gab nicht nur Grauen, aber, ich kann die Tage zählen, an denen es mich nicht beschäftigt.
In diesen seltenen Stunden bin ich froh, dann lache auch ich und ich lache, weil ich lache und würde auch wirklich weinen können, wenn mir danach wäre.
Aber wenn ich wirklich weinen würde, dann hätte ich immer diese Angst in mir, dass mir Mißverständige um den Hals fielen und fragten, was ich denn hätte, mich trösten wollten, oder mich wieder zum Lügen zwingen, weil ich genau wüßte, dass nur die Wenigsten mir nachvollziehen können, was ich empfinde.
Es ist ein KURIOSUM mit mir. Es ist kein Schweben der Seele. Es ist das Ende der Seele.
Gott sei Dank, schlafen sie nur, wie ihr seht.

Augen

Sie küssen mich.
Die Mutter liest mir noch ein Märchen vor. Dann knipsen sie das Licht aus.
Das Gute hat gesiegt, aber der Schein trügt.

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