KARTOFFELSUPPENZEIT
Die Mutter stand vor dem Herd. In der Brennkammer loderte ein behagliches Feuer. Es war Winter und kalt. Das tausendjährige Reich war gerade zuende gegangen. Obwohl sie den Anfang des Reiches noch miterlebt hatte, war sie erst knapp über Zwanzig. Von einem Tag auf den Anderen verbrannte man die Fahnen, die man gestern noch hochgehalten hatte. Warum tun sie das?, fragte sie sich. Sie fühlte sich doch sehr erschlagen nach dieser schweren Zeit, weil sie nicht verstand, was hier vor sich ging. Es gab nur Kartoffeln zu essen. Immerhin besser als gar nichts. Ihre zittrigen Hände stützten sich schwerfällig am Rührlöffel ab, der wie eine Krücke senkrecht in einem bräunlichen Sud steckengeblieben zu sein schien. Die Mutter war auf Grund dessen, was sie erlebt hatte, nicht gerade motiviert. Sie dachte oft an die Flucht aus Polen zurück in die Heimat. Sie mußte mit ansehen, wie verzweifelte, bis auf die Knochen abgemagerte Menschen tot zusammenbrachen. Sie schaute entsetzten Blickes auf halb verweste Pferde am Straßenrand und sah, wie die Männer gierig Batzen von Fleisch aus ihnen herausschnitten. Einmal lief ihnen ein verirrtes Huhn über den Weg, schon halb zerrupft. Die Mutter mußte mit ansehen wie einer der Männer erschossen wurde, nur weil es ihm gelang, das Huhn zu fangen, um es für sich alleine zu haben. Das Huhn wollte schließlich jeder haben. Alle sollten satt werden. Nach der Verscharrung des Täters wurde das Huhn gerupft, gegrillt und zu gleichen Anteilen verteilt. Der Treckführer bekam einen ganzen Schenkel, für die anderen dreihundert Flüchtlinge blieb fast nur der Geruch. Man zerrte die Mutter in den Planwagen, verband ihr die Augen und trichterte ihr unter Androhung der widerwärtigsten Strafen ein, nichts gesehen zu haben. Die Liebe gabs erst am anderen Ende der Welt. Mit all ihren Fragen war sie schrecklich allein. Sie wuchs auf in der Hölle, die niemand sah und bis zum heutigen Tage nicht sehen möchte. Man wollte ihr das Böse austreiben, doch trieb man ihr es dadurch erst ein. Bald wurde sie von einer schrecklichen Grübelei überrannt, aus der es kein Entrinnen gab, außer sie ignorierte das, was sie am eigenen Leibe erfahren hatte. Sie mußte schweigen. Aber gerade weil der Körper niemals aufhört, zu schweigen, da nur er die Wahrheit kennt, sprach Tag für Tag eine Stimme zu ihr, weswegen sie sich später auf das Aufbrühen von Buchstabensuppe geradezu spezialisierte. Sie fühlte sich wie abgeschnitten von einer Welt, die sie unmöglich begreifen konnte. Das Schlimme daran war, daß sie es allein mit dem Kopf zu versuchen verstand. Die Mutter wurde zur Vokabelmutter. Sie gab die Hoffnung nicht auf, zu verstehen, was hier vor sich ging, weil kein Mensch ohne Hoffnung leben kann. Und doch, alles war und blieb Hoffnungslos. Die Mutter verlernte das Lachen, die Mutter verlernte das Weinen, die Mutter verlernte ihren Zorn, die Mutter verlernte zu fühlen. Die Angst vor der Wahrheit war einfach zu groß. Sie befand sich somit recht bald jenseits von Gut und Böse. Sie war einfach nur brav und gehorchte aufs Wort. Jetzt war der Krieg, der gerade erst aus war, auf einmal in ihr. Der Kopf kämpfte gegen den Körper. Er mauerte ihn ein. Es war dies eine Mauer aus Schuldgefühlen, die ihre eigentlich berechtigte Wut in einen unstillbaren Hass verwandelte, ein Gefühl, durch das sie am Ende völlig verunsichert wurde. Sie wußte gar nicht mehr wie oft sie sich den Tod ihrer Eltern sehnlichst herbeigewünscht hatte und immer noch herbeiwünschte, damit diese alles lähmende Bedrohung endlich ein Ende hätte, damit sie frei wäre und endlich erlöst vor die Türe würde gehen können. Wie haßte sie sich im selben Atemzug doch für diese Gedanken. Warum war es nicht möglich, sein eigenes Leben zu führen, ohne sie ins Grab zu wünschen? Warum schlagen sie mich?, fragte sie sich. Aus welchen fadenscheinigen Gründen stechen ihre abwesenden Blicke mir Löcher in den Bauch? Man wollte mich doch haben. Warum darf ich nicht sein? Ihr Bruder hieß Günter. Günter kam auch nicht frei. Er entwickelte schnell die Symptome einer unheilbaren Krankheit. Bald schon hatte er einen Tumor im Kopf, der gar keiner war. Bestrahlung half in diesem Falle schnell. Die Ärzte waren zufrieden. Onkel Günter wurde schon bald als geheilter Frührentner entlassen. Er nickte zwar merkwürdig den Kopf auf und nieder, verdrehte die Augen, daß manchmal nur das Weiße darin zu erkennen war und lallte oft unverständliches Zeugs. Er benahm sich wie ein Kind, das sich seinen Eltern verzweifelt verständlich machen möchte. Onkel Otto, brachte es gar zum hohen Tier bei Philips, nachdem er sich im zarten Alter von 19 Jahren an seiner Schwester vergangen hatte. Kurt, ein anderer Bruder, versuchte sich im Suff mehrfach aus dem Kellerfenster zu stürzen, aber das funktionierte fast nie. Irgendetwas stimmte hier nicht. Die wahren Gefühle flachten ab und gerieten so in eine GEHEIMECKE der Gehirne aller Betroffenen, die das weitere Leben fortan auf grausamste Weise bestimmte. Darüber anfangen zu reden verboten die sieben Siegel des großen Imperators, der in den Köpfen schlummerte, als stünde man vor einem Tor, wohinter die Freiheit sich auftat, das sich jedoch niemals öffnen würde, jedenfalls nicht vor dem Blick in den Abgrund. Der Mutter Blick wurde schneidend und kalt. Sie bekam es dann auch am Kopf. Kein Wunder, daß sie plötzlich umfiel und sich zuckend am Boden wälzte. Fachärzte diagnostizierten eine Epilepsie, dabei schrie das Kind in der Mutter im Grunde nur um Hilfe. Das war die letzte Möglichkeit, sich der Welt noch zu zeigen, selbst wenn dies niemand mehr verstand. Die Ärzte pumpten ihr unter Anderem auch das Gehirn auf, um sich tieferen Einblick in die endogenen Probleme der Mutter zu verschaffen. Die sogenannte Wissenschaft hinkt der Realität halt manchmal hinterher. Hinzu gesellte sich das große Pinkelproblem der Mutter, denn immer wenn sie pinkeln mußte, verboten ihr das ihre Muskeln. Früher, als sie noch Kind war verboten es ihr die Eltern ihre ersten Perioden zu erleben, indem sie sie unter Zuhilfenahme von Spitzhacken wie schlachtreifes Vieh um den Küchentisch trieben. Zwei Minuten später umarmten sie das arme Tier und beteuerten ihre Liebe zu ihm, als sei die Mutter tatsächlich ein Mensch, ihre Tochter sozusagen. Sie wußten nicht, was sie taten und taten doch, was sie mußten. Aber weil die Mutter weder lachen, noch weinen konnte, nahm sie das eher gelassen hin, sogar bis zum heutigen Tag. Und jetzt trieb sie sich nicht den Teufel, sondern ihr Leben aus. Macht und Ohnmacht, als Ursache wurde völlig ausgeschlossen. Man hatte ihr, wie gesagt, den Teufel eingetrieben, den es nun wieder auszutreiben galt, auf Teufel komm raus. Und sie fand ihn in der Tat, diesen Teufel, in Gestalt eines im Grunde völlig verunsicherten jungen Mannes, dessen Jähzorn, den sie so brauchte, und gleichzeitig hasste, das Leben seiner eigenen Familie unter dem Vorwand der Fürsorge, die so nur geheuchelt sein konnte, quasi auslöschte. zurück | Kurzgeschichten | Schnipsel | Gedichte |