TOHUWABOHUAlso Eines muß ich ja sagen, ich sage sonst nicht viel, bin ruhig, fast schüchtern, ja bescheiden, vor lauter Bescheidenheit fällt mir die Schüchternheit schwer, ja ja, aber das Eine muß gesagt werden, so wahr ich hier stehe, trotz all dieser schüchternen Bescheidenheit in mir: Während einer meiner letzten Spaziergänge durch den immergrünen Fichtenwald, unten am Fuße des Hügels sehr schattig gelegen, traf ich auf Überreste der alten Tohuwaboischen Hochkultur. In einem kleinen, nicht sehr tiefen Graben, (ich hätte wohl besser Gräbchen sagen sollen), entdeckte ich, von Laub bedeckt, ein versteinertes Damenrad, auf dem eine Person saß, die auch versteinert war, eine Frau mittleren Alters, bekleidet mit Baströckchen, Zipfelmütze und "adidas"- Turnschuhen, - sieh an, die gab es damals also auch schon. Sie war aber nicht von hier, das erkannte ein Blinder sofort, selbst ich hatte kaum Mühe, ihr aufgrund ihres lehmfarbenen Gesichtes, in dem sich auch einige Miesmuscheln und Spulwürmer abgedrückt hatten einen südländischen Touch anzudichten. Das Rad war aber bei Kellermann in Oedt gekauft worden, das stand groß auf der Gabel. Die Kellermanns waren immer schon Fahrradhändler, immer,- wer Kellermann heißt und nicht in einem Fahrradladen geboren ist, der ist kein echter Kellermann. So etwas gibt es aber Gott sei Dank nicht. Das war ja ein erkenntnisreicher Nachmittag! Die Erinnerung daran wollte ich mir unbedingt bewahren, nicht nur im Herzen, nein auch in der Stube. Weder Kosten noch Mühe scheuend, grub ich die Versteinerung aus, ließ sie auf einen vergoldeten Sockel montieren, und stellte sie im Wohnzimmer der gesamten familiären Öffentlichkeit vor. Sie fand einen wunderschönen Platz direkt neben der Balkontüre. Flankiert von zwei verstaubten Gummibäumen begann sie erst richtig zu wirken. Im Silberlicht der untergehenden Sonne warf sie mächtige, sich langsam fortbewegende Schatten durchs ganze Zimmer, sie bot einen herrlichen Anblick, den man nicht so schnell vergißt. Da ich diesen Anblick aber jeden Tag aufs neue genoß, wurde er mir schnell langweilig. Allmählich verlor ich das Interesse an der Kreatur, sie verstaubte und wurde spröde um die Wangen. Eines Tages fiel das Lenkrad ab, eines anderen brach die Zipfelmütze entzwei, dann verlor sie von heute auf morgen den Kopf. Jetzt war ich sie entgültig leid. Sie machte nur Dreck, der schlecht aus dem Teppich ging. Das war mir zuwider. Ich packte das Teil beim Wickel und warf es vom Balkon. Nach zehn Sekunden hörte ich aus weiter Ferne ein leises Klirren, ich wohnte auf der zwölften Etage. Vierzehn Tage später rief ein Herr Kellermann bei mir an. Ihm sei zu Ohren gekommen, daß bei mir im Wohnzimmer ein versteinertes Fahrrad aus dem Laden seiner Vorfahren stünde. Er wäre sehr interessiert an diesem Relikt. Ob fünfhunderttausend Mark angemessen wären. Mir stockte der Atem, ich wurde blutrot im Gesicht, ein erhöhter Augeninnendruck stellte sich ein, daß ich dachte - gleich fallen sie heraus. Aber dennoch gelang es mir, die Fassung zu bewahren. Ich trieb den Preis in schwindellerregende Höhen, um Kellermann zur dankenden Absage zu bewegen, was gründlich milang. Je höher ich den Preis ansetzte, desto gieriger wurde er auf das Rad. Als ich schließlich sieben Millionen verlangte, wollte er aus freien Stücken zwei Millionen mehr geben. Er wollte das Rad unbedingt haben, um jeden Preis. Nach zweistündiger Bieter- und Überbieterei versagte mein Taschenrechner, da er maximal sechzehnstellige Zahlen verarbeiten konnte. "Wenn ich bloß das Rad noch hätte", schoß es mir oft durch den Kopf, ich hätte es ihm am liebsten geschenkt, wenn er nur endlich mit dieser elenden Bieterei aufhörte. Kellermann blieb hart. Es wurde Abend. es wurde dunkel, es wurde Nacht, es kam die Zeit des Mondscheintarifs. Kellermann sparte jetzt richtig Geld. Als schließlich der Morgen ergraute, war ich drauf und dran, ihm die Wahrheit zu sagen. Ich tat es aber dennoch nicht. Er hätte mir sowieso nicht geglaubt, wenn ich ihm erzählt hätte, daß wir seit siebenundzwanzig Stunden um eine Sache feilschten, die nicht mehr existierte. Um die Mittagszeit meldete er sich höflich für eine Stunde zum Essen ab. Ich hatte Bedenkzeit, Gott sei Dank. Ein Rad mußte her, ein Duplikat, das war mir, trotz all dieser Unklarheit, klar. Nicht, daß ich schnell und problemlos zu viel Geld kommen wollte, nein nein, mit Geld konnte ich eh nicht umgehen, außerdem war ich gerne arm und bescheiden. Das Geld wollte ich dem Staat spenden, der war auch arm und bescheiden, aber nicht gerne. Ich bewaffnete mich mit einem schweren Bolzenschneider und marschierte zum Bahnhofsvorplatz. Dort stahl ich ein original Kellermann - Rad. Das brauchte ich jetzt nur noch eben zu versteinern, darauf warten konnte ich nicht, ich hatte nur noch eine halbe Stunde Zeit. In dieser halben Stunde mußte es um über vierhunderttausend Jahre altern. Fürwahr keine leichte Aufgabe, die ich mir da aufgehalst hatte. Zeitmaschinen gab es noch nicht, das machte die Sache noch schwerer. Bescheidene Menschen wie mich, zeichnet aber oft ein überdurchschnittlicher Einfallsreichtum aus, besonders, wenn es um Dinge geht, an denen andere kläglich scheitern. Fast alle großen Denker waren bescheidene wie einfallsreiche Menschen. Natürlich gibt es auch Ausnahmen, Nietzsche zum Beispiel, der war zwar auch bescheiden, ist aber an seinem Einfallsreichtum gescheitert. Nun, was war zu tun, - ich hatte in meiner Kellerbar, außer anderen höchst wirksamen Tropfen, noch ein Fläschchen achtzigprozentiger Schwefelsäure für ungebetene Gäste stehen, das kaum angebrochen war. Darin wollte ich das Rad baden, damit es schnell Zersetzungsspuren zeigte. Leider war das Fläschchen viel zu klein. Das Rad passte da einfach nicht hinein, so sehr ich mich auch bemühte. Bald kam ich auf eine bessere Idee, ich schüttete den Inhalt des Fläschchens in meine Badewanne, mit dem Erfolg, daß sich die Keramik sofort marmorierte und tiefe Risse klirrend sich auftaten. Ein übelriechender Dampf stieg auf, der den Kunststoffvorhang in sämigen Fäden in die Wanne tropfen ließ. Der Dampf fraß sich auch mühelos durch Handtücher, Alibert-Spiegel und den BH meiner Frau, der zum Trocknen an der Leine hing. Es schien, als ignorierte er Materie jeglicher Art. So etwas hatte ich mal über Kugelblitze gelesen. Mir wurde unheimlich zumute, zumal Dampfwolke auf Dampfwolke aus der Wanne stieg, als gäben dort unten Indianer Rauchzeichen. Es war wohl ein Stamm auf Kriegsfuß, denn ihre Zeichen lösten alles auf, auf das sie trafen. Ich hätte die Lösung verdünnen sollen. Es war eh viel zu wenig Flüssigkeit, um das Rad darin baden zu können, auch war sie längst verdampft und schwirrte durch meine Wohnung, eine Schneise der Verwüstung hinterlassend. Nur das Rad war, wie durch ein Wunder, verschont geblieben. Jetzt mußte dringend noch ein Einfall her, aber woher nehmen, wenn nicht stehlen, mir blieben nur noch fünf Minuten, bis Kellermann anrufen würde. Ich weiß nicht mehr, wie ich auf diesen Gedanken kam, aber ich dachte plötzlich an meine große Mikrowelle, ein Industriegerät, das in der Küche neben dem Kühlschrank stand. Zersetzung durch Mikrowellen, das war meine letzte Hoffnung. In Windeseile schraubte ich das Rad auseinander, bis es schließlich in handlichen Einzelteilen vor meinen müden Augen lag. Vorsichtig schob ich Lenkrad und Gabel in die Mikrowelle. Aus Sicherheitsgründen wählte ich zuerst das Programm Auftauen an. Gespannt darauf, was geschehen würde, schaltete ich das Gerät ein. Sofort vernahm ich ein leises Surren, ein Geräusch, das bei Lebensmitteln nicht auftrat. Hin und wieder schossen kleine blaurote Blitze aus Lenkrad und Gabel, die sich einen Weg ins Innere der Mikrowelle zu bahnen schienen, aber sonst tat sich nichts. Das Lenkrad behielt seinen Chrom und die Gabel ihre leuchtendrote Farbe. Das Auftauprogramm war wohl ungeeignet. Ich schaltete ab und wählte »Cordon Bleue Medium« an. Die Mikrowelle brummte jetzt regelrecht. Innen knallte es oft laut und die Blitze leuchteten in energischem Grün. Die rote Farbe der Gabel warf kleine Bläschen, aber der Chromschicht des Lenkrades konnten die grünen Blitze noch nichts anhaben. Ich unterbrach das Programm und suchte im Handbuch der Mikrowelle nach gewaltigen Festmenues, die mit großer Energie gegart wurden. Nach kleinen Entscheidungsproblemen entschied ich mich schließlich für den »Rollbraten am Stück« für vierundsechzig Personen, der, laut Anleitung nach viereinhalb Minuten Garzeit serviert werden konnte. Nach dem Einschalten brummte es gleich gewaltig in dem Gerät, mit einem Mal hüpfte es auf und ab wie eine alte elektrische Wäscheschleuder, die noch nicht richtig in Schwung gekommen ist. Dann stieg plötzlich Qualm auf, der seine Farbe dem Ocker der Küchenmöbel anzupassen schien. Im Inneren der Mikrowelle spielte sich eine gewaltige Naturkatastrophe ab, deren Folgen noch nicht abzusehen waren. Es sprangen grelle Blitze aus Gabel und Lenkrad, verzweigt und bunt, wie ich sie in der Natur noch nie gesehen hatte. Das Brummen der Maschine geriet zum Grollen eines Urgewitters, und aus den Lüftungsschlitzen blies der Wind in Hosen. Auf einmal schlugen Flammen aus dem Gerät, die selbst mein Feuerlöscher nicht zu bändigen vermochte. Nach vier Minuten ließ die Mikrowelle, zum Zeichen, daß sie lange genug am Rollbraten herumgegart hatte, ihre typische Melodie erklingen. Damit war auch der Spuk vorbei, - der Qualm verschwand in Sekundenschnelle, die Flammen krochen ins Gerät zurück , und das Licht in der Garkammer erlosch. Ich hatte den Eindruck, als hätte das alles so sein müssen, als wäre das ganz normal. Vielleicht sagten deshalb ja auch viele Leute, daß man sich während des Garvorganges nicht zu nah bei dem Gerät aufhalten sollte, - mag sein, daß sie ähnliches erlebten. Jetzt wollte ich aber mal erleben, was aus dem Lenkrad und der Gabel geworden war. Mit größter Anspannung und höchster Erwartungshaltung näherte ich mich der noch fest verriegelten Türe der Mikrowelle, die sich nach Eingabe eines fünfundzwanzigstelligen Sicherheitscodes öffnen würde. Ja ja, meine Mikrowelle war eine mit Passwortschutz, so konnte mir kein Hungerleider den Braten aus der Röhre nehmen. Leider hatte ich das Passwort gerade nicht im Kopf, - die einzige, arg verblasste Niederschrift, befand sich im Tresor eines Stiefonkels in Kentucky, USA. Da kam man so auf die Schnelle nicht ran. Außerdem war der Onkel vor einem Jahr verstorben. Seitdem rauften sich mehrere internationale Erbgemeinschaften um das Exklusivrecht an dem Tresor, der, fest verschlossen und bis zum Äußersten bewacht, im Tresor eines bekannten Notars verwahrt wurde. Nein nein, an mein Passwort kam ich jetzt nicht heran, daran war nicht zu denken. Warum dachte ich denn daran? Schon wieder benötigte ich als bescheidener Mensch einen Einfall, der mich sicher und ohne große Umwege ans Ziel bringen würde. Ich konzentrierte mich mit aller Gewalt auf das Wesentliche, nahm einen schweren Hammer und schlug das Sichtfenster der Mikrowelle ein. In der Stadt gingen die Sirenen los, ich war ans öffentlich-rechtliche Sicherheitsnetz angeschlossen, hatte bisher aber noch nicht Gebrauch davon machen müssen. "Einmal ist immer das erste Mal", sagte ich dem Einsatzleiter des GSG-9 Kommandos zur Begrüßung, das daraufhin meine Wohnung kartografisch erfasste. Sicherer konnte man nicht leben, das wurde mir schnell klar. Auch schien ich irgendwie den Faden verloren zu haben, bei all diesen Ereignissen. An den bevorstehenden Anruf Kellermanns dachte ich schon gar nicht mehr, als das Telefon klingelte. Umringt von zwanzig schwer bewaffneten, an Palästinenser erinnernde Gestalten, hob ich den Hörer ab und führte ihn sicher wie nie zum Ohr. Tatsächlich, es war Kellermann, der sich am anderen Ende meldete. Ich hatte zwar mittlerweile Haus und Hof verloren, aber noch nichts in der Hand. Kellermann schien es nicht eilig zu haben, er begrüßte mich zunächst ausgiebig und erzählte mir dann lange von der schweren Krankheit seiner Groß mutter, die seit mehreren Jahren im Sterben lag, sich aber immer wieder aufraffte, um beispielsweise die prallgefüllten Mülltonnen aus dem Keller zu holen oder mit alten Freundinnen zum Eislaufen zu gehen. Oft mußte sie unter notärztlicher Aufsicht nach Hause gebracht werden, aber man ließ sie gerne gehen, wer weiß, wie lange sie es noch machte, schließlich war sie alt genug. Ein kleiner, maskierter GSG-9 Beamter, der zu Beginn des Gesprächs eine Wanze an das Telefon geklebt hatte, fühlte sichtlich mit. Als ich Kellermann dann erzählte, daß sich meine Großmutter zum Sterben nicht mal hingelegt hatte, fiel es dem kleinen Beamten nicht leicht, seine Tränen zu unterdrücken. Selbst der Einatzleiter, der meine Küche zur Leitstelle umfunktioniert hatte, mußte schlucken, als er die Nachricht per Richtfunk erhielt. Als das Thema sich aufs Geschäftliche verlegte, wurden die Beamten sofort ruppig und ungeduldig. Man öffnete die Knöpfe meines Hemdes, geschickt, unter Zuhilfenahme diverser Gewehrläufe, - anscheinend wollte man mir Luft verschaffen, und redete, in mir völlig unverständlicher Sprache, energisch auf mich ein. Als ich in meiner Not Kellermann davon berichtete, legte er sich lachend ins Zeug, und erzählte mir eine noch unglaubwürdigere Geschichte. |