HERR TOPF AUF DEM KOPF

GEDANKEN EINES MERKWÜRDIGEN MENSCHEN

Der Topf auf dem Kopf

Artwork by GEORG ETTL


Eines Nachts ging jäh meine Schelle, befreite sich wie aufgebracht von ihren Drähten, an denen sie seit 15 Jahren im Grunde leblos herumzappelte, als hätte sie der Mann von Henker - Elektrik soeben erst installiert und stürzte zu ebenbödigem Parket wo sie in einer Staubwolke verendete, ohne daß ich dies noch hätte verhindern können.
Ich lag in einem traumlosen Schlaf, aus dem es mich riß, als hätte ich einen lebenswichtigen Gerichtstermin versäumt.
Drei Uhr vierzehn. Wer konnte das sein?
Ich erhob mich mühsam aus meinem Bett, was an sich schon einem der sieben Weltwunder gleichkam und schleppte mich als Achte dieser Launen, die ich eh nicht verstand zum Lichtschalter, den ich schließlich bäuchlings erfolgreich kontaktierte.
Der erste Schritt war getan. Jetzt war ich aber noch nackt. Wo hatte ich mich nur ausgezogen? Meine Kleider waren nirgends zu finden, der Schrank, leergeräumt, die Wohnung verwüstet, meine Papiere gingen wie kleine Bibeln gefälscht, womöglich längst von Hand zu Hand oder wurden wie Aktien am Neuen Markt mißhandelt.
Wers hatte, der lachte. Mir allerdings wäre so gerne zum Weinen zumute gewesen. Aber dazu bedurfte es des Mutes, den ich einfach nicht aufzubringen im Stande war.
Feigling!, schrien die Kinder und schließlich pfiffen es die Spatzen vom Dach.
Ich kam oft wie ein gestreunter Kater nach Hause. Hier mußte ich bleiben. Dies war mein Heim.
Bei diesem Gedanken mußte ich schlicht brechen. Übergeben konnte ich eh nichts mehr.
Mir fehlte jegliche Erinnerung an den vergangenen Abend....
Doch,... da war diese Lisa mit dem dicken Hintern. Sie hatte ungleichmäßige Brüste, aber sie war nicht bei mir gewesen. Ich hatte mich bei ihr abgeseilt. Ich glaube sogar, die Nacht mit ihr war schön.
Wie war ich nach Hause gekommen? Ich hoffte nur, daß eine gute Seele sich meiner angenommen hatte. Bestimmt.
Ich würde es nie gewagt haben, mich ganz und gar unbekleidet auf den Heimweg zu machen. Bonn war schließlich noch Hauptstadt und ich nur zu Gast. Einen rudimentären Rest von Anstand hatte ich mir, Gottlob, bewahrt.
Was kümmerte mich das jetzt. Es stand jemand vor der Tür. Ich benötigte dringend ein Textil, auf daß meine erbärmliche Blöße, die ich mir gestern so sehr gegeben hatte, nun endlich bedeckt sei.
Ich entschied mich aus dieser Not heraus schließlich für einen Bettbezug, welchen ich am Kopfende aufschlitzte. Den stülpte ich mir über.
Ich sah, dank des Bett-bezüglichen Erdbeermusters zwar aus wie die Verkäuferin einer Gärtnerei wo im Märzen der Bauer die Röslein entspannt, doch wollte sich ein Wohlsein nicht so recht einstellen.
Das machte wenigstens scheinbar einen Sinn, zumal jener, welcher zu dieser Zeit bei mir schellte, mich unmöglich kennte.
Zumindest dessen war ich mir sicher, selbst wenn alle sagten, man könne ja nie und nimmer wissen.
Wußte ich? Aber natürlich! Die Müh wars allemal wert. In dieser Hinsicht war ich Akrobat aus Notwendigkeit.
Ich tappste im Gleitflug die Treppe hinunter und öffnete, wo sonst als unten angekommen, die Türe.
Vor mir stand erwartungsvoll eine schwarze recht symmetrisch gebaute Gestalt, die sich dank herrlichsten Schneetreibens, in auffälliger Weise von der Umgebung abzeichnete.
Die Person erschien mir, enttäuschenderweise, auffallend maskulin. Bezeichnend war ihr kochtopfartiger Hut, aus dem aus einem Ventil am oberen Ende zischend Schwaden eines schwefligen Rauches entwichen, der allerdings sofort überraschend erfror, sobald man diesen denn anblies.
Das Wesen stellte sich mir dann auch als Jeremia Topf, geborener Koch, vor. Erst jetzt sah ich, daß seine linke Hand nicht Hand sondern Gabel war. Aus dem rechten Ärmel seines Mantels lugte argwöhnisch eine mit Buchstabensuppe gefüllte Schöpfkelle hervor. Auch stand er nicht wirklich auf Beinen. Es waren zwei riesige Fleischermesser, deren Klingen sich mit einem jeden seiner Schritte unmerklich tiefer in seinen Unterleib bohrten.
Wollte er mich zum Essen einladen? Wollte er mich schlachten? War er Freund? War er Metzger?
Wer wie Herr Topf den Schmerz so intensiv ignorierte wie er ihn gleichsam empfand, der mußte bald notwendig krank werden.
Obwohl wir uns fremd waren, kamen wir uns schnell näher, indem ich gerade auf Unausgesprochenes mit heftigem Trotz reagierte.
Wohl Stunden standen wir uns gegenüber. Ich fand schnell heraus, daß seine Strümpfe stanken. Er sprach indes kein Wort, und ich versuchte, selbst noch schweigend, eine Beziehung über diesen Gestank herzustellen. Bald stank auch ich, aber es kam nichts zurück, was mich hätte aufbauen können, obwohl ich gerade das über die Jahre so dringend gebraucht hätte. Ein echtes zu Hause halt.
Man stank eben, und es roch wie aus tausend Kübeln es nicht hätte besser riechen können. Das lockte selbst die buntesten Fliegen aufs Parkett.
Wenn Topf etwas sagte, dann hatte er zweifellos recht, ganz gleich, was ich empfand.
Spring auf, spring auf!, setz dich auf meine Schultern!, sagte der Mann.
Ihm zu folgen behagte mir nicht, wenngleich ich keine andere Wahl hatte. Die Fragen kratzten mir den Hals wund und als Antwort kam immer nur:
Willst du wohl lieb sein!?, worunter ich sehr litt.
Ich wählte, als Ausweg, schon früh die Kreativität. Ich hatte mehrere Gaben, die sogar amtlich bescheinigt waren.
Die nicht-amtlichen Gaben ignorierte ich, so gut es eben ging. Ich war halt brav.
Seine Ruhe fand man hier aber nicht. Es gab immer etwas, wofür man sich schuldig fühlen mußte und empfand dies schon fast als Gnade.
Hier galt selbst der Schrei der Geburt schon als Schande. Lebendigkeit war Kriminell. Von Empfängnis und derelei Umständen möchte ich hier erst gar nicht anfangen wollen, zu reden.
Das ist der Abgrund dieser Gesellschaft, ob sies nun glaubt, oder nicht.
Ich kämpfe allein, weil ich gar nicht anders kann.




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