TRAUBENZUCKERmein Weg in den Tag
Ich habe Traubenzucker gegessen. Ich fühle mich stark, erfrischt wie nach einer kalten Dusche. Ich kämme mich.
Ich gehe baden, damit ich mich noch stärker fühle, ich muß mich nochmal kämmen. Ich putze mir die Zähne. Ich frühstücke ausgiebig.
Schinken, Toast, zwei Eier, ein Liter Bier. Als Nachtisch zwei Spacecookies von gestern.Der Tag beginnt, mich anzulächeln. Mir wird schlecht. Ich torkele zum Kloh. Ich kotze ins Waschbecken. Bald fühle ich mich wieder stark wie zuvor. Ich ziehe mir die Hose über den Kopf und springe in mein Sweatshirt. Mein Kopf steckt im rechten Hosenbein fest. Ich kann nichts mehr sehen. Das viel zu enge Sweatshirt verhindert den Bluttransport in den rechten Zeh. Der Zeh wird blau. Ich muß husten. "So muß sich mein blinder Kollege, der Hellwig, von morgens bis abends fühlen.", denk ich so bei mir. Die arme Sau. Kein Wunder, daß er manchmal so jähzornig ist. Jetzt verstehe ich das. Sprache kann die verlorene Fähigkeit des Sehens eben nur unvollkommen ersetzen, besonders dann, wenn man, als Blinder, alleine und auf sich selbst gestellt ist. Obwohl ich mir in der Erinnerung ein Bild von meinem Zimmer machen kann, stoße ich mir den linken Zeh am Rollwagen des Schreibtisches, den ich an dieser Stelle nun wirklich nicht vermutet hätte. Dabei wollte ich eigentlich in die Küche gehen, um nachzusehen, warum es plötzlich so intensiv nach verbranntem Toast riecht. Man muß nur dem Geruchssinn vertrauen. Der Geruchssinn ist für einen einsamen Blinden das A und O der Orientierung in einer herzlosen Welt. Nach mehreren unbequemen Stürzen über Stock und Stein, finde ich den Toaster schließlich, als ich mir an seinem Chassis ordentlich die Finger verbrenne. Man muß, als einsamer Blinder, auch seinem Tastsinn vertrauen. Die Aggregatzustände müssen zudem völlig neu gewichtet werden. Blindenstöcke sollten auch niemals aus Metall sein. Das verhindert Stromausfälle sowie schwere Kurzschlüsse, die mitunter den Tod des einsamen Blinden zur Folge haben könnten. Wer plötzlich blind wird, kann oft nichts dafür. Viele Blinde können sogar besser sehen als ich. Blindheit ist Schicksal, - pech gehabt. zurück | Kurzgeschichten | Schnipsel | Gedichte |