IM THEATERWer kann den Traum deuten?
Ich finde mich plötzlich unverhofft im Theater wieder. Mein Blick ist klar und scharf wie ein Solinger Messer. Die Klinge dieser scheußlichen Waffe ist, während ich mich damit rasiere, gegen mich gerichtet. Warum ich mich ausgerechnet jetzt und hier maniküre, ist mir persönlich ein Rätsel. Ich blute stark am Kinn. Fragen will ich aber auch nicht. Ein mitleidiger Mensch reicht mir aus Versehen ein Taschentuch. Das hektische Schaben des Messers an meinen Stoppeln fabriziert nachgerade Gräusche, die zum auf der Bühne dargebotenen Schauspiel passen zu scheinen wie die Faust aufs Auge. Man wagt, schüchtern mit Fingern auf mich zu zeigen. Das Stück gerät regelrecht aus den Fugen, oder beginnt, sich erst zu fügen.... Jetzt kommen plötzlich aus dem fahlen, mondgrauen Licht des Bühnenhintergrundes zwei Engel, gehalten von Geduldsfäden, angeflogen. Ihr Flügelschlag gleicht der Frequenz von Hummeln. Ein Summen geht um auf der Bühne. Obwohl die Engel eingangs gar nicht erwähnt worden sind, scheinen sie dennoch eine größere Rolle, zumindest SPIELEN ZU WOLLEN, da sich ihre Geduldsfäden plötzlich ineinander verstricken. Ihr Flug gerät mühelos zum Kunstflug. Bald rasen sie wie der Propeller eines Deckenventilators, Kühle spendend und wirr um eine vermeintlich gemeinsame Achse. Die Luft im Saale erfährt eine allgemein als angenehm empfundene Umschichtung. Selbst Balkonseits, dort hoch droben, wo unzähligen schwer Parfümierten der Lack im Gesicht splittert, nimmt man plötzlich den penetranten Geruch der unrasierten Knoblauchfresser wahr, die unten auf ihren unwürdigen Stehplätzen förmlich vom Winde verweht werden. Dort unten kommt es schließlich zu mehreren nicht ungefährlichen Verpuffungen, nachdem die Alkaloide diverser Parfums, die zweifellos aus der Oberschicht stammen, mit der Chemie des Knoblauchs reagieren. Die schier ausgelassene Schwerelosigkeit der Begeisterung des Publikums findet erst ein Ende, als einem der göttlichen Botschafter des Heils dieser überaus geduldige Faden endlich reißt. Aus einer zunächst lieblichen Umherflatterei entwickelt sich schnell ein Luftangriff par Excellance. In gekonnt schraubenförmiger Bewegung stürzt der Engel zunächst scheinbar ziellos hinab, bevor er wie der berühmte Kampfflieger Graf FREIHERR von Richthofen, kreischend, jäh in die liebevoll gestaltete Überdachung des Souvleurpavilliöngchens einbricht. Jetzt kann niemand mehr etwas vorsagen. Das Stück wird nachgerade spannend. |