SCHRÄGER TYPHat es nicht gerade geklopft? Doch doch, es hat geklopft, - ruhig... Ja ja, es klopft jemand an meine Türe...verdammt spät schon, verflucht, wer kann das sein um diese Zeit?! Mein linkes Auge schläft schon. Vielleicht ein Staubsaugervertreter? Quatsch, die schlafen um diese Zeit, die sind froh, daß sie schlafen. Eine neue Taktik der Zeugen Jehovas?... Verflucht, ich bin ein Fall fürs Bett, laßt mich doch in Ruhe! Und wenn es nun die Königin von England ist?, gings mir ab, hm... mach doch einfach mal auf. Ungewissheiten machen mir Angst, - also nichts wie ran an die Klinke... Wenn man mit dem Schlimmsten rechnet, dann tritt es in den allermeisten Fällen auch ein, zumindest bei mir. Hab ichs nicht gesagt?! Vor der kleinen Treppe zu meiner bescheidenen Behausung steht ein alter einbeiniger armloser Krüppel mit blutunterlaufenen Augen. "Was liegt an?", ist meine treffende Frage auf sein ungewöhnliches Erscheinungsbild, - ich gerate regelrecht in Panik. "Ich suche eine Bleibe sowie einen Erben", winselt der Alte. Zwei Zähne fallen ihm aus dem Mund. Seine Augen leuchten mich förmlich an. Ich bin geblendet und falle in eine Art Hypnose, die mich ganz und gar willenlos macht. "So komm doch erst mal rein in die gute Stube", lalle ich verzückt. Das hätte ich lieber nicht sagen sollen.... Der Alte hüpfte wie eine wildgewordene Eisenbahn kreuz und quer durch meine Wohnung. Eine Außenwand brach in sich zusammen, zwei Fenster sowie eine antike Porzellanschale, ein Erbstück meiner Urgroßmutter, gingen zu Bruch. Ich bewahrte dennoch die Fassung und bot ihm einen Platz an. "Nein danke", gackerte der Alte, "ich hüpfe lieber." Die Müllers unter mir klopften bereits vehement gegen die Decke. Der Alte schien Gleichgewichtsstörungen zu haben, denn er torkelte polternd durch die Wohnung. "Kann ich »BUMM...BUMM« die Nacht »BUMM...BUMM« hier »BUMM«...verbringen?, fragte er im Ton eines Mitleiderheischenden Straßenjungen. "Selbstverständlich", erwiederte ich gerade in dem Moment, als die zweite Wand unter lautem Tosen einstürzte.
Es wurde arg zugig. Ein Taubenschwarm
der sich verflogen hatte, inspizierte meine Einbauküche und nistete sich
schließlich zufrieden gurrend ein.
Der Alte bummste jetzt etwas leiser, Gott sei Dank.
Dem Herrn Müller unter mir schien die Geräuschkulisse des polternden
Männleins aber immer noch nicht zu behagen. Ehrlich gesagt, gefallen tat
sie mir auch nicht. Ich hatte schon Ohrenschmerzen.
Müller begnügte sich nun nicht alleine mit »Gegenklopfen«, er schien jetzt
ganz auf seine neue Schlagbohrmaschine zu bauen. Das war ein großer Fehler,
wie sich schnell herausstellte, - durch die Vibrationen des Schlagbohrers
ging die dritte Wand entzwei. Das Rentnerehepaar Brackelmann von Oben
stürzte samt Doppelbett, vielleicht nicht ganz freiwillig wie ich zugeben muß
in mein Wohnzimmer. Da Herr und auch Frau Brackelmann in hohem Maße
Betäubungsmittelsüchtig waren, wurden die beiden Gott sei Dank nicht wach.
Herr Brackelmann schnarchte wie eine alte Motorsäge. Seine Frau knatterte
durch ihre Nase, daß es kaum anzuhören war.
Unterdessen hatte Herr Müller ein großes Loch in seine Decke, meinen Boden also gebohrt. "Else!, die Säge, - schnell!", schallte es zu mir hinauf. Ich mußte an Wilhelm Busch denken. Der Alte, immer noch bedenklich herumpolternd meinte, dort unten bei den Müllers ginge doch etwas nicht mit rechten Dingen zu, für eine derartige Aggressivität müsse es doch einen wichtigen Grund geben, er sähe hier keinen. Er wolle jetzt unverzüglich hinuntergehen und fragen, ob er vielleicht helfen könne. Der Alte polterte die Treppe hinunter, klopfte vorsichtig bei den Müllers an, wurde prompt hereingebeten und half dem verzweifelten Herrn Müller, das Sägeblatt einzuspannen. Als das endlich vollbracht war kam er wieder nach oben. Er erklärte mir, daß er die Ursache des Agressionsstaus, der sich hier entlud gefunden hätte. Herr Müller hätte nicht gewußt, wie man ein Sägeblatt einspannt und sei fast daran verzweifelt, erst durch seine tatkräftige Unterstützung sei wieder Leben in ihm eingekehrt. Seine Augen hätten regelrecht geleuchtet und geschrieen hätte er: Gleich mach ich dich alle du Schuft! Er stierte dabei unentwegt gegen das Loch in der Zimmerdecke. Müller entschuldige sich auch dafür, daß er nicht einfach durch das Treppenhaus zu ihm kommen könne, das sei ihm peinlich, er wolle im Treppenhaus zu so später Stunde nicht mehr gesehen werden, das hinterließe immer einen schlechten Eindruck bei den Mietern, und munkeln täte man schon genug. Ich wurde blau um die Augen, ich alterte um Jahrhunderte. Die Säge war dabei, sich durch die Panele zu fressen, sie hatte wohl großen Hunger. Ich plünderte meine Hausbar, trank deren Bestand leer und genoß die dadurch hervorgerufene Persönlichkeitsstörung mit wachsendem Vergnügen. Als ich aber plötzlich alles doppelt sah, verkehrte sich dieser vergnügliche Zustand schnell um. Durch einen Ruck verlor ich den Sinn für logische Zusammenhänge von einer Sekunde auf die andere. Ein tiefer Friede durchfloß mich. Ich hatte alles erreicht was ein Mensch in seinem kurzen Leben erreichen kann. Eine prophetische Kraft keimte in mir auf und entwickelte sich schließlich zur prächtigen Blüte. Ich mußte predigen, jetzt und hier! Ich, der ich mittlerweile alles etwa acht bis neun mal sah, faßte mir nun ein Herz, und versuchte, den real - existierenden Kleiderschrank zu erreichen, in dem noch ein weißes Seidennachthemd einer Verflossenen hängen mußte, zu erreichen. der erste versuch schlug leider fehl, - ich übersah einen Stuhl, kam übel zu Fall und brach mir den Zeh am rechten Fuß links außen. Beim zweiten, dritten, oder wars der vierte, landete ich unsanft in der Badewanne. Es war ein Fehler, sich am Wasserhahn abgestützt zu haben, ich wurde unfreiwillig naß. Es war auch ein Fehler, daß ich in der Wanne eindöste, - Die Wanne lief voll und schließlich über. Ich erwachte durch lautes Geschrei der Müllers unter mir. Auch das unfreiwillige Bad hatte mich wieder etwas klarer im Kopf werden lassen. Jemand klopfte wild gegen meine Türe. Ich öffnete den Kleiderschrank und bat herein. Es klopfte wieder. Ich öffnete die Balkontüre und bat herein. Es klopfte ein drittes mal. Ich kroch auf allen Vieren zum Doppelbett der Brackelmanns. Dort angekommen schüttelte ich den sich im Schlaf heftig wehrenden Greis solange, bis er endlich aufwachte. Freilich, er verstand recht wenig von all dem was hier vor sich ging. Der Schock war so groß für ihn, daß er mir aufs Wort gehorchte. Ich bat ihn höflichst darum, mir den Weg zur Haustüre zu zeigen. Es hätte gerade geklopft, und ich könne mir einfach nicht erklären, weshalb ich mir nicht erklären könne, wo denn diese verdammte Haustüre abgeblieben sei. Brackelmann wälzte sich apathisch aus dem Bett, fiel auf den durchnäßten Wohnzimmerteppich, daß es klatschte und schlief wieder ein. Es klopfte.... Vater Müllers Geschrei hallte durchs ganze Haus: "Wo bleibt das saudumme Gör denn so lange. Na warte, wenn die zurückkommt, - der zieh ich das Fell über die Ohren, im wahrsten Sinne des Wortes, im allerwahrsten Sinne des Wortes!" Es klopfte... Brackelmann konnte mir nicht helfen, das war mir klar... Es klopfte... Verflucht, das Geräusch kam von allen Seiten gleichzeitig. Da kam mir plötzlich eine geniale Idee... Ich blökte laut: "Klopfen Sie, so klopfen sie doch bitte unaufhörlich! Ich habe nur ein Ohr, verstehen Sie? Ein einziges Ohr habe ich nur noch... Man tat das, worum ich gefleht hatte, Gott sei Dank. Jetzt klopfte es ohne Unterbrechungen. Ich wurde fast wahnsinnig, wenn ich es nicht schon war, aber es war meine einzige Chance, diese dämliche Türe zu finden. Das Geklopfe wurde lauter und eindringlicher. Mir war zumute als schlügen Bomben ein. Meine individuelle Ortungsapparatur hatte einen argen Defekt, das war mir auch klar. Ich nahm einen Kompaß zur Hilfe, es hatte keinen Zweck. Der Kompaß fing plötzlich an, zu klingeln, - es war meine Eieruhr. In mir stieg ein regelrechter Haß gegen bewußtseinserweiternde Getränke hoch. Ich hatte nur noch einen einzigen, quälenden Gedanken im Kopf, - Türe, Türe und nochmals TÜÜÜREEE! Enttäuscht schwankte ich zur Hausbar. Eine halbe Flasche Whiskey war übergeblieben. Ich versuchte, mich nüchtern zu trinken, - eine dramatische Aktion. Nachdem ich es nun endlich zustande gebracht hatte, mir wenigstens die Hälfte des edlen Gesöffs nicht über die Hose zu schütten, entdeckte ich rein zufällig im Spiegel der Bar »meine Haustüre!!« Mir fielen mehrere Wackersteine vom Herzen! Ich rannte los wie ein Betrunkener, knallte mit dem Kopf gegen den Spiegel, welcher zerbrach, und mich unter sich begrub... Ich hatte schon wieder einen Fehler gemacht. Wenigstens war ich noch so weise, mir »das« einzugestehen. Als ich nach Stunden qualvoller Suche endlich die Klinke in der Hand hatte, wußte ich ehrlich gesagt nicht mal mehr meinen Namen und was ich überhaupt wollte. Erst nach und nach keimten schwache Spuren der Erinnerung auf. Jetzt hörte ich auch das elende Geklopfe wieder. Ich hatte mich so daran gewöhnt, daß es mir gar nicht mehr auffiel. Ich ging mir mit der Hand durchs Haar, ordnete meine klebrigen Klamotten, was nicht recht gelang, überprüfte meine verätzten Stimmbänder, legte eine freundliche Sonntagsmiene auf, drückte die Klinke herunter und öffnete einen Spalt breit. Ich traute wie so oft in meinem Leben meinen Augen mal wieder nicht. Vor mir stand die jüngste Tochter der Müllerschen Sippe, ein verschrumpeltes, übelriechendes Kind mit schiefem Kopf und seltsam verdrehten Augen. Das arme Kind hatte sich die Finger blutig geklopft. Es machte, auch nachdem ich bereits geöffnet hatte keinerlei Anstalten, damit aufzuhören. Ich sagte, es sei des Klopfens nun genug und klärte sie im Nachhinein über den Sinn und Zweck des Türeklopfens auf, - außerdem sei es eine Unverschämtheit zu so später Stunde wildfremde Menschen aus dem Schlaf zu reißen. Das Kind blickte verschämt auf seine verdreckten Hausschuhe. Meine pädagogische Maßnahme trug also Früchte. Was es denn nun wolle, fragte ich weiter. Das Kind schielte mir in die Augen. Nach einigem Zögern fragte es mit kaum vernehmbarer Stimme, ob denn der nette Herr mit dem Bein und den schönen roten Augen noch bei mir sei. Ihrem Vater sei das Sägeblatt zersprungen. Er könne es aus eigenen Kräften nicht wieder in Gang bringen... Ich sagte: "Moment eben", rannte zur Toilette und übergab mich gräßlichst. Nachdem ich diese Aktion einigermaßen glücklich überstanden hatte, machte ich mich auf die Suche nach dem Urheber des Übels. Meine Wohnung glich einem Bombenkrater. Ich stieg auf die Schränke, kroch unter sämtliche Teppiche, vergebens, er war nirgendwo aufzutreiben. Ich bat das geduldig ausharrende Kind um etwas Geduld, der nette Herr mit dem Bein sei zwar zugegen, doch hätte gerade er einen urgesunden Schlaf, auch wolle er sich noch ein wenig zurechtmachen. Ich beugte mich, um die Lage zu peilen, über das Loch in meinem schönen Dielenboden. Herr Müller, ich konnte ihn auch sehen, versuchte gerade das zerbrochene Sägeblatt mit Uhu zusammenzukleben. Seine Frau hatte einen Arm um seine Schulter gelegt. Sie machte ihrem Mann aber auch verbal Mut. "Du schaffst es Karl, du schaffst es, da bin ich mir ganz sicher. Vater Müller fluchte wild herum: "Es hält nicht, es hält nicht! Wo bleibt das Rotzblag denn nur! Wenn die in fünf Minuten nicht hier sind, dann vergesse ich meinen christlichen Anstand und laufe über die Treppe hoch, um ihn zu erschlagen!" "Vielleicht hat er dem Lehnchen ja auch etwas angetan", meinte die Mutter." "Das geschähe ihr nur recht!", polterte der Vater, "mich so lange warten lassen, wo es doch um die Ehre der Familie geht!" Der Mann mußte wahnsinnig sein. Fünf Minuten hatte ich also noch, meinen Gast zu finden. Mir wurde ganz warm um die Backen. Ein Riesenkater kündigte sich zart an. Draußen dämmerte es bereits. Die Tauben auf dem Küchenschrank gurrten vergnügt vor sich hin. Das hielt ich für unangebracht. Ich stellte die Wohnung noch einmal auf den Kopf, obwohl es eigentlich nichts mehr auf den Kopf zu stellen gab, und fand meinen Gast im Ehebett der Brackelmanns. Ich versuchte ihn zu wecken, vergeblich. Er hatte tatsächlich einen urgesunden Schlaf. Ich schüttelte ihn, mit dem Erfolg, daß ihm drei Zähne ausfielen. Ich klopfte zart an seine Stirn, aussichtslos. Ich schlug ihm eine Zeitschrift um die Ohren, - jetzt stieß er wenigstens laut auf. Ich schwankte ins Badezimmer. Ich goß einen Eimer eiskaltes Wasser über seinen Kopf, - verflucht, es half nicht! Ich brachte etwa zwei Liter Wasser zum Kochen. Er zog sich zwar Verbrennungen zu, wurde aber immer noch nicht wach. Ich betete! Ich flehte! Ich dachte an Dornröschen. Ich küßte ihn. Er öffnete seine Augen und fragte, was es denn sei. Mein Herz hörte auf, zu schlagen! Ich rannte zu einer Steckdose, zerschlug schon kreidebleich im Gesicht die Abdeckung und schloß mich dem Stromkreis an. Ich hatte Glück. Mein Wiederbelebungsversuch war ein voller Erfolg. Der Pulsfrequenz hatte sich zwar verdoppelt, aber das war mir egal. Mein Gast war unterdessen wieder eingeschlafen. Ich küßte ihn ein zweites mal. Er fragte trocken, was es denn sei. Ich flehte ihn an, - es ginge sich um Leben und Tot, bzw. um die Verzögerung meines Todes durch Erschlagen durch Herr Müller. Der arme Herr sei wieder völlig verzweifelt, da ihm das Sägeblatt entzwei gegangen sei. Mein Gast hatte es sofort begriffen. Er sprang von der Bettkante »BUMM BUMM BUMM«... machte es, es hörte nicht auf. Der Alte hatte ein Holzbein, wie ich erst jetzt erkannte. Mein Boden war wie gesagt ein Dielenboden. Er suchte nach seinem Schuh, aber er fand ihn nicht. Die weiche Gummisohle hätte das Geräusch bestimmt erträglicher gemacht. Mein Kopf, mein armer Kopf! Und die Müllers erst! Vater Müller war in eine Art Panik geraten. Die Mutter riet ihm von einem Amoklauf ab, da durch einen solchen auch unschuldige Menschen zu Tode kommen könnten. Die Kinder schrien laut und liefen wild durcheinander. Mein Gast polterte nach unten. Totenstille, Gott sei Dank! Ich fiel erschöpft ins Brackelmannsche Traumland und schlief etwa zwei Sekunden später ein... Irgendetwas Kaltes auf meiner Stirne weckte mich, - ich wußte nicht wie lange ich geschlafen hatte. Im Haus war es still, nur die Tauben gurrten vergnügt vor sich hin, - ich wollte eine Taube sein. Das Kalte auf meiner Stirne dämpfte zwar meinen Höllenkater ein wenig, doch es begann auch, mir Kummer zu machen, denn es schien lebendig zu sein. Plötzlich hatte ich es im Gesicht hängen. Das kalte etwas krabbellte weiter, über meine Nase, zog mir die Unterlippe herunter, daß ich vor Schmerzen fast geschrieen hätte und tastete sich dann energisch bis zum Bauchnabel vor. Es machte Anstalten, darin zu verschwinden. Mir wurde übel vor Schmerzen... "Erenst?...Eeerrenßt!...bisse wach?"... Verflucht, die kalte Masse war der deutschen Sprache mächtig. Ernst?, hatte die kalte Masse da gerade "Ernst" gesagt?... Au weia, - die alte Brackelmann! Ich zog mir die Decke über den Kopf. Warum kam Herr Müller denn nicht endlich hoch?! Ich wollte erschlagen werden, unbedingt, und zwar sofort und auf der Stelle! Gott sei Dank war die Alte stockblind... "Erenst!, - wat ess!!...hasse schlechte Sinn!?...", blubberte die Brackelmann. Ihre Aussprache war feucht, bisweilen auch wässrig. Die Alte packte mich, den Wortkargen, und zog mich krachend an ihre Brust. Mir schwand der allerletzte meiner Sinne. "Mein armer kleiner Erenst", gackerte die Alte und zerkratzte mir zärtli h das Gesicht, -zwei dicke Eiterpickel zerplatzten. Ich mußte junken wie ein verendender Hund. "Soll ich dich mal watt sagen", hob die Brackelmann an, "du nimms zu viele Schlaftabletten vor et Schlafenjehn. Versüük et doch mal mit ein einzijes Röhrken, dat muß doch reische, dat hat doch früher auch immer jereischt!" Mensch Erenst, du komms mich noch aufe schiefe Bahn!" Ganz unerwartet massierte sie mir den Bauch auf Teufel komm raus, zog mir die Ohren lang, entfernte sogar Schmalz und drückte mir diverse Mitesser aus der Rübe. Nun, ich bin kein schlechter Mensch, wirklich nicht, aber angesichts der verherenden Tatsachen sah ich mich zum Handeln gezwungen. Mühselig befreite ich mich aus der Brackelmannschen Verankerung, begab mich zum Arzneischrank, entnahm diesem ein frisches Röhrchen Valium und schob es der Alten tief in den Schlund. Die Dame wehrte sich kaum, - anscheinend war sie das von ihrem Mann her gewöhnt. Bald schon schnarchte sie wie aufgebracht. Ich hatte meine Ruhe. Die Müllers waren aber auch nicht unaktiv gewesen... Man zitierte Bibelsprüche, - ich konnte die Worte verstehen. Es war wie in einer heiligen Messe: "Der Herr ist mein Fels und meine Burg und mein Erretter. Gott ist mein Hort, auf den ich traue, mein Schild und Berg meines Heils, mein Schutz und meine Zuflucht, mein Heiland, der du hilfst mir vor Gewalt." Kurz darauf hörte ich Schreie, - es war das Lehnchen, die ihre verdiente Prügelstrafe bekam. Der Vater schlug wohl wuchtig zu.... Dann folgten wieder Bibelsprüche: "Herr, deine Augen sehen auf Wahrhaftigkeit. Du schlägst sie, aber sie fühlt es nicht. Du machst fast ein Ende mit ihr, aber sie bessert sich nicht. Wohlann, es ist nur ein einfaches Mädchen, sie weiß nicht um des Hausherrn Weg und um ihr Gottes Recht. Denn ihrer Sünden sind zu viele, und sie bleibt in ihrem Ungehorsam." Mir wurde übel. Ich hatte das Bedürfnis, zu beichten... Ich wollte dem Herrn versprechen, nur noch Mineralwasser zu saufen, - auch wollte ich unbedingt heiraten. Ich wollte mir auf diese natürliche Art und Weise auch einen Prügelknaben anschaffen, ganz wie der Herr wollte ich sein, ganz wie der Hausherr von unten. Ich mußte auf die Toilette, - mein Magen plumpste ins Klo, diesen Eindruck hatte ich zumindest. Ich mußte weinen. Ich wollte sterben, jetzt und auf der Stelle... Ich rannte die Treppe herunter und klopfte tief entschlossen bei den Müllers an... Das Lehnchen öffnete. Sie hatte sich sehr verändert, - wie ein Teufelchen sah sie aus mit ihren zwei etwa daumenlangen Beulen am Kopf. Der alte Müller stürzte in Riesenschritten zur Türe. Ich bat um sofortige Vollstreckung. Vater Müller schrie nach der Bibel. Die Mutter erfüllte ihm den Wunsch. Er klappte das große Buch auf, blätterte gezielt darin herum und erhob, nach längerem Schweigen endlich sein Wort: "Ich habe das schon oft gehört. Wollen die leeren Worte kein Ende haben?" Wie bitte?, was war das?, meinte er mich?, war ich frei?, glaubte er mir etwa nicht? Ich wiederholte mein Anliegen. Er aber blätterte wie ein wildgewordener Pope in der Bibel herum... "Bedenke doch", hob er an, "wo ist ein Unschuldiger umgekommen. Oder wo wurden die Gerechten je vertilgt?" Wie bitte?.... ich verstand immer noch nichts. Hatte er Skrupel? Der hat Meskalin gefressen!, ging mir plötzlich durchs Hirn. Ich rannte nach oben, kramte meine Taschenbibel hervor, erhaschte mir beim Heruntereilen noch ein dickes Einhorn, kramte auch in dem Büchlein herum und konterte in der irrsinnigen Hoffnung auf Verständnis: "Könnte meine Bitte doch geschehen und Gott mir geben was ich hoffe! Das mich doch Gott erschlagen wollte und seine Hand ausstreckte und mir den Lebensfaden abschnitte! So hätte ich noch diesen Trost und wollte fröhlich springen. Müller wurde stutzig als er das hörte. Er sah mich sichtlich verwundert an. Auch lächelte er komisch. Dann wähnte er sich wieder am Zug: "Dennoch wird das Licht der Gottlosen verlöschen, und der Funke seines Feuers nicht leuchten." "Ja ja", brüllte ich ihn an, - genau »das« wolle ich. Meine Lampe solle er mir auspusten, im Jetzt und im Hier. Müller fing jetzt anscheinend an, auch Bedingungen zu stellen: "Geh hin und kaufe dir zunächst einen irdenen Krug vom Töpfer und nimm etliche von den Ältesten des Volkes und von den Ältesten der Priester und geh hinaus ins Tal BIN-HOM, das vor dem Scherbentor liegt." Was um Himmelswillen sollte ich »da«!? Ja, wo lag dieses Tal denn überhaupt. Außerdem kannte ich nicht einen einzigen Priester, und meine tiefgläubigen Großeltern waren auch schon tot. Ich kniete mich nieder, faltete meine Hände und legte eine wehklagende Miene auf: "Herr, du Gott der Vergeltung, »erscheine«! Erhebe Dich, Du »Richter« der Welt!"... Müller wetzte ins Wohnzimmer, riß sich die Klamotten vom Leib, umhüllte ihn mit einer weißen Decke, wickelte sich die schwarze Federboa seiner trauten Gemahlin um den Hals, setzte sich seinen besten Zylinder auf den Kopf, schwebte hernach förmlich in die Küche, und kehrte mit einem Stuhl, auf dem er sich vor mir aufbaute, an den Ort der biblischen Konversation zurück. Er schaute mich sehr ernst an. Ich revidierte mein Gottesbild. Frau Müller und auch die Kinder hatten sich unterdessen als Engel verkleidet. Sie sangen einen Psalm. Ich erschauerte! Nur Lehnchen durfte, wegen ihrer Teufelsbeulen nicht mitspielen, logisch. Frau Müller trat einen Schritt vor: "Der Herr ist König und herrlich geschmückt, der Herr ist geschmückt und umgürtet mit Kraft." Die Kinder bestätigten das, indem sie im Chor "Halleluja" kreischten. Hans Jürgen und Günther versuchten dazu etwas auf der Violine zu spielen. Hans Jürgen hielt sein Instrument verkehrtherum. Günthers Violine hatte nur eine Saite. Die Mädchen quietschten derweil elegant auf Blockflöten herum. Man war sich der Bedeutung seines Tuns durchaus bewußt. Der Vater machte stolze Augen, drehte sich doch alles um ihn. Er gefiel sich in seiner Rolle. Endlich konnte er sie spielen. Sie war seit Urzeiten sein Lebensinhalt. Angesichts der großen Dinge, die um mich herum geschahen, vergaß ich meinen Todeswunsch. Ich stellte mich krank, was mir nicht sonderlich schwer fiel und bat den Herrn um einen kalten Umschlag. Vater Müller blökte sofort nach einem feuchten Lappen. Schnell eilten die Kinder herbei, - sie wickelten das schmutzige Handtuch um meinen beängstigend klopfenden Kopf. Es zischte. Ich konnte mich nur noch bedanken: "Ich will dem Herrn danken mit meinem Munde und ihn rühmen vor der Menge. Denn er steht dem Armen zur Rechten, daß er ihnen helfe von denen, die ihn verurteilen." Der Herr war gerührt. Er mußte eine Träne unterdrücken, was ihm sichtlich Mühe bereitete. Ich forcierte weiter: "Und ich wandle fröhlich, denn ich suche Deine Befehle. Ich habe Freude an Deinen Geboten, denn sie sind mir lieb." Der Herr klappte zusammen, rollte vom Stuhl und fiel mir weinend um den Hals. Mein soeben revidiertes Gottesbild wurde von Neuem erschüttert. Der Herr war schwach geworden, seine Autorität war dahin. Frau Müller und die Kinder glaubten ihren Augen nicht zu trauen, - der alte Herr zeigte menschliche Züge! Die Familie würde versumpfen, die Kinder verlottern, die Mutter fremdgehen, da war Frau Müller sich ganz sicher, - das Leben hatte doch keinen Sinn ohne die strafende Hand des Vaters! Das verbeulte Lehnchen stand in der Ecke und wurde von Gewissensbissen geplagt, weil sie dachte, daß dem Vater das ganz recht geschähe. Die Mutter bekam blaue Lippen und tiefe Ringe um die Augen, - wie konnte der Vater das bloß wieder gut machen! Die Kinder würden lange brauchen, bis sie wieder an die großen Worte des Vaters glaubten. Sie rief in ihrer Verzweiflung die Kinder zusammen, steckte ihnen Watte in die Ohren, warf ihnen eine Decke über, und scheuchte sie in die Abstellkammer. Danach besah sie sich im Flurspiegel, bekam auf Grund des visuellen Erlebnisses einen Schock, setzte sich eine Sonnenbrille auf die Nase und lächelte mich unbekümmert an... Ich mußte an »Frankensteins Braut« denken. Vater Müller hing mir immer noch heulend am Hals. Ich war dem Erstickungstod nah, als Mutter Müller uns endlich trennte. Sie packte den Alten bei den Beinen und schleifte ihn in die Wohnung. Nicht ohne sich höflich von mir verabschiedet zu haben, knallte sie die schwere Haustüre sicher ins Schloß. Mir war nach frischer Luft zumute. Ich schleppte mich mühselig vor die Haustüre und kroch auf allen Vieren durch die Stadt. Die Leute machten große Augen als sie mich so sahen. Viele Kinder versuchten, mich zu streicheln. Ich bellte sie an. Die Polizei griff mich auf. Ich kam in ein Tierheim und fand viele Freunde. Nach zwei Jahren heiratete ich eine Schäferhündin. Ein Jahr später kam das erste Kind. Es hatte einen Hundekopf aber einen durchweg menschlichen Körper. Es konnte bellen wie sprechen, und aß vornehmlich aus einem Napf, der unbedingt am Fußboden stehen mußte. In der Schule hatte es allerdings seine Schwierigkeiten. Auf Drängen meiner Frau trauten wir unser Kind schließlich einem Hundeverein an, in dem es prächtig gedieh. Unser Kind hat es zum führenden Kopf einer großen deutschen Partei gebracht. zurück | Kurzgeschichten | Schnipsel | Gedichte |