DER UMWEG



Als Herr Zobalt zum wiederholten male im Zug auf der Reise von Köln über München nach Hamburg saß, machte er Bekanntschaft mit einem netten, älteren Herrn, dem der Krawattenzipfel in einem Glas gefüllt mit Whiskey hing, das von ungewaschenen Pranken fest umklammert wurde. Ein langer, von unzähligen Läusen besiedelter Bart, wallte, lockig geschwungen, aus einem Gesicht, daß gut und gerne mit dem einer Leiche auf dem Seziertisch identisch hätte sein können.

Der Herr befand sich gerade in einer hochphilosophischen Phase kurz vor dem Delirium und bot ihm so die denkwürdigste Unterhaltung auf dieser langen Reise, zumal sich das Delirium, warum auch immer, nicht sobald einstellen wollte.

Ihn überkam ein Gefühl aus Ekel und Mitleid, stärker als er es je zuvor verspürt hatte. Aber gerade dieses Gefühl machte ihn (sie beide?) einzigartig.

Wie dieser Mensch doch abstach von diesen "Einerweltsallerlei-Gestalten", wie er sich doch von diesen tristen Geschäftsleuten unterschied! Das faszinierte Herr Zobalt ungemein.

Das Vertrauen dieses Herrn mußte man gewinnen, das wurde ihm von mal zu mal klarer. Dieser Mann war genauso anders, wie Zobalt auch, zumindest äußerlich.

Mißtrauisch schaute er sein Gegenüber wie durch einen Spiegel hindurch an.

Das Mißtrauen wich einem Augenzwinkern, dem Augenzwinkern folgte ein schüchternes Lächeln, dem wiederum ein offenes, ehrliches, aufrichtiges Lachen entsprang, bevor man sich endlich die Hand gab.

Auch dieser Selbsttäuschung war Zobalt, wie so oft, mühelos erlegen.

"Sie heißen bestimmt Zobalt, Erwin Zobalt.", sagte die an eine Kühlzelle gewöhnte Gestalt. "Sie sind mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf dem Weg von Köln über München nach Hamburg. Sie, als Pharmareferent, sollten sich der Tatsache bewußt sein, daß Sie niedergelassenen Ärzten Gifte verkaufen, durch deren Verschreibung Sie steinreich werden, obwohl das als Nebeneffekt die Erzeugung von Personen meiner Schlagkraft bewirkt.

Nachdem Zobalt, zum Kotzen, mal kurz hinausgehen mußte, wobei er sich auf der Toilette versehentlich chemische Seife in die Augen sprühte, kehrte er körperlich erleichtert, geistig jedoch um so sinnverlorener, an den Ort des Geschehens zurück, während ihm natürlich die Augen brannten.

"Woher wissen Sie, wie ich heiße und wer ich bin?". fragte er. "Ich schaue schließlich nicht in, sondern nur durch einen Spiegel hindurch, und da sehe ich nur Sie, und weiß nichts."

"Ich nehme Ihnen mal kurz den Durchblick weg.", entgegnete der Herr, wobei er, als Experiment, den Einfallswinkel des Spiegels drastisch veränderte, - quasi derart, daß Zobalt sich nun tatsächlich erstmalig wirklich gespiegelt sah.

"Woher wissen Sie eigentlich, wer ich bin?", sagte sanft der Herr. "Was maßen Sie sich an, zu denken, ich sei ein dreckverschmierter Kerl von mumienhaftem Aussehen? Sie wissen ja mehr von mir, als ich von Ihnen. Namen sind nur Schall und Rauch auf dieser Welt."

"Natürlich scheint es auch eine Welt wie die Ihre zu geben.", verteidigte sich Zobalt gekonnt. "warum aber trachten Sie dann nach der meinen?"

"Allein die Tatsache, daß Sie über München nach Hamburg fahren, macht Sie verdächtig.", brüllte der Herr, wobei ihm vor Aufregung das Glas aus den Händen glitt. "Ich wage sogar zu behaupten, daß wenn Sie in München angekommen sind, Sie nichts eiligeres zu tun haben werden, als in den Zug nach Hamburg zu springen."

"Die Geschäfte laufen eben nicht mehr so wie früher.", erwiederte Zobalt. "Das Leben ist hart, es duldet keine Niederlage. Die Wirtschaft muß schließlich wachsen, egal wie. Ich kann es mir nicht leisten, weniger Aufträge zu haben, alleine vor der Welt schon nicht. Mir wäre das ja egal, von mir aus ginge ich auf halbe Tage, wenn nicht die Konkurrenz mit Argusaugen auf einen schaute. Besonders ich, in meiner Eigenschaft als Pharmareferent, muß Präsenz zeigen, will ich überleben. Diese "Blindreisen" sind unumgänglich, will man Erfolg vortäuschen, selbst wenn sie dabei sind, mich bettelarm zu machen."

Der Herr schaute Zobalt scharf in die Augen, während er, in Ermangelung eines Glases, einen kräftigen Schluck aus der Flasche nahm.

"Sie müssen verstehen mein lieber Zobalt.", spuckte der Herr ihm ins Gesicht. "Ich war nämlich auch Pharmareferent und litt sehr unter der Konkurrenz. Am Ende reiste ich für einen Auftrag in der Nachbarstadt gar bis nach New York. Niemand sollte sagen können, daß ich nicht mehr im Rennen sei. Niemand sollte Verdacht schöpfen, wie schlecht die Lage für mich geworden war. Der pharmazeutische Kosmos lachte mich aus, Klatschblätter berichteten Seitenlang über den "verrücktesten Pharmareferenten Europas", wobei man natürlich nicht vergaß, meine Adresse sowie auch die Telefonnummer abzudrucken. Ich erlangte eine zweifelhafte Berühmtheit, die es mir nicht mehr erlaubte, unerkannt auf die Straße zu gehen. Kinder bewarfen mich mit Steinen oder steckten mir Frösche in den Aktenkoffer, die dann oft auf den Schreibtischen der wenigen niedergelassenen Ärzte, mit denen ich noch zu tun hatte, quackend herumhüpften. Obwohl ich schnell erkannte, daß diese Tiere hier nichts zu suchen hatten, versuchte ich noch, sie als Mittel "gegen den Frosch im Hals", an den Mann zu bringen.

Mein Slogan: "Lieber ein Frosch auf dem Kittel, als einer im Hals", kam aber leider nicht an bei den Akademikern.

Ich hing meinen Beruf fast freiwillig an den Nagel und begann, die Pillen zu schlucken, die ich seinerzeit vertrieb. Schließlich wollte ich der Sache auf den Grund gehen, wollte wissen, warum sich meine Produkte so schlecht verkauften, aber bald schon wußte dieses Gift mehr von mir, als ich von ihm."

Zobalt, der sich mittlerweile in einen Hund verwandelt zu haben schien, dessen Ohren auf etwas passten, machte, synchron, aufmerksame Augen zu diesem bedenklichen Spiel. Auch neigte er seinen Kopf etwas zur Seite, wie es diese Tiere tun, wenn sie auf das Bällchen ihres Herrn warten.

"Und, was machen Sie jetzt?", entsprang es ihm. "Ich meine, Sie müssen doch irgendwie zu ihrem Geld kommen. Sie haben doch bestimmt auch Auslagen, nehmen wir nur den Whiskey zum Beispiel."

"Meine Auslagen bestreite ich nach wie vor mit Einnahmen. Wenn Sie, wie ich, seit 16 Jahren in diesem Abteil säßen, dann würden auch Sie begreifen, wie einfach das Leben eigentlich sein kann. Ich bestreite meinen Lebensunterhalt ausschließlich aus den milden Gaben der Mitreisenden. Neben meinem unterhaltsplichtig erscheinenden Aussehen, das ich natürlich pflege, ja pflegen muß, bestehle ich sogar manchmal Kinder, was allerdings darauf schließen läßt, daß ich noch viel an meinem Aussehen arbeiten muß, um selbst dieser letzten Instanz der Sozietät noch irgendwie gerecht werden zu können. Ich lebe von Gebäck oder vom Sud des Schweineeimers, den man mir in den Schoß kippt. Und es wird alles gut sein, solange man ein gültiges Ticket vorweisen kann. Um es auf einen Punkt bringen zu wollen, den ich wohl niemals sehen werde, denn dann wäre ich ja erlöst von diesem Dasein: Das Mitleid der Reisenden drückt mir die Tickets förmlich in den Schoß, und bevor man "Halt!", sagen kann, ist der nächste Fahrschein schon gelöst. So fährt man denn stetig weiter, ist immer auf Achse und kümmert sich, wenn nötig, um die Geschehnisse auf der Strecke. Da jedwede Veränderung und sei sie noch so unbedeutend, einem mit den Jahren eher gravierend erscheint, dann kann das nur an der Erfurcht vor dem Leben selbst liegen, die man sich, wenn auch in Grenzen, doch noch bewahrt hat.

Fahren Sie mit Zobalt! Springen Sie auf, sonst sind Sie verloren!"


Zobalt war ganz still geworden. Er war weder Hund noch Zobalt jetzt.

Unterdessen hatte der Zug, nicht ohne Folgen in Nürnberg halt gemacht. Daß der Platz neben Zobalt noch frei war, konnte er schlecht verneinen, da dort, seit Köln, niemand gesessen hatte. Eine alte, häßliche Dame mit einem verstörten Pekinesen im Ausschnitt, betrat brachial das Abteil, - die Männer schwiegen erst einmal, als ob sie sich nicht kannten und ließen die vornehme Dame ihren Platz zunächst frei wählen, bevor Zobalt sich dann schließlich doch nachzufragen gezwungen sah, warum die Handtasche der Dame nun wie selbstverständlich an seinem Ohr hing.

"Meta Van den Brenk", sagte die Dame, vermutlich wollte sie sich vorstellen. "Fahren sie auch nach München?"

"Nein, wir fahren nach Hamburg", entgegnete der Herr aus dem Leichenschauhaus.

"Aber warum fahren sie dann nach München?", fragte die Dame.

"Weil wir nach Hamburg fahren.", wagte Zobalt einzuwenden.

Eigentlich waren die Herren froh darüber, daß jetzt diese Dame mit ihnen im Abteil saß, denn sie erhofften sich schon, Sie würde sie von ihrer anstrengenden Plauderei irgendwie ablenken, angenehm ablenken.

Die Frau erzählte aber nur von ihren Tieren, die sie in all ihren charakterlichen Ungereimtheiten mit der Unvollkommenheit ihres Mannes zu vergleichen versuchte.

Jetzt waren sie schon drei vom gleichen Schlage.

Als dann in Hannover eine vierte Person, Namens Peter Nietzsche auf diese Ansammlung närrischer Geister stieß, schien der Komplott perfekt.

Dieser Nietzsche dachte nun sehr spitz. er war wie ein Landwirt des Geistes, der alles umpflügte, was ihm hinter die Hypophyse geriet.

Er versuchte zunächst Ordnung im Abteil zu schaffen, indem er Frau Van den Brenk ordentlich übers geschwätzige Maul fuhr. Nachdem er die Hundeleine des Pekinesen an dessen Halsband befestigt hatte, knotete er das andere Ende der zierlichen Schnur an einen Kleiderhaken und warf das winselnde Tier aus dem Fenster.

"Der Hund kommt erst zurück, wenn Sie mir versprechen, in Zukunft nur noch nach Aufforderung zu reden, damit das klar ist!", brüllte er die entsetzte Frau an, als sei ein greller Blitz in ihn gefahren.

"Und Sie, ja, Sie, - bitte schielen Sie mich nicht so an!" Mit diesen Worten wandte Nietzsche sich in Schritt zwei, an den Herrn mit den Läusen im Bart. Die Flasche fand das gleiche Schicksal. Es traf sie jedoch ungleich härter, da Nietzsche in diesem Fall keinerlei Schnur angebracht hatte.

Frau Van den Brenk weinte, der Herr mit den Läusen weinte, nur einer weinte noch nicht, Zobalt.

Dieser Zobalt war Nietzsche von der ersten Sekunde an nicht geheuer. Bei ihm wollte sich auf den zweiten Blick aber nun auch gar kein Mangel feststellen lassen.

Als sich bei ihm, selbst nach mehrminütiger Begutachtung, nicht ein Anlaß zur Beanstandung finden wollte, ließ sich Nietzsche sogar dazu herab, Zobalt zu begrüßen.

"Ihre Krawatte hängt schief. - Nietzsche, Peter Nietzsche, nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Philosophen; angenehm."

Mit dieser Äußerung schlug er Zobalt wuchtig auf die Schulter. Der Liegesitz sprang in Stellung NACHT, wodurch die Dame zwischen den Sitzen eingeklemmt und Zobalt auf deren Schoß geschleudert wurde. Gott sei dank fingen die monumentalen Brüste der Dame den Aufprall zugunsten beider weich auf, so daß letztendlich nur Frau Van den Brenk an den Beinen leicht verletzt wurde. Das linke Bein war blau, ihr rechtes violett angelaufen. Mit der Zeit wuchsen ihre unteren Extremitäten zur Ballongröße heran. Aus weiter Ferne hörte man verzweifeltes Hundegebell ins Abteil dringen. Der Herr mit den Läusen hatte den Scheitelpunkt seiner hochphilosophischen Phase überschritten und schien bereits ins Delirium gefallen zu sein. Er er hielt die Augen fest geschlossen, und sein Kopf zitterte ähnlich dem eines Buntspechtes, der gerade dabei ist, sein gemütliches Nest in den Baum zu bohren.

Nur dem beherzten Eingreifen Nietzsches war es letztendlich zu verdanken, daß die Situation im Abteil sich wieder normalisierte.

Gelangweilt ergriff er den Hebel der hydraulischen Sitzverstellapparatur, um diesen so schnell als ihm nötig dünkte in Stellung TAG zu bringen.

Und als das, nach zwanzig, dreißig Minuten erwartungsvoller Spannung endlich geschah, war sofort alles wieder beim Alten. Herr Zobalt saß wieder brav auf seinem Platz, Frau Van den Brenks Schwellung verflüchtigte sich in einem Tempo, als würde man die Luft aus ihren Ballonen lassen, ja selbst das tote Hündchen fing Nietzsche ein, als wäre nichts dergleichen geschehen.

"Was haben Sie da gemacht!", schrie Zobalt.

"Ich habe die Zeit zurückgedreht", erwiederte Nietzsche. Ich kann nämlich bereits Geschehenes wieder ungeschehen machen wie sie gerade gesehen haben. Sie sitzen noch auf Ihrem Platz, Frau Van den Brenk ist noch nicht eingeklemmt und der Hund ist auch noch im Abteil. Ich habe Sie also gelehrt, in die Zukunft zu schauen. Nun wissen Sie schon, was gleich geschehen wird."

"Aber der Hund", widersprach Zobalt. "Das Tier ist tot."

"Das ist egal", entgegnete Nietzsche trocken. "Der Hund wird sowieso gleich sterben, das sieht ja ein Blinder im Krückstock."

"Wie kann aber ein Hund noch sterben, der bereits gestorben ist?", fragte Zobalt während er sich im Nacken kratzte.

"Nun, das wird womöglich daran gelegen haben, daß der Hund sein baldiges Ableben erahnt hat und deswegen vielleicht schon etwas früher gestorben ist, als er eigentlich sollte. Eine derartige Gewissheit vom Zeitpunkt des eigenen Todes, gab ihm vielleicht die Kraft,diesen Zeitpunkt frei zu bestimmen. Die Gegenwart ist oft nur ein Schatten, der aus der Zukunft strahlt und sich verschwommen auf unsere Häupter legt."

Frau Van den Brenk beugte sich über ihren kleinen, vom Fahrtwind arg zerfetzten Liebling. Sie konnte noch immer nicht fassen, was gleich geschehen würde. Wie gerne wäre sie Nietzsche jetzt schon an den Hals gesprungen, wie gerne hätte sie diesem Realitätsverdreher unverzüglich das Maul ein für allemale gestopft?!

Hatte sich der Kleine nicht gerade bewegt? Doch doch, Frau Van den Brenk hatte es genau gesehen. Noch durfte sie Nietzsche also keinen Vorwurf machen. Dafür, daß sie es dennoch tat, ging sie hart mit sich ins Gericht.

Ein Wehklagen, das etwas Irres an sich hatte, überkam diese Frau. Nicht glauben zu dürfen, was sie sah, brachte sie an den Rand des Wahnsinns.

Unterdessen war der Herr mit dem leichenhaften Gesicht aus seinem Koma erwacht. Zumindest tat er während der letzten zwanzig Minuten so, als ob er aufmerksam zuhörte. Nachdem dann das verbale Schweigen einem nonverbalen gewichen war, erhob er sogar sein Wort:

"Wer sich nicht wehrt, der lebt verkehrt junge Frau. Ihre Feigheit hat ja geradezu etwas Symbolträchtiges. Wohin wollen Sie noch fliehen?"

"Feigheit entspringt eher einem Unvermögen, das man nicht tadeln, sondern zu verstehen versuchen sollte.", entsprang es Nietzsche daraufhin, womit er Frau Van den Brenk in ihrem Elend keineswegs trösten wollte.

"Der Feigheit Ursprung ist die Unterdrückung, und die Unterdrückung ist wiederum Ursprung der Macht.", sagte Zobalt. "So gesehen wächst schließlich, notwendig, das auseinander, was eigentlich zusammen-gehört, oft sind es sogar Familien, die sich mit den Jahren erfolgreich zerdrückt haben."

"Mein Vater starb schon früh." , sagte der Herr mit dem Bart. "Er hinterläßt eine Schneise der Verwüstung in mir, die klares Denken unmöglich macht, was in der freien Wirtschaft offenbar sehr erwünscht zu sein scheint. Mein Mütterlein hingegen, bittet standesgemäß zur mittäglichen Tafel, als sei nichts geschehen. Sie sagt, mit meinen 40zig Jahren sähe ich aus wie ein Schönling kurz vor dem Stimmbruch. Eine entfernte Tante, die mich vor 38 Jahren zum letzten mal gesehen hatte, konnte das nicht bestätigen. In ihren Augen hing ich noch immer an der Flasche. Daß ich mich gut und ganz und gar zu meinem unbedingten Vorteil entwickelt hätte, meinte auch Onkel Franz, sowie dessen Frau, die sich, als Tante getarnt, das Bild von der heilen Welt bewahren wollte. Bisweilen zog ich Fratzen, oder stellte mich bevorzugt beim Kaffeklatsch auf den Kopf. Die Verwandtschaft lachte, daß ihnen der Eisgrillasch vom Teller sprang. In diese Zeit datiere ich das Ende meiner natürlichen Scham.

Ich war auf dem besten Wege dabei, Schaden an dieser Welt zu nehmen und gleichzeitig davon überzeugt, ihr allein durch meine bloße Anwesenheit zu schaden. Über ihren Spott konnte ich dann beim besten Willen nicht mehr lachen. In diese Zeit datiere ich den Ursprung meiner Nachdenklichkeit.

Schließlich galt es, Nägel mit Köpfen zu machen. Andere sprachen von einer Tugend aus der Not. Nicht zuletzt aus diesem Grunde, mangelt es mir heute auch nicht an Ausreden und hochgeistiger Faselei, - ein "Schönredner" bin ich geworden. Ich schäme mich für alle, die vorgeben, glücklich zu sein, bah, was schäme ich mich für die!

Vorwürfe, die sich aus diesem Verhalten vielleicht ergeben könnten, stelle ich allerdings außen vor, so daß letztendlich das dringende Bedürfnis zum Widerspruch erhalten bleibt, weswegen ich ihr bis heute nicht in die Augen schauen kann. Wer schreit schon gerne eine schwache Frau an, der eigentlich dringend geholfen werden müßte? Ich könnte es auch gar nicht, obwohl ich dieses dringende Bedürfnis dazu verspüre, für das ich mich täglich lügend strafe.

Einmal hatte ich einen schweren Traum. Ich hatte sie umgebracht, erstochen mit einem Zwiebelmesser. Ich tanzte barfuß in ihrem Blut und sang das Lied von der Erlösung des Bösen durch das Böse. Ich sank auf die Knie, ich küßte sie. Sie tat mir so leid. Ich weinte und lachte gleichzeitig. Nie empfand ich die Verschmelzung gegenteiliger Gefühle derart intensiv wie in diesem Traum. Gott sei dank erwachte ich eines Tages in diesem Abteil. Mag sein, daß ich heute noch träume. Zumindest wünschte ich es mir.

"Sie sprechen mir aus dem tiefsten Inneren", entgegnete Nietzsche, während er sein Hemd nervös in die Hose zu stecken versuchte. Wie gerne würde ich Reue zeigen, für das, was ich tat, wie gerne würde ich mich, im gleichen Atemzug, dafür rächen, was man mir einst antat. Obwohl ich weiß, wie sehr diese Sichtweise doch eigentlich lähmt, kann ich nicht anders handeln. Ich betrachte mich als Opfer einer jahrtausende alten Tradition, deren Ursprung auf die Büffelljagd mit Pfeil und Bogen zurückgeht. Ich muß also schon tot gewesen sein, bevor Kain seinen Bruder Abel erschlug, ich muß also Eva geküsst haben, bevor sie das Paradies verließ. Ich muß also schon gelebt haben, bevor ich diese Zeilen schrieb."

Bremerhafen, diese Stadt mit ihren offenen Schloten und Kränen. Wer aus dem Fenster schaute, der mußte, zwangsläufig, überwältigt sein von diesem irrsinnigen Treiben, hinter dem, glutrot, eine Sonne fast malerisch im Meer versank.

Kleine, unbedeutende Orte, wurden von dem Zug überrollt, als wäre nichts gewesen. Der Herr mit dem Bart schaute ihnen nach, solange es ging.

"Die Fahrkarten bitte! Bitte die Fahrkarten!", so stach schließlich ein Mann, nicht größer als eine Streichholzschachtel hervor, wobei das Holz der Bahn gehören zu schien, hingegen er den Fahrgästen wohl nur einen Streich spielen wollte. Wie üblich ließ dieser Winzling Gnade vor Recht walten, ein Umstand, der beruhigte, da er die Meute zusammenhielt, indem er zum Beispiel den Mann mit dem Bart, aus einer gewissen Gewöhnung heraus, schon gar nicht mehr sah.

"Hamburg, diese großartige Stadt!", schrie der Schaffner. "Hamburg, das Tor der Welt. Gleich sind wir da."

"Aber ich will doch nach München!", sagte Frau Van den Brenk. "Mein Freund Zobalt möchte das doch auch."

"Dann müssen Sie in Altona umsteigen.", entgegnete das Streichholz beherzt und erlöste eine Karte, die bis nach München reichte.

"Ich komme aber von Köln!", sagte die Dame nochmal laut, so daß alle es hören konnten.

"Ja und?", sagte der Schaffner. "Meine Mutter ist eine gebürtige Wienerin. Der Weg ist das Ziel. >Abdomen nostos est<, was immer das auch heißen mag. Insofern betrachtet, könnte München auch Hamburg sein, oder Mainz vielleicht Frankfurt oder Schleswig. Wo kein Wille, da ein Umweg".

"Ich komme, persönlich, auch nicht aus Hamburg, - ich komme aus Kleve am Niederrhein," piepste die Dame, während ihre rechte Hand gewichtig durch Ihre Dauerwelle fuhr.

"Kleve, ach ja. Kleve ist mir, verkehrstechnisch, natürlich bekannt. Wabe 311, Zahlgrenze 3, Preisstufe 7.", sagte der Schaffner und klopfte sich stolz auf den Kopf, der sich damit zu entzünden drohte.

"Von Köln aus, oder von Hamburg?", fragte Frau Van den Brenk, während sie ihrem toten Pekinesen durch rhythmisches Zupfen an der Leine etwas Bewegung verschaffte. Das Tier war, wie man wissen sollte, mehr als erkältet. So tat ihm diese Strangulierung auch mehr als nur gut, zumal sie unerwünschte Körpersäfte im Magen des Tieres band.

"Ein schönes Tier haben Sie da.", sagte der Schaffner. "Es bellt gar nicht, es es strengt sich gar nicht an, etwas zu werden."

"Genügsamkeit ist eben eine Tugend, die erlernt sein will.", erwiederte Frau Van den Brenk.

"Dieser Preis gilt natürlich nur örtlich.", sagte der Schaffner. "Schulstraße, - Emmericher Straße: Zwei Marksiebzig. Ein stolzer Preis für kurze Strecke."

"Ich bin auf der Schulstraße zu Hause.", sagte Frau Van den Brenk.

"Dann macht das 198 Mark bis nach München.", sagte der Schaffner

"Und von Köln aus?", fragte frau Van den Brenk.

"Von Köln aus natürlich in etwa nur die Hälfte."

"Aber, ich komme ursprünglich aus Köln und wollte nach München.", sagte die Frau.

"Sie haben mir doch gerade erzählt, daß Sie aus Kleve stammen." , sagte der Schaffner.

"Ja, ich stamme aus Kleve, wohne in Köln und wollte eigentlich nach München befördert werden. Insofern haben Sie natürlich recht."

"Alle Wege führen nach Rom.", sagte der Schaffner um Frau Van den Brenk zu trösten.

"Aber ich will doch nach München!", vertrat Frau Van den Brenk nochmals energisch ihre Ansicht, irgendwie doch noch auf direktem Wege dorthin zu gelangen.

"Das ist Ihnen dann wohl gründlich mißlungen.", sagte der Schaffner, ohne auch nur eine Miene zu verziehen, während Frau Van den Brenk allerdings vorsichtig mit der Wimper zu zucken wagte.

"Man lernt halt nie aus", entgegnete Zobalt, - ich kenne beispielsweise Menschen, die sich 150zig-jährig im Massengrab noch die Gebeine brechen lassen, nur weil sie nicht realisieren, daß sie bereits gestorben sind."

"Manchmal leben diese Skelette aber noch, " zwitscherte der Herr mit den Läusen der Morgendämmerung geradewegs entgegen.

"Eigentlich müßten sie ja tot sein", versuchte Nieztsche wie üblich seine sanierte Pointe treffend zum Feiertagswochenende an die Mannen zu bringen.

"Was ist schon ein kleiner Hund aus Haut und Haaren, wenn er nach Jahren außergewöhnlichster Verwöhnung kurz nach Ablauf der Garantiezeit seinen Geist aufgibt?

Diese edelen Tiere sind gewiss nur eine Last, man hat für sie zu bezahlen!

Steuer, Kot und Lärmbelästigung verwirren den Liebling doch oft mehr als ihre Herrschenden es zugeben möchten, - Ansprüche, die aus sich aus dem merklichen Ende dieser Eingeständnisse(da sie meist unausgesprochen sind), vielleicht ergeben, enden heutzutage oft mit dem geneigten Tode zu Ungunsten des treuen Tieres, eines Wesens also, welches doch nie das werden wollte, was man sich von ihm versprach."

Frau Van den Brenk richtete sich auf. Dann nahm sie den Kadaver und strangulierte ihn vor den Augen der Öffentlichkeit, daß man fast glaubte, ihn plötzlich wieder röcheln zu sehen.

"Sie glauben gar nicht, wie sehr Sie mir geholfen haben," sagte die Dame. "Sie haben mich von einer schweren Last befreit, die mir seit meiner Geburt am Rockzipfel hing. Was tat ich nicht alles dafür, mein kleines Hündchen glücklich zu machen. Zwei mal pro Woche ging es zur Dauerwelle. Einmal im Monat wurde Fett abgesaugt. Während es scheinschwanger war, ließ ich ihm die Brüste vergrößern, und als es Hunger hatte, aß ich ihm alles weg. Seltsam allerdings war, daß, je öfter ich es demütigte, es um so anhänglicher wurde. Andererseits verbiß es sich gerne in teuere Teppiche und bellte sogar die Elefanten im Zoo in ernsthafter Absicht an, solange diese durch einen deutlich sichtbaren Graben von ihm getrennt waren. In die Welt konnte man das Tier nicht lassen. Es brauchte die Leine, um sich durchzusetzen. Hatten wir einmal Besuch, dann verkroch sich das Tier zum Abruf bereit. Ich glaube nicht, daß ihm die dekorative Schleife aus reiner Seide, die wir ihm zu derartigen Vorzeigefesten zur Verzierung fest um sein Maul banden, sehr schmerzte. Wenn es dann endlich gerufen wurde, was für das Hündchen wie ein großer Auftritt war, trabte es im allgemein anerkannten Dressurschritt in die Stube und wurde zu meinem Stolz ausgiebig gefeiert. Das paradiesisch anmutende Schweigen meines Hündchens war es schließlich, daß die Herzen meiner Gäste immer wieder zu brechen vermochte. Allein die sterbliche Hülle des Hündchens zu sehen und zu begrapschen, machte selbst exotischen Gästen großen Spaß, zumal diese oft ganz anders fühlten, als das Hündchen selbst es zu Lebzeiten je getan hätte."

"Das Tier gehört ausgestopft", sagte der Herr mit den Läusen. "Es hat einen enormen Erinnerungswert, keine Frage. Das Tier gehört durch Staatsakte gefeiert und auf Münzen geprägt. Ihm gebührt das Verdienstkreuz am Bande."

Zobalt faßte sich an den Kopf: " Mein Gott, der Markt ist ja offen!", entsprang es ihm. "Mich selbst zu vermarkten, selbst wenn es Sinn machte, möchte ich aber nicht, auch wenn ich es könnte, und da ich mich in diesem Leben bisher nicht selbst finden durfte, so halte ich mich wohlweißlich zurück und lasse lieber Andere mich überrennen, bevor ich einen Fehler mache, der mir vielleicht irgendwann zum Nachteil gerät."

"Ich kam schon als Fehler auf diese Welt", sagte Nietzsche. "Nachteile in meiner Entwicklung ließen sich durch die emphatische Begleitung einiger Weniger, dem Leben Entrückter, wenn überhaupt erst später, nur qualvoll nachweisen, aber niemals ließen sie sich schlüssig "beweisen", da der Charme meiner Eltern in seiner Taktloisigkeit, mich doch sehr prägte und in der Folge nicht mehr los ließ, ganz so wie bei einem Serienmörder, der schließlich auch nur ausdrücken möchte, was ihm einst geschehen ist. Ich kann daher jedem potentiellen Mörder (sofern er sich dies eingesteht), nur raten, mit Stift und Feder tätig zu werden, bevor das, was verschwiegen werden muß, sich nicht plötzich wirklich zeigt.

Aber das ist doch bloß ein Ausweg!", schrie Zobalt. Soll ich denn jemand töten?

"Niemals kann Lösung sein, was Ausweg ist", bestätigte Nietzsche mit erhobenem Zeigefinger, daß die Spatzen von den Bäumen fielen und die Uhr plötzlich zwölf Schlug.

"Ich bin müde", entsprang es Nietzsche. "Ich bin wie eine alte Eiche, deren Blätter lyrisch vom Winde gezaust werden. Dieser Frühling, dieses Licht. Nichts kann mich stärker blenden. Nichts möchte mich mehr befreien als der Ruf nach einer starken Kraft, die endlich wieder Ordnung in diese Welt bringt."

"So reden höchstens die Geister der sterbenden Generation.", sagte der Mann, dem die Läuse jetzt wild aus dem Bart zu hüpften.

"Es sind dies oft Beter vom alten Schlage, die ihren frühen Tod in Hymnen Preisen. Diese Beter sind es auch, die nachmittags verstohlen in Hauseingängen stehen, mit ihrer apokalyptischen Zeitschrift in der Hand, die schmierige Finger erlösend zu verbergen trachten. Diese Beter sind mir seit jeher ein Stein des Anstoßes gewesen und über sie kann ich mich leider nicht so recht amüsieren, da diese Menschen in meinen Augen definiert gegen sich kämpfen. Eine Auslagerung des "Bösen" ist nun mal leider nur auf spirituellem Wege möglich.

So frage ich mich denn ernsthaft, welche Aufgabe diese Zeitschrift-verteilenden Damen denn eigentlich haben, - wenn niemand ihnen zuhört, sie oft öffentlich verlacht oder sogar bespuckt werden. Welcher Gott hält sie auf der Straße?"

"Ich kann in diese Damen hineinschauen", sagte Zobalt, - "bitte glauben Sie mir auch, daß mir diese Fähigkeit zuteil geworden ist, obwohl ich nur ein Mann sein kann."

"Männer und Frauen sind in dieser Hinsicht gleich", sagte Frau Van den Brenk. "Schützt denn ein großer Penis vor heillosem Unglück? Kann eine silikonverschmierte Brust die Männer herbeilocken? Der amerikanische Wasserbüffel scheißt doch auch erst einen mächtigen Haufen, um seiner Angebeteten zu imponieren. Insofern betrachtet, kann Silikon nur eine Kopie der Natur sein, wenn Sie verstehen, was ich meine."

"Wir sind ja bei Ihnen", erwiederte Nietzsche. "Sie brauchen sich nicht so anzustrengen. Für einleuchtende Deutungen sind wir allzeit dankbar. Wir lassen wirklich jeden außen vor stehen. Ein Außenseiter steht immer im Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion. Er ist allseits bekannt. Er kann sich kaum aus dem Haus wagen. Die Stadt schaut verächtlich auf ihn herab, weil sie nicht versteht, daß er so anders ist."

"Aber die Stadt braucht gerade ihn so dringend", entgegnete Zobalt. " Ja, sie mißbraucht ihn regelrecht, und er tut es ihr gleich, eben weil er so anders ist."

Mit diesen Worten fiel Zobalt, seiner unmaßgeblichen Meinung nachgebend, Frau Van den Brenk fast freiwillig in die Arme. Vorbehalte, die sich dieser Situation jedoch zwingend aufdrängten, schmerzten ihn sehr.

So hätte es sein können, so war es aber nicht.




zurück | Kurzgeschichten | Schnipsel | Gedichte