DAS UNWETTER



Unwetter Nun, wenn Sie mich fragen, ich habe lange nicht mehr ein solches Unwetter erlebt. Es regnet seit Tagen wie aus Kübeln. Ein Wind ist das, der einem die Ohren vom Kopf reißt. Die Straßen haben sich in Flüsse verwandelt. Von den Bergen stürzen sich die Wassermassen hinab ins Tal.
Neunzehnhundertvierundzwanzig, da soll es mal ähnlich gewesen sein, hat mir mein Großvater erzählt.
Damals hatte man noch wenig Erfahrung mit Unwettern. Man konnte sie weder vorhersagen noch damit umgehen. Die Leute ertranken reihenweise selbst in Pfützen. Andere wurden von Blitzen erschlagen, weil der Ableiter noch nicht erfunden war. Einige blies der Sturm ins benachbarte Ausland. Man hat sie nie wieder gesehen. Darüber können wir heute nur lachen. Erst ab Windstärke zwölf macht uns das Segeln auf der Nordsee richtig Spaß. Es können gar nicht genug Blitze aus dem tiefschwarzen Himmel fahren, während wir uns auf freiem Feld unter einem einsamen Baum zum Picknick niederlassen. Die Zeit der Angst und Panik ist endgültig vorbei. Wir brauchen die Herausforderung, das bißchen Natur haben wir längst fest im Griff. Wie sich die Zeiten doch ändern.

Für meinen Großvater ist die Natur noch etwas Unheimliches. Besonders die Wechsel der Jahreszeiten machen ihm psychisch schwer zu schaffen. Während der Kirschblüte hält er sich zumeist im Keller versteckt. Diese plötzliche Veränderung der Bäume, vom Astgewirr zum Bütenmeer, kann er bis heute nicht begreifen.

Großmutter ist da ganz anders. Sobald die ersten Knospen der Kirschblüten zu sprießen beginnen, legt sie ihr Kirschblütenfarbenes Korsett an, um mit ihren Enkeln zum Kirschblütenpflücken zu gehen. Sie hatte schon als Kind keine Geduld. Tja, so ist das nun mal mit den alten Leuten. Sie kommen aus einer Welt, die wir nicht begreifen, hingegen sie sich in einer Welt befinden, die sie nicht mehr verstehen. Was solls, wir können die Zeit nicht anhalten, sie schreitet fort, von Sekunde zu Sekunde, von Jahrtausend zu Jahrtausend. Wer weiß wie die Welt aussieht, wenn wir einmal alt und grau sind. Gestern habe ich davon geträumt.

Es war ein lauer Sommertag. Ich ging auf einem Acker spazieren. Plötzlich schoß vor meinen Augen eine Pflanze in die Höhe. Es schien sich, den Blättern nach, um eine Tomatenstaude zu handeln. Eine solch große Tomatenpflanze hatte ich noch nicht gesehen. Mit einem mal begann die Pflanze kleine rote Früchte auszubilden, die in Windeseile zur Kürbisgröße heranwuchsen. Tatsächlich, es waren Tomaten, riesige Tomaten. Die hatte ich auch noch nicht gesehen. Bei dieser einen Pflanze blieb es aber nicht. Der Acker begrünte sich unglaublich rasch. Bald war ich von tausenden Riesentomatenpflanzen umgeben. Eine Tomate fiel aus großer Höhe herunter, stülpte sich über meinen Kopf und nahm mir die Sicht. Die Tomate schmeckte nach Ketchup. Nur mit Mühe gelang es mir, die Frucht vom Kopf zu reißen. Sie war schwer wie Blei. Ich schaute mir die etwas verbeulte Frucht genauer an. Nach einigem Drehen und Wenden fand ich auf ihrer Oberfläche einen Schriftzug, der wie eingewachsen aussah. Was stand da? Ich traute meinen Augen nicht. Dort stand groß: "HEINZ -American Class A Ketchomato." Vorsichtig tastete ich den Schriftzug mit meinen Fingern ab. Als ich darauf drückte quittierte mir das die Tomate mit einem elektronisch anmutenden Piepton. Kurz darauf spuckte sie einen kleinen Zettel aus, auf dem anscheinend genaueste Angaben zu Alter, Gewicht, Kaloriengehalt etc. standen. Ich las etwas wie Kilojoule oder Netweight. Das war ja eine tolle Sache. Während wir in der Vergangenheit pro Woche vielleicht drei oder vier Tomaten aßen, kam man hier in der Zukunft mit einer einzigen Tomate bestimmt einen ganzen Monat aus. Auch gehörte selbsttätige Datenerfassung der Pflanzen längst zum Alltag. Man wußte also genau, was man aß, -ein großer Vorteil, den vermutlich nicht nur Diabetiker zu schätzen wußten.
Ich weiß nicht mehr ob es Neugierde oder einfach nur kindliche Naivität war, die mich dazu veranlasste, ein zweites mal auf den Schriftzug zu tippen. Die Tomate reagierte darauf zunächst wieder mit ihrem so typischen Piepston. Kurze Zeit später spuckte sie eine Flasche aus und füllte sich selbsttätig ab. Deckel drauf und fertig sozusagen. Unglaublich aber wahr. In welchem Jahrhundert befand ich mich? Das interessierte mich ungemein, zumal die Flasche mir auch fünf Mark zwanzig aus der Tasche zog. Handelte es sich hierbei vielleicht um eine Art des "Direct-Bankings", frei nach dem Motto "watch it, feel it, buy it"? Nun, ich hatte gesehen, wie das Produkt heranwuchs, ich hatte es gefühlt, als es sich über meinen Kopf stülpte, aber kaufen wollte ich den Ketchup nicht. Es bestand überhaupt keine Veranlassung dazu. Was wollte ich hier mit einer Flasche Ketchup anfangen ? Da ich ja nur Gast in der Zukunft war, steckte ich die Flasche Ketchup, dabei kaum murrend, ein. Wie auf ein geheimes Zeichen hin, begannen die Pflanzen von einer Sekunde auf die andere, in kürzester Zeit zu welken. Bald befand ich mich inmitten eines berghohen Komposthaufens, alleine, verloren, mit einem halben Liter Ketchup in der Tasche, von dem ich mich am Leben hielt. Nach einer dreiwöchigen Odyssee kreuz und quer durch den Haufen, gelang es mir endlich, die Oberfläche zu erreichen. Der Ausblick, der sich mir hier vom Gipfel des Berges bot, entschädigte mich tausendfach für die harte Arbeit.

In westlicher Richtung breitete sich vor mir ein breites, von mächtigen Baümen dicht bewachsenes Tal aus, das einem Dschungel glich, der sich am Horizont verlor. Im Osten sah ich eine Wiese, auf der langhälsige Saurier friedlich ästen. Schwärme von riesenhaften Fledermäusen schattierten stimmungsvoll die tiefe Bläue des Himmels. Im Süden entdeckte ich eine Art Hüttendorf, über dem Schwaden von Rauch hingen. Die Hütten schienen also noch bewohnt zu sein. Dorthin machte ich mich auf den Weg. Ich war gespannt was man mir über die großen elektronischen Tomaten erzählen würde.
Der Weg dorthin war lang und beschwerlich. Oft sackte ich tief in den Kompost ein, oft trat ich auf meine viel zu langen Schnürsenkel. Schon von Weitem winkten mir einige seltsame Gestalten Keulenschwingend zu. Solche Leute hatte ich mal im Duisburger Zoo gesehen, im Affenhaus. Als sie sahen, daß ich auf zwei Beinen ging, stoben sie wild auseinander und verloren sich schnell im Dickicht des Dschungels. Da ich, wie bereits gesagt, aber nur Gast hier war, beeindruckte mich das Begrüßungsritual dieser Leute nicht im Geringsten. Andere Länder, andere Sitten. Dieses Sprichwort bewahrheitete sich hier aufs Neue. Ich marschierte schnurstracks auf die Hütte des Dorfhäuptlings zu. Ich wußte natürlich nicht, ob die Hütte, die ich mir als die des Häuptlings ausgeguckt hatte, auch wirklich die Hütte des Häuptlings war, aber ich war mir doch einigermaßen sicher, daß sie es sei. Es war die größte Hütte hier im Dorf, ihr Dach war, im Gegensatz zu allen anderen Hütten, feinst geknüpft in edlem Hanf. Den großräumigen Eingangsbereich flankierten aufwendig gestaltete, blinkende Lichterketten. Vor dem mächtigen Eingangsportal stand ein ebenso mächtiger Dinosaurier. Der sorgte wohl dafür, daß nur auserwählte Geschöpfe Zugang zur Häuptlingskammer erhielten. Als mich der wachhabende Saurier entdeckte, gelang es ihm nur unter Mühen seinen langen Hals in meine Richtung zu bewegen, ein Hals, dem auch ein winziger Kopf angewachsen war, in dem sich sogar zwei Augen sowie ein Gehirn befanden.
Mit dem wachhabenden Saurier war ich schnell fertig. Durch einen gezielten Schlag mit meinem Regenschirm auf dessen Kopf, gelang es mir, sein Gehirn in zwei Teile zu spalten, wodurch er seine Koordinationsfähigkeit vollends verlor, mich nur noch sehnsüchtig anschaute, um mir dann, zum krönenden Abschluß, einen feurigen Kuß auf meinen, von verhärtetem Ketchup übersäten Mund zu geben, ein Umstand, der mir äußerst peinlich war. Aber, wer rechnet schon damit, am hellichten Tag von einem Dinosaurier geküßt zu werden, zumal das noch in aller Öffentlichkeit geschah.

Während sich der gespaltene Saurier friedlich hinlegte, versuchte ich mir, durch energisches Klopfen, Einlaß in die Hütte des Häuptlings zu verschaffen. Nach fünf Minuten heftigsten Pochens gegen das mächtige Eingangsportal, begann sich drinnen etwas zu regen. Das Portal öffnete sich knarrend einen Spalt breit. Ich schaute bald direkt in das Gesicht eines treutriefenden, uralten Orang Utans, der in akzentfreiem Hochdeutsch, überfreundlich nach meinem Verlangen fragte. So fern von der Heimat war ich wohl doch nicht. Als ich ihm mein Verlangen vortrug, begann der Orang Utan ein Gelächter, wie ich es selten zuvor gehört hatte. "So so, sie wollen also den Häuptling sprechen," hob er an, "ha ha!, den Häuptling, will er sprechen, sagen Sie mal, von welchem Stern kommen Sie, Sie sind nicht von hier, das merkt ein Blinder im Schlafrock, daß sie nicht von hier sind, aber kommen sie doch erst mal herein, vielleicht kann Herr Bitterfeld Ihnen weiterhelfen".
Aha, der Affe schien nicht alleine hier zu hausen, es gab noch einen Herrn namens Bitterfeld. "Gut gut", erwiderte ich, "dann bringen Sie mich bitte zu diesem Herrn Bitterfeld". Der Orang Utan öffnete das Portal und ließ mich passieren. "Erste Etage, zweite Tür links", warf er helfend ein. Es schien sich bei ihm um eine Art Butler oder Hausmädchen zu handeln. Ich bedankte mich so freundlich wie es mir möglich war, und begab mich auf die erste Etage.
Die Zweite Türe links hatte der Butler mir gesagt, aber durch die zweite Türe links ging es in die Toilette. Nun, vielleicht war Herr Bitterfeld ja gerade auf der Toilette. Ich klopfte dort an. "Herein", sagte jemand. Nun, gesagt, getan, ich öffne te die Türe und ging hinein. Ein kleiner Wicht mit einer starken Brille auf der Nase trat mir sofort entgegen. Er schüttelte mir kräftig die Hand. "Bi-bi-Bitterfeld mein Name, m m mitt wweem habb i i ch d ddiee Ehre?" Ich stellte mich ihm zunächst ausgiebig vor. Dann versuchte ich ihm klarzumachen daß er mir klarmachen sollte, was das hier alles zu bedeuten hätte, die seltsamen Tomaten, die sich selber abfüllten, die Dinosaurier, die doch eigentlich längst ausgestorben waren, der höfliche Orang Utan, der sogar der deutschen Sprache mächtig war.

Bitterfeld hörte mir erstaunt und mit einem fragenden Ausdruck auf dem Gesicht zu. Nachdem ich meine Ausführungen beendet hatte, bot er mir einen Platz auf Schüssel drei an. Wie selbstverständlich verlangte er von mir die hierfür wohl üblichen fünf Mark Gebühr. Da ich mich hier immer noch nicht zu Hause fühlte, bezahlte ich den Betrag, ohne mit der Achsel zu zucken. Bitterfeld plazierte sich direkt neben mich auf Schüssel zwei, so daß wir uns, durch eine Wand hindurch gut unterhalten konnten Ich wußte nicht weshalb er das tat, -vielleicht wollte er anonym bleiben, wer weiß, was er mir zu erzählen hatte. Er leitetete das Gespräch aüßerst unkonventionell ein, indem er zunächst merkwürdigste Geräusche produzierte,die mit einem beißenden Geruch einhergingen: "Sie müssen entschuldigen, aber ich habe schon seit einer Woche schrecklichen Durchfall", hob er an. "Aber das macht doch nichts Herr Bitterfeld," beschwichtigte ich ihn. Mir war ganz schlecht von dem Gestank, auch tränten mir die Augen ich es selten zuvor erlebt hatte. Er hatte also Durchfall der arme Kerl. Seit einer Woche zwang ihn sein Gebrechen, auf der Herrentoilette zu verweilen.
Nach einer halben Stunde betätigte er die Spülung, die Geräusche verstummten. Bald gelang es mir auch wieder durchzuatmen. Ich war so froh. Bitterfeld klopfte an die Wand, die uns voneinander trennte: "Sind Sie noch da, junger Mann?" "Aber natürlich bin ich noch da Herr Bitterfeld", erwiderte ich, aus welchem Grund sollte ich nicht mehr da sein. Ich warte sehnsüchtig auf eine Erklärung für all das, was um mich herum geschieht." "Nun", hob Bitterfeld an, "ich habe seit einer Woche Durchfall, das hatte ich Ihnen doch schon erzählt." "Nein nein, ich meine nicht ihren Durchfall, dessen bin ich mir durch aus bewußt. Was hat es mit den riesigen Tomaten auf sich, warum gibt es wieder Dinosaurier, in welchem Jahrhundert befinden wir uns? Ich habe Fragen über Fragen an Sie. Bitte beantworten Sie mir diese Fragen, bitte, Herr Bitterfeld!" "Ach so", das meinen Sie", entgegnete er daraufhin. "Wir schreiben das Jahr 2146. Die Tomaten und die Dinosaurier sind durch den Weltuntergang im Jahre 2130 zufällig entstanden. In diesem Jahr gab es eine gewaltige Explosion in einem bekannten amerikanischen Genforschungsinstitut in der Nähe von San Francisco. Hunderttausende von Ampullen mit manipulierten Genen flogen in die Luft und vermischten unkontrolliert miteinander. Einer Gruppe von Wissenschaftlern war es, trotz Verbot, gelungen die DNS von Sauriern nachzubilden. Das kam nach der Explosion natürlich heraus. In ganz San Fancisco liefen plötzlich kleine Saurier herum und suchten hilflos schreiend nach ihren Eltern, die es gar nicht gab. Eine Ampulle, in der sich Gene von Riesentomaten befanden, zerbarst. Deren Inhalt tropfte zufällig in das Gehäuse des Hauptrechners und verschmolz mit dem Motherboard. Seither gibt es so etwas wie technische Intelligenz in der Natur. Die Tomaten sind dabei besonders gut weggekommen. Durch die Freisetzung dieser Gene veränderte sich alles Leben auf der Erde von Grund auf. Die Naturgesetze gerieten arg aus dem Takt. Die Natur begann, sich, wenn auch unfreiwillig, mit der Technik zu arrangieren, ein Umstand, der, wie man bald sah, nicht nur Nachhteile mit sich brachte. Selbst die schärfsten Kritiker der Genmanipulation mutierten, im Angesicht der Ereignisse, mühelos zu wahren Gönnern dieser vielversprechenden Schöpfungsmethode. Jetzt, da sie die Schönheit des von Sauriern bewohnten Urwaldes für sich entdeckten, war es ihnen von heute auf morgen scheißegal wie der wohl entstanden war. Man sah es dem Wald ja schließlich nicht an. Sieht man mir vielleicht an, daß ich einmal eine Kloputzfrau war? Ist Ihnen das aufgefallen junger Mann?, nun seien Sie mal ehrlich."
Ich stutzte, was wollte er mir damit sagen. Hatte er an sich eine Geschlechtsumwandlung vornehmen lassen? Das fragte ich ihn.
Bitterfeld ließ zunächst einen fahren, daß die Wände wackelten. Es verbreitete sich ein erbärmlicher Gestank. Mir wurde schlecht. Ihm hingegen schien sein eigener Mief nichts auszumachen, ganz im Gegenteil, er lachte sich über den soeben getätigten Megafurz fast kaputt. "Geschlechtsumwandlung?, ach was junger Mann, so etwas wird heutzutage nicht mehr gemacht. Ich habe mich von Grund auf erneuern lassen. Früher nannte man das klonen, heute heißt das Zellfrischkur, ha ha! Es hat mir nicht geschadet, wie Sie sehen, ich fühle mich wohl und vital wie nie zuvor." "Aha, das ist ja sehr interessant," entgegnete ich, "dann ist dieser sprechende Orang Utan unten im Foyer womöglich auch durch eine Zellfrischkur entstanden?" "Aber natürlich, ja kennen Sie ihn denn nicht? Das ist der Urwaldforscher Prof. Dr. Auerhahn. Er studierte Jahrelang erfolglos das Leben dieser großen Menschenaffen in freier Wildbahn. Er liebte diese Tiere über alle Maßen, er war besessen, das Verhalten dieser hübschen Affen von Grund auf zu verstehen, und was lag da näher, als sich mit einem Orang Utan zu vermischen. Die Frischzellenkur ist heutzutage etwas ganz alltägliches. Kein Mensch wundert sich mehr, wenn er zum Beispiel von einer Katze auf der Straße oder von einem Nilpferd im Zoo angesprochen wird. In den letzten Jahren haben sich übrigens viele einsame Menschen den Körper einer Katze angeschafft. Nun konnten sie sich endlich nach einem Zu hause umsehen, in dem man sie hegen und pflegen würde. Junger Mann, ihr vor Unwissenheit strotzendes Auftreten sagt mir, daß Sie bestimmt noch nicht in der Stadt waren. Ich sage Ihnen, besuchen Sie unsere Stadt, Sie werden dort viel lernen können, Sie kleiner Fremder, ha ha!"
Mir wurde ganz mulmig in der Magengegend, nicht alleine weil Bitterfeld unaufhörlich furzte, sondern auch wegen dem, was er mir da erzählte. In die Stadt sollte ich also gehen. Dorthin wollte ich mich sofort auf den Weg machen. Ich bedankte mich recht herzlich bei meinem Informanten aus der Neuzeit und verließ die erbärmlich stinkende Halle der Erkenntnis so schnell mich meine Füße trugen.

Drei Tage und drei Nächte irrte ich durch den Dschungel. Schon nach drei Stunden hatte ich die Orientierung verloren. Der Wald war dicht bewachsen. Riesige Farne und andere Pflanzen, deren versteinerte Abdrücke ich einmal im Museum bewundert hatte, gediehen hier wie selbstverständlich. Aber eine Stadt, die gab es hier wohl nicht. Hatte Bitterfeld mich belogen? Nun ja, vielleicht hätte ich ihn nach dem Weg fragen sollen, das hatte ich, vor lauter Aufregung und Übelkeit ganz vergessen. Nichts desto trotz setzte ich meine Suche fort, nichts und niemand konnte mich daran hindern, diese Stadt zu suchen. Ich ging immer geradeaus, Richtung Norden. Nur hin und wieder traf ich auf Spuren, die ich hinterlassen hatte. Eine dieser Spuren führte seltsamerweise in eine Richtung, die ich noch gar nicht beschritten hatte. Diesen Spuren beschloß ich zu folgen.
Nach einigen Wochen bemerkte ich, daß sich meine Spuren mehrten. So nach und nach entstand eine regelrechte Schneise im Dickicht, die mir das Fortkommen erheblich erleichterte. Ich ging doch nicht etwa im Kreis? Nun, es fiel mir schwer, das zu glauben, aber ich war tatsächlich die ganze Zeit im Kreis gegangen. Nachdem ich mir das endlich eingestanden hatte, wechselte ich die Richtung. Ich verlor mich schon bald in dichtem Unterholz. Das Vorankommen war mühsam, aber ich kam jetzt wenigstens weiter.

Schon nach wenigen Minuten hörte ich ganz deutlich die Geräusche laufender Motoren, bald sah ich in der Ferne auch Lichter, einige starr und andere, sich fortbewegend. Eine halbe Stunde später fand ich mich als Anhalter am Rande einer verkehrsreichen Schnellstraße wieder. Die Gepflogenheit, als Anhalter zu reisen, schien man hier allgemein nicht zu kennen. Zwar hielten des öfteren Fahrzeuge an. Man beschimpfte mich aber, oder stieß mich grob in den Straßengraben. Das waren aber komische Leute. Von denen sollte ich etwas lernen können? Ich behielt erst mal die Ruhe und vor allen Dingen die Ruhe, schließlich gab es in unserer Zeit ja auch solche unfreundlichen Mitbürger, mit denen man sich tag täglich herumschlagen mußte. Als Gast in der Zukunft mußte ich freundlich bleiben. Mein ewiges Lächeln auf dem Gesicht hatte zwar etwas Gekünsteltes, aber bei den Leuten, die nicht anhielten, um mich in den Graben zu werfen, mochte es den Eindruck abgrundtiefer Gutmütigkeit erwecken.

Da es hier anscheinend niemanden gab, der verstand, was ich mit meinem Handzeichen bezwecken wollte, setzte ich meine Reise zur Stadt zu Fuß fort. Hin und wieder flogen große Flugsaurier in geringer Höhe vorüber. Manchmal sah ich auch kleine fliegende Untertassen, die von Winzlingen mit spiralförmigen Antennen auf dem Kopf gelenkt wurden.
Ich war so ungefähr eine Stunde zu Fuß unterwegs, als eine dieser bunt angemalten Untertassen nicht weit von mir entfernt zur Landung ansetzte. Das Fluggerät war von einer regelrechten Aura aus an und abschwellendem Licht umgeben, wie ich erst jetzt erkannte. Es öffnete sich eine Luke, und eine Leiter wurde ausgefahren. Zwei dieser Winzlinge verließen das Raumschiff und hüpften auf mich zu, als hätten sie Sprungfedern an den Füßen. Diese Leute waren nur ungefähr fünfzig Zentimeter groß. Einer von ihnen, es war ein besonders kleiner, postierte sich, wild auf und abspringend, vor mich. Zwischen den Antennen auf seinem Kopf, die mich an die Klauen des Pillendrehers erinnerten, entspannte sich bläulich ein mächtiger Lichtbogen, der manchmal auch auf mich übersprang und mir außerdem einen kräftigen Scheitel ins Haar brannte. Er suchte womöglich das Gespräch mit mir, aber dieser seltsamen Sprache war ich nun wirklich nicht mächtig. Wenigstens stießen mich diese Geschöpfe nicht in den Straßengraben, darüber war ich schon mal froh.
Ich bemühte mich natürlich, zur Begrüßung auch einen Lichtbogen zu erzeugen, mit dem Ergebnis, daß meine Augen sich röteten und meine Nase zu laufen begann. Ich bekam die nötige Energie wohl bis in meinen Kopf, aber mit der Entfaltung dieser Kraft haperte es noch. Das versuchte ich dem Winzling händeringend zu erklären. Er aber verstand es nicht, wie sollte er auch, wo uns doch Welten voneinander trennten.
Allmählich wurde es dunkel draußen. Im Raumschiff gingen die Lichter an, was ich, im Angesicht des unermüdlich vor meiner Nase herumspringenden Männleins, als willkommenen optischen Kontrast empfand. Ich beobachtete auch, daß alle Luken des seltsamen Fluggerätes geöffnet wurden. Einer der Winzlinge, ein etwas größerer, lehnte sich aus einer der Luken und schrie: " Detlef und Mareike, kommt ihr rein?!, -Essen ist fertig!"....
Mir verschlug es die Sprache. Wie vom eigenen Lichtbogen getroffen schossen die beiden Wesen zum Raumschiff um darin zu verschwinden. Dann wurde die Luke wieder geschlossen.

Mir war auf einmal klar, daß Bitterfeld recht hatte. Ich mußte noch viel lernen hier in der Zukunft. Die meisten Zusammenhänge verstand ich wohl noch nicht so recht. Ich setzte meinen Fußweg zur Stadt fort. Ich dachte oft an meine Kirschblütenpflückende Großmutter, vielleicht machte sie im echten Leben ja ähnliches durch wie ich hier in der Zukunft. Ich glaube, ich konnte mich jetzt ein wenig in sie hineinfühlen.



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