Verhängnis der Eigenheit![]() Zwei Kinder drückten die Schulbank ganz fest. Ihr habt die Schule ja so lieb, sagte die Lehrerin, während sie unter Zuhilfenahme entsätzlich quietschender Kreide einen längst vergessenen Algorhythmus an die Tafel schmierte. Ihre Stimme klang so hell wie jene des bösen Wolfes, der selbige soeben gefressen hatte. Das, was jetzt auf der Tafel stand, hätte selbst Albert Einstein nicht entziffern können. Wie gut, dass es Hieronymus gab, ein Erstklässler, der nie wirklich geboren war. Sein Nicht-Geboren-Sein schützte ihn vor dem Leben und bewahrte ihn so vor dem Tod, den er längst gestorben war. Fünf Augen haben Sie gemalt, sagte er, wobei das dritte von den Fünfen schielt, hingegen die anderen vier auf den ersten Blick doch eher den Eindruck von leutseliger Transzendenz zu erwecken scheinen. Wie recht du doch hast mein lieber Hieronymus, entgegnete die Lehrerin, es sind allerdings die Augen von Fischen, drei an der Zahl. Dann sind es Karpfen!, schrie Hieronymus, und das schielende Auge stammt von der einäugigen Tiefseescholle ab. Es schielt nur wegen der Dunkelheit dort unten. Eigentlich logisch, denn woher sollte es wissen, dass ein Auge gar nicht schielen kann, wo es doch nichts sieht. Karpfen?, fragte die Lehrerin, wie kommst du auf Karpfen? An der Tafel steht dein Name wie man ihn größer und fetter nicht aufschreiben könnte. Die ganze Welt habe ich gemalt. Zwei Striche genügen, dich zu beschreiben. Ich habe mit deinen Eltern gesprochen. Wir sind uns einig. Dein Vater steht noch drohend hinter der Türe. Möchtest du ihn sehen? Er glaubt mir aufs Wort. Deine Mutter vergräbt in ihrer Verzweiflung über dich die Augen so tief in den Sand daß du dich dafür schämen solltest. Sie will dich ja, nicht. Ihr Unglück soll auch deines sein. Also, was siehst du? Die Kinder schauten sich an, wollten schon lachen, als Vater wie Mutter gesenkten Hauptes ins Klassenzimmer traten. Sie waren nun Zeuge der Anklage und voller Hoffnung auf ein Ende in Frieden. (für Doderer) |