DER VERLEGER
Der Verleger Erwin-Balthasar Schnitzler war schon in seiner Jugend um
nichts verlegen. Er verlegte nicht nur die spektakulärsten
Kurzgeschichten und Romane, nein nein, er verlegte auch oft so wichtige Dinge wie
seine Brille, seinen Bleistift oder sein Handy, - Utensilien, deren
Abwesenheit ein Verlegen so gut wie unmöglich machte. Schnitzler war auf
seine Brille zur Ausübung seines Berufes zwingend angewiesen. Er war
sehr weitsichtig. Viele Berufskollegen beneideten ihn darum. Einige von
ihnen trugen extra - starke Brillen, die sie gar nicht brauchten, nur,
weil sie auch weitsichtig wirken wollten. Das führte aber leider schnell
zur extremen Kurzsichtigkeit. Einer von ihnen gab beispielsweise
sechzig leere Blätter unter dem Titel »BIG MAMA« heraus, ein Essay über eine
heimische Lebensmittelverkäuferin von unglaublichen Außmaßen, das aber
schnell langweilig wurde und bis zum Ende auch langweilig blieb.
Manches muß man aber öfter lesen, bis es interessant wird. Das dachte sich
auch ein scharfer Literaturkritiker aus Boisheim bei Venlo.Diesem Menschen war es vergönnt, nach der vierten Lektüre des Büchleins endlich erste Fingerabdrücke, die ihm selbst gehörten, auf den weißen, unbeschrifteten Seiten zu finden. Das war ja schon mal ein erster, anregender Kontrast,. zumindest visuell. So nach und nach fanden sich auch Tabakkrümel, merkwürdige Notitzen, sowie kleine Fettflecke darin. Die Fettflecken gehörten aber nicht zu der dicken Lebensmittelverkäuferin, die erst am Ende der Geschichte platzen sollte, sondern zu einem Salamibrötchen, das der Kritiker während der siebenundzwanzigsten Lektüre aß. Die Tabakkrümel fielen aus den Zigaretten, die er sich dabei drehte. Was die Notitzen betraf, handelte es sich hierbei meist um Einkaufszettel seiner Frau, deren Inhalt sich auffällig oft angenehm von den Fettflecken abhob. Der geschichtsträchtige Satz: "Socken für Oma, Zucker, Büchsenmilch, - Opa abholen!! - 10.30!!", auf Seite fünfundzwanzig, dem wieder zwölf leere Seiten folgten, war somit automatisch schon von weltliterarischer Bedeutung. Das Buch gefiel ihm mit jeder Lektüre besser. Ein großer Rotweinfleck auf Seite siebenundneunzig, der, allmählich schwächer werdend, noch bis zur Seite einhundertfünf zu verfolgen war, harmonierte sehr schön mit den Überresten zweier Schmeißfliegen, die seine Frau auf den Seiten neunundneunzig und einhundertzwei verewigt hatte. Auch die Sprößlinge der Familie beteiligten sich rege an der Gestaltung des Buches. Nach und nach bevölkerten Strichmännchen und andere merkwürdige Skizzen expressionistischer Machart die vergilbten Seiten. Eines Tages wurde das Buch versehentlich gewaschen. Jetzt waren die Seiten wieder weiß. Alles war verloren. Schade, sehr schade. Es hätte ein Bestseller werden können. zurück | Kurzgeschichten | Schnipsel | Gedichte |