VIER KLEINE VISIONEN ZUM ÜBERGANG

Baum



Der gemeine Mensch

Der gemeine Mensch zehrt sein Leben im Grunde aus der Urkränkung. Sie ist ihm so wichtig wie das Amen in der Kirche. Er möchte das zwar nicht wahr haben, was um so schlimmer ist, da ihm die so einst dringend benötigte Grundlage zum Verhängnis wird. Der Mensch wird Philosoph aus Leidenschaft, wird Beinchensteller seines Schicksals und fällt, wenn es glimpflich abgeht, nur über seinen verlorenen Schnürsenkel.
Der gemeine Mensch wird Christ, eben weil er gemein ist, und nichts ist im Stande, an dieser Situation zu rütteln, außer er selbst. Aber, dazu müsste er Gott hinterfragen, Berge versetzen und sich wenigstens einmal pro Woche die Füsse waschen, damit er nicht stinkt. Dazu ist er, wegen besagter Urkränkung, jedoch nicht in der Lage. Er will gewaschen werden! So steht er denn immer kurz vor dem eigenen Sein.
Türen, die offen stehen, kann man nicht eintreten.
Bleibt halt die Frage, warum man es möchte.
Es scheint in der Tat einen Unterschied zwischen Freiheit und frei sein zu geben. Man muß ihn nur herausarbeiten.




Neulich

Als mir neulich beim Samenerguss einer abging, machte ein breites OHH! die Runde. Von überall her kamen jetzt Leute gelaufen, als gäbe es bei mir etwas umsonst. Vor meiner Türe stapelten sich Menschen zu einem hohen Berg, Menschen, wie du und ich, Söldner, Kaufleute, Bäcker, Schaffner, wie Türsteher. Selbst der Papst verlor den Verstand und ließ sich im vatikanischen Castorbehälter bequem über die Grenze schleusen. Die Fischerchöre formierten sich im Kreis und sangen das schöne Lied:

IMMER IN DER RUNDE, DA BIN ICH ZU HAUS.
UND WENN MICH NICHT DER AFFE FRISST
DANN TUTS VIELLEICHT DIE LAUS.

Dazu schlug ein breitschultriger Mann eine große Pauke.
Den Ähren flog derweil das Korn aus den Blüten.
Mehl wurde Brot
Wasser zum Schwein
Ich querte den Rhein bei Duisburg, zu Fuß!
Kein Wunder!
Chemie!
Ich dachte:
STROHHALM.
meinte aber:
STOPPELFELD.
Ich fiel hernach in einen traumlosen Schlaf, den ich, sehrwohl, gut gebrauchen konnte.



Jupp Schmitzens Pups

Einmal, da mußte selbst der Jupp Schmitz pupsen.
Er ließ es allerdings recht sachte angehen.
Ein Warmer ging ihm in der Folge zischend ab.
Da konnte er wenigstens sagen:
ICH WARS NICHT.
Habt ihr was gehört?



Aus meinem Weihnachtstagebuch

Am zweiten Weihnachtstag überkam mich auf einmal ein beißender Hunger. So machte ich mich denn am späten Nachmittag auf, ein geöffnetes Fresslokal zu finden. Das war natürlich schwer, zumal die Chinesen eh ein anderes Verhältnis zu Feiertagen haben.
Chinese, zu.
Pizzeria, zu.
Yugoslawien, zu, Millowitsch tot, (sowieso)
Alles zu... bis auf das bekannte Restaurant MONTE, inmitten einer freundlichen Fußgängerzone gelegen. Dort fand ich mich schließlich ein.
Das Restaurant war gut gefüllt. Nur mit Glück fand ich noch irgendwo Platz, wo keiner saß. In meiner Not hätte ich selbst mit einem Platz auf dem Schoß einer beschmückten Dame vorlieb genommen, die hier zu hunderten brabbelnd herumsaßen.
Jetzt ein Bier! Jetzt endlich, was zu picken!
Ich schlug die Speisekarte auf, wie vormals Johannes das Evangelium. Ich war ja so froh! Nach zehn Minuten gesellte sich die Wirtin an den Tisch. Ich wollte schon mein Wort erheben, doch vorher tats sie:
BITTE VERLASSEN SIE UNVERZÜGLICH DIESE LOKALITÄT!
Da mußte ich erstmal schlucken.
WARUM?, fragte ich sie.
Seit Jahren trink ich hier friedlich mein Bier!
ICH WEISS NICHT, WARUM, entgegnete die Wirtin.
FRAGEN SIE DEN CHEF.
Da ging ich hin zu diesem Chef, der mich gleich abweisend am Arm zerrte, noch bevor auch nur ein Laut über meine Lippen gekommen war. Er versuchte, mich in die Küche zu ziehen, was ich ihm sogleich verbot. Dann gab er mir einen Tritt in den Arsch, der mich tatsächlich vor die Türe befördete.
Ich ging zum Türken. Da ist es wenigstens nicht so schlimm, wenn man über Weihnachten eine Mütze trägt, oder die Hose zu kurz ist.
Das ist die sogenannte Bürgerlichkeit, auf die ich gerne scheiße.
Selbstgefällig und unkritisch! So gebt ihr euch her, in euerem Wohlstandswahn!
Abweisend und in Liebe solidarisch verachtend!
Heil Schnittlauch in Spiritus Sanktus! Geölt, gebürstet, geschruppt, gebraten. So schmeckt der Feind, so wollt ihr ihn, so braucht er euch! Leider.
Bei euch trink ich jedenfalls kein Bier mehr! Steckt euch euer Frühstück hinter die Binde! Werdet Stopf-Enten! Stellt euch der Verwirrung, werdet klar!
Ihr solltet euch schämen! Nicht ich!
Von mir aus schämen wir uns auch zusammen!
so schön war die Zeit bei Euch!
Pfui Ba!


Es ist schon sehr interessant, von Menschen zu lesen, denen die Grundlage ganz ernsthaft abhanden gekommen ist.


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