DIE WEISHEIT DER WARZEN



Ei schau Denn nur die Warze wird euch Weisheit bringen
drum müßt ihr kräftig darauf springen
Und wenn sie dann, nach Jahren, platzt
ihr mühsam Weisheit in euch schmatzt
so wird auch euch des Himmels Lohn beschehrt
weil, nun ist Weisheit eingekehrt.
(unbekannte, verleugnete Volksweise)

Es gab einmal ein Land, irgendwo war es gelegen, ganz weit weg von hier, so weit, unendlich unerreichbar weit von uns entfernt, - womit ich das irreale Moment der nun folgenden Begebenheit, sicherlich zur Beruhigung des einen oder anderen, durchaus bewußt hervorheben möchte. Nun ja...in diesem weit von uns gelegenen, schon vor Jahrtausenden versunkenen, irrealen Land, wohnten etwa fünftausend Menschen. Es konnte selbstverständlich auch hier einmal geschehen, daß sich, irgendwo und irgendwann zwei dieser Menschen über den Weg liefen, natürlich zur ärgsten Besorgnis der verbliebenen viertausendneunhundertachtundneunzig. Dieses Land war zudem klein, sehr klein sogar; man konnte es mit bloßem Auge kaum erkennen. Erst wenn man eine qualitativ hochwertige Lupe vor den Zeigefinger zum Beispiel seiner rechten Hand führte, dabei großes Licht entfachte, ein Auge fest geschlossen hielt, das andere dafür um so weiter aufsperrte und außerdem noch eine beachtliche Portion ererbter Geschicklichkeit mitbrachte, erst dann konnte man vielleicht damit rechnen, daß sich auf der Netzhaut des weit aufgerissenen Auges, schemenhaft die Konturen dieser beiden Herren abbildeten, vorausgesetzt natürlich, sie wären auch dort, an dieser Stelle, gewesen. Aber, nichts desto trotz, der Hände Finger waren auch damals schon zehn, und so blieb denn immer noch die Möglichkeit, die scharfen Konturen jenes Ländchens, wer weiß wo dort, zu finden. Manchmal rutschte es aber unter irgendeinen, beliebigen Fingernagel, -dann war ja jegliche Suche schon vom Ansatz her zum Scheitern verurteilt. Wie das jedoch nun einmal ist, in diesen brutalen Lügengeschichten, die man, im gemeinen Volksmund, auch Märchen zu nennen trachtet, - ja, ja, selbst heutzutage noch, - so mußte es, wohl oder übel, damals, vor jenen unzählbaren Jahren, einem über und über warzenbefleckten, dazu noch einäugigen, buckligen Waldschrat gelungen sein, sich in nahezu spielerischer Art und Weise, feinsten Einblick in dieses Ländchen zu verschaffen, womit nicht unbedingt gesagt sein soll, daß nun aller Weisheit Wurzel in der Warze begraben liegt. Vielleicht lag es ja auch an seinem unbeschreiblich riesenhaften Augapfel, oder aber daran, daß er nicht diese entsätzliche Mühe hatte, sein nicht vorhandenes, zweites Auge, geschlossen zu halten, was wiederum nicht dazu verleiten sollte, sich in grenzenlos zweiäugiger Blindheit , die Vorzüge der Einäugigkeit vor Augen zu führen, am Ende gar der der Versuchung erliegen könnte, seinem linken oder rechten Äugelein, sanft ausgedrückt, ein für alle male, ade zu sagen.



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