Eine Wintergeschichte



Eine Geschichte von SCHORSCH

Plötzlich war es Winter geworden, tiefster Winter, von heute auf morgen. In der Nacht hatte es geschneit, und meterhohe Schneeberge säumten die Straßenränder. Es war bitterkalt geworden, minus 15 Grad zeigte das Thermometer an. Viele Obdachlose, Bettler, Hausierer und Rentner, die nicht mehr rechtzeitig nach Hause gefunden hatten, standen erfroren und gut konserviert wie Denkmale überall in der Stadt herum. Lange Eiszapfen quollen aus den Nasen vieler Erfrorener und mancher Hut, der zum Betteln hingehalten wurde, war überfüllt mit Markstücken, die vorbeikommende Gönner diesen armen Kreaturen gespendet hatten und immer noch spendeten. Es war ein unglaublicher Reichtum, der nun über diese Leute gekommen war, eine unglaubliche Freizügigkeit der Bürger dieser Stadt hatte dies ermöglicht. Das Weihnachtsfest stand ja auch vor der Tür; da werden viele Herzen weich in der warmen Stube und man gibt auch mal viel ehr eine verbeulte Mark ab, die nicht mehr in den Automaten passt oder immer durchfällt. Andere hatten auch noch einen Gulden oder einige spanische Peseten aus dem Urlaub in ihren Portemonnais, die sie auf diese Art und Weise endlich los werden konnten. Es war schon eine recht merkwürdige Situation. Die Behörden waren informiert; man wollte sich aber auf jeden Fall zurückhalten, bis die Temperatur sich wieder im Plus-Bereich bewegte. Die Hüte der erfrorenen Bettler wurden aber regelmäßig geleert, um Diebstahl und Plünderungen zu verhindern. Natürlich ging ein geringer Teil von fünfzig Prozent in die Stadtkasse, was allgemein toleriert wurde - sein Auto stellt man ja auch nicht einfach ab, ohne vorher fünf Mark für die Stunde in den Automaten geworfen zu haben.
Festgefrohren Es wurde April, aber es herrschte noch immer ein eisiger Frost, der scheinbar kein Ende nehmen wollte. Viele der erfrorenen Bettler waren aufgrund der ständigen Last des schweren Geldes umgestürzt und in tausend Teile zerbrochen. Die Scherben mußten natürlich entsorgt werden. Die Kosten gingen zu Lasten der noch standhaften Erfrorenen. Es erfroren aber nicht nur Bettler, die gerade, wie so oft, ihre Hüte hinhielten als sie erstarrten, nein, auch mancher Rentner stand verstohlen und reglos auf dem Bürgersteig, oder hing mit einem Bein noch in der zugeschnappten Türe eines Linienbusses fest, der auch erfroren war und sich nicht mehr fortbewegte. Diese erstarrten Kreaturen wurden erfahrungsgemäß nicht mit Spenden und milden Gaben bedacht, weil sie keinen Hut hinhielten, und überhaupt schien es an diesem Hut zu liegen, daß die Leute etwas in ihn hineinlegten. Diese Theorie bestätigte sich rasch; ein alter Filzhut, der achtlos weggeworfen worden war, füllte sich alsbald mit den herrlichsten Blüten In -und Ausländischer Währung. Man brauchte von nun an nur noch seinen Hut vor die Haustüre zu legen und schon nach wenigen Minuten hatte man sein Geld verdient. Diese Erkenntnis machte allgemein Schule. Bald gab es mehr Hüte in der Stadt, als Menschen. Man konnte keinen Schritt mehr vor die Haustüre gehen, ohne über einen prall gefüllten Hut zu stolpern.
Es wurde Juli, aber der Frost wollte nicht weichen. Das war sehr merkwürdig. Den Leuten ging das Geld nicht aus. Das war wichtiger.
So nach und nach brauchte man die erfrorenen Bettler nicht mehr, die Hüte waren es, es lag an den Hüten, das hatte man herausgefunden. Und weil es an den Hüten lag, wurden alle noch aktiven Erfrorenen abgesägt, aufgetaut, ihre Personalien erfragt und dann auf der Stelle verbrannt.
Es wurde September und merklich kälter. Was sollte der nahende Winter bringen?



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