ZERFAHREN
Illusion


Die Sache scheint ziemlich zerfahren.
So sehr ich mich auch bemühe, an dieser Stelle die Wahrheit zu erzählen, so sehr trachte ich in einem Atemzug danach, sie möglichst derart anzupreisen, daß ich selber nichts davon erfahre.

Man hat mich in der Tat erschossen, und eigentlich müßte ich auch tot sein.
Andererseits versuche ich mir einzubilden, ich sei noch am Leben. Da ich aber unumstößlich tot bin, kann das ja gar nicht der Wahrheit entsprechen.

Natürlich habe ich mich, wiewohl jeder Andere das auch getan hätte, gegen meinen Tod gesträubt. Womöglich lebe ich gerade deswegen eben noch ein bischen. Röchelnd sank ich darnieder, fiel zunächst auf die Knie, daß mir die Scheiben krachend zerbrachen, leckte an meinem noch warmen Blut, saugte es förmlich wieder in mich auf, um den Verlust meines Lebenssaftes noch irgendwie zu verhindern, und verdrehte die Augen, während sich mein Körper schließlich ebenso gnadenlos wie folgerichtig von mir verabschiedete.

Daß ich mich trotz meines Todes und vor allen Dingen nach ihm noch äußern kann, liegt wohl oder Übel an meinem festen Glauben an das ewige Leben.

Stichwort: Heiliger Geist.

Die landläufige Meinung, der Glaube versetze Berge, möchte ich an dieser Stelle hiermit aufrichtig bestärken, obwohl, und das muß dazugesagt werden, ich schon als kleiner Bub recht oft von merkwürdigen, mir selbst zunächst unverständlichen Eskapaden heimgesucht wurde.

Ich weiß zum Beispiel gar nicht mehr, wie oft ich mich damals im Weihwasserbecken im Querschiff unserer Kirche zu ertränken versuchte.
Sehr wohl ist mir allerdings noch bewußt, wie Tanten und Onkels, der Vater oder die Mutter, der Priester oder die Messdiener mich immer wieder vor dem drohenden Tod durch Ertrinken zu bewahren versuchten, indem sie meinen Kopf harsch aber beherzt aus dem heiligsten aller Gewässer zogen.
In den Augen dieser Menschen galt ich bald als tief religiös. Ich war das Vorbild einer Familie, die keine war und leide sehr darunter. Der Vater führte das Regiment an wie ein tyrannischer Feldherr. Er duldete keine Gefühle neben sich. Er bestand aus einer Mischung aus tiefster Naturverbundenheit und unberechenbarem aufgestauten Hass, den er gnadenlos an uns Kinder weitergab, sowie aus einem ungestillten Verlangen nach seiner Mutter, die er in seiner Frau sah, zumal sie ihm aus Unsicherheit und Angst vor dessen Wutausbrüchen diese Illusion bereitwillig gab.
Was von Herzen kommt, ist immer gut gemeint. Was mit brachialer Gewalt aus der Seele hervorbricht, ist mit Worten nicht zu beschreiben. Der Versuch ist strafbar! Gut, daß ich noch leiden kann, denn sonst würde ich auch herrschen wollen. (wie einfach wäre das) All ihre Hoffnung auf eine Wiedergeburt steckten sie fortan in mich. Ich sollte retten, was längst verloren war, eine unlösbare Aufgabe für ein Kind von zwei, drei Jahren. Zur Sicherheit zerstach ich mir noch die Augen. Nun war ich endlich wirklich blind und hatte meine Ruh, die jedoch nur eine scheinbare war.
Heute ist nämlich eigentlich alles wie gestern, will sagen wie früher, obwohl gestern nur gestern sein kann und heute nur heute. Aber der Spruch ist wohl alt obwohl er noch nie so recht verstanden wurde, wie mir dünkt.

Diese Menschen, zu denen ein Kontakt zu bekommen, mir unmöglich war, (es waren ja schließlich meine Eltern und der Clan um sie herum), ließen sich in der Tat nur durch mein inbrünstiges inneres Schweigen dazu bewegen, mir entgegenzukommen.
Eigentlich, wenn ichs mir im Nachhinein so recht besehe, mochte ich das auch. Welche Wahl hatte ich denn?
Daß man meine natürliche Abhängigkeit allerdings derart mißbrauchte, hat mich doch ein bischen schwer gekränkt wie mir scheint. "Das bildest du dir bloß ein!", schreit eine innere Stimme. "Wenn du etwas sagst, dann bist du verloren, hörst du?"

Wie hätten mir diese Kränkungen auch auffallen können. Ich schaute in hilflose, flehende, hassende Augen, aus denen Strahlen wie Schwerter hervorstachen, vor denen ich eine solche Furcht hatte, daß ich zu Stein erstarren mußte, wollte ich nicht sterben.
Wie sehr freute ich mich, wenn der Vater vom Dienst zurück kam. Manchmal küsste er mich sogar. Wie sehr glaubte ich an diese Augenblicke! Wie gerne wäre ich hinausgelaufen und hätte geschrien. "Hilfe, Hilfe, so helft mir doch! Sie wissen nicht, was sie tun!
Sie sind ihrerselbst nicht mehr Herr! Sie fesseln uns mit ihren stechenden Blicken! Sie verschütten unsichtbare ätzende Säuren über unsere Körper, und hernach nehmen sie uns in den Arm, als sei nichts geschehen! Sie stellen Forderungen, die ich unmöglich erfüllen kann! Sie sehen gar nicht mich! Ich bin doch nur der Spielball ihres Verlangens, ihres Hungers nach Liebe, ihr Ventil für ihren aufgestauten Haß! Sie treiben uns das Leben aus und nennen es Erziehung!"

Ach herrje, was hab ich nur verbrochen. Warum mußte das geschehen? Aus welchem Grund versuche ich all das ungeschehen zu machen? Nur weil ich euch liebe verätzt mein Hass auf euch mir den Körper, zerteilt mich in definierbare Stücke, schmiedet ein Weltbild aus Stahl und glühender Lava, daß es mir eiskalt den Rücken herunterläuft. Mich schaudert mich fröstelt. Ich kann nicht mehr schlafen, ich kann nicht mehr wachen. Unfähig eines klaren Gedankens, haste ich durch dieses Leben, immer in der Hoffnung, es möge doch bitte nicht wahr sein, was meine innere Stimme mir zuflüstert. Aber, es gibt kein zurück mehr. Es ist zu wahr um schön zu sein.




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