EINE ZUGFAHRTEine Geschichte von SCHORSCH Ich hatte im Reisebüro eine Zugfahrt zweiter Klasse nach München gebucht, um meinen alten Studienfreund Johannes Wittlich zu besuchen. Seit unser gemeinsamen Studienzeit vor 25 Jahren hatten wir uns nicht mehr gesehen, und ich war gespannt, was aus ihm geworden war. Ich hatte es immerhin zum Dr. der Physik gebracht. Wittlich hatte mir geschrieben, daß er in München eine florierende Praxis führte und sich außerdem ein Zubrot mit der Wahrsagerei verdiente. Ich stand verloren in der öden Bahnhofshalle herum und wartete auf den Intercity nach München, der bereits zweieinhalb Stunden Verspätung hatte, als mich ein kleingewachsener Herr vorsichtig in die Seite stieß. "Warten Sie auch auf den Intercity nach München?", fragte er mit dünner Stimme. "Ja, München ist das Ziel meiner Reise", bestätigte ich kurz und knapp. "Das trifft sich ja gut", sagte der kleine Herr, "ich muß nämlich auch dorthin". "Dann können wir ja zusammen nach München fahren", erwiderte ich und putzte mir die Nase, als der Intercity endlich in den Bahnhof einfuhr. Der kleine Herr und ich fanden nach langer Suche ein gemütliches, verqualmtes Abteil, in dem zwei ältere, Zigarren rauchende Herren saßen, und ganz hinten links konnte man durch den Nebel noch eine junge Mutter erkennen, die ihren Säugling stillte. Wir saßen kaum auf unseren Plätzen, da setzte sich
der Zug auch schon laut quietschend in Bewegung. "Fahren Sie auch nach
München?", fragte einer der beiden älteren Herren, dabei eine mächtige
Fuhre Qualm ausstoßend. "Ja, München ist das Ziel meiner Reise",
erwiderte ich kurz und knapp. "Oh, Sie fahren auch nach München?,
pfeifte der kleine Herr den Zigarrenraucher an, "das trifft sich ja gut",
ich muß nämlich auch dorthin." "Dann können wir ja zusammen nach
München fahren", meldete sich die junge Mutter zu Wort, und legte ihren
Säugling wieder in das Körbchen, nachdem er sein Bäuerchen gemacht
hatte, wobei er außer Muttermilchresten auch fortwährend kleine
Rauchwölkchen ausspie. Der andere der beiden älteren Herren warf seinen
Zigarrenstummel aus dem Fenster und steckte sich eine vorgestopfte
Pfeife an. "Welche Sorte Tabak ist das?", fragte die junge Mutter.
"Das ist eigene Produktion junge Frau, eigene Produktion!", schnaubte
der Pfeifenraucher die Dame nicht ohne Stolz an. Danach hielt er einen
zweistündigen Vortrag über die Tabakpflanze in Europa und Übersee, der
mich ganz schwindelig machte.Unterdessen hatten wir Frankfurt passiert und rasten in irrem Tempo auf Stuttgart zu. Der kleine Herr fragte alle in Frankfurt Zugestiegenen, ob sie denn auch nach München führen. Ich dachte an meinen Freund Johannes Wittlich, der mich am Bahnhof abholen wollte. Auch interessierte mich, welcher Art die Praxis war, die er führte; darüber hatte er sich in seinen Briefen nie ausgelassen. Die junge Mutter strickte an einem Pullöverchen für ihren Kleinen und erzählte die tieftraurige Geschichte von ihrem Mann, einem Sanitär- und Heizungsbauer, der sie nach der Geburt ihres gemeinsamen Kindes einfach im Stich gelassen hätte, von heute auf morgen. Sie wolle sich in München nach einem neuen, frischen Mann auf dem schwarzen Markt umsehen; es sollte auf keinen Fall mehr ein Europäer sein, den sie dort kaufen wolle; einen Indonesier oder einen Pekinesen wolle sie sich zulegen; diese Menschen wären klein, fein, edel und machten nicht so viel Dreck wie die europäischen Männer. Man hörte allgemein sehr interessiert zu und verurteilte das Verhalten des Sanitär- und Heizungsbauers aufs Allerschärfste. Selbst der kleine Herr wagte nicht mal mehr zu fragen, ob denn der Sanitär- und Heizungsbauer auch schon mal nach München gefahren sei. Bei dieser anregenden Plauderei verging die Zeit wie im Fluge; In Null-Komma-Nichts standen wir im Münchener Hauptbahnhof. Der kleine Mann war sehr traurig, weil die Reise so schnell zuende gegangen war. Wir verabschiedeten uns höflich voneinander und gingen unsere eigenen Wege.
Schon von Weitem sah ich Wittlich winken; mein Gott, war das ein Kerl
geworden. Ich hatte ihn klein und spindeldürr in Erinnerung. Jetzt
stand vor mir ein Hüne von Mensch, zwei Meter groß und türbreit. Wir
fielen uns in die Arme, wir mußten beide weinen, so groß war die
Wiedersehensfreude. Erst nach zehn Minuten fanden wir die Worte wieder.
"Johannes", stotterte ich, "mein Gott, du hast dich aber zu deinem
Vorteil verändert." "Johannes?", fuhr mich schroff eine Stimme aus
großer Höhe an. "Ich heiße nicht Johannes, merken Sie sich das!" Oje, er
war nicht Johannes Wittlich, wir hatten uns verwechselt! "Unglaublich,
unglaublich!", fauchte der Bär mir ins Gesicht, und gab mir einen
Tritt in die Seite, der mich mühelos von Gleis 4 nach Gleis 6
beförderte. Dort lag ich bestimmt zehn Minuten bewußtlos neben einer leeren
Flasche Rotwein, die ich gar nicht getrunken hatte. Einige nette Leute
warfen mir Münzen in den Schoß; einige weniger nette bedachten mich
mit bayerischen Schmähungen, die ich nicht verstand. Ich raffte mich
auf, sammelte das Kleingeld ein, das schwer in meinen Taschen lag, und
suchte den ganzen Bahnhof nach Johannes Wittlich ab, ohne Erfolg.
Weder im Telefonbuch noch beim Einwohnermeldeamt war ein Mensch mit
diesem Namen verzeichnet. Ich durchquerte fast alle Straßen Münchens
und klingelte die Leute aus den Betten, aber niemand wollte einen
Johannes Wittlich kennen. Schwer verstört löste ich ein Ticket Richtung
Heimat. Ich verweigerte während der Fahrt jedes Gespräch mit den
Abteilinsassen, so verbittert und enttäuscht war ich.In meinem Briefkasten hatte sich viel Post angesammelt. Es war auch ein Paketschein angekommen. Das Paket wollte ich dann morgen früh abholen, ich war einfach zu kaputt. Ich hatte schlecht geschlafen und schwer von Johannes Wittlich geträumt, ich hatte ihn erschossen, aufgeknüpft, geteert und gefedert. Dann hatte ich ihn an ein Wagenrad gebunden, und es vom Matterhorn in die Tiefe sausen lassen. Das war meine ganz persönliche Abrechnung mit Wittlich; mit ihm war ich fertig, ein für allemal. Auf dem Postamt herrschte reger Betrieb. Ich mußte eine Stunde warten, bis ich an die Reihe kam. Der Schalterbeamte war höflich und sehr genau. Trotzdem mußte er eine halbe Stunde nach meinem Paket suchen. Es war ein kleines Paket, eher ein Päckchen, ja fast eine Briefsendung, die ich da in Händen hielt. Merkwürdig, das Päckchen roch irgendwie nach...Fisch. Auch fand ich keinerlei Angaben zum Absender. Es trug den Stempel der Hansestadt Hamburg. Komisch, ich kannte keinen in Hamburg. Als ich das Päckchen zu Hause öffnete, fiel ein arg ramponierter, verdorbener Räucheraal heraus, den meine Katze sofort für sich vereinnahmte. Merkwürdig das alles, sehr merkwürdig. Ich untersuchte das Päckchen näher. Aha, ich fand ganz unten noch einen in Folie eingeschweißten Zettel mit folgendem Wortlaut: Hallo Stumpilein! Ich habe 3 Stunden im Hauptbahnhof auf dich gewartet! Wo warst du? Wird wohl was dazwischengekommen sein. Lass dir den Aal trotzdem schmecken! Alles Gute! Johannes. Ich wurde violett im Gesicht. Ich rannte zur Toilette und mußte mich gräßlich übergeben. Wittlich war vor zwei Jahren von München nach Hamburg gezogen; das hatte ich ganz vergessen. zurück | Kurzgeschichten | Schnipsel | Gedichte |